Immer mehr Übergriffe seit erstem Lockdown 2020

Northeim: Häusliche Gewalt nimmt in Corona-Krise zu

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Seit dem ersten Corona-Lockdown ist die Zahl der Übergriffe in den eigenen vier Wänden im Kreis Northeim stark gestiegen (Symbolbild).

Die Zahl der Opfer von häuslicher Gewalt ist auch im Landkreis Northeim während der Corona-Krise deutlich gestiegen. Das hat jetzt Polizeihauptkommissar Dirk Schubert, Leiter des Präventionsteams bei der Polizeiinspektion Northeim, auf HNA-Anfrage mitgeteilt.

Northeim - Demnach sind im vergangenen Jahr mehr als 300 Opfer polizeilich registriert worden. Das sind über 30 Fälle mehr als 2019, also ein Anstieg um rund 10 Prozent. Aber: Die Polizei geht von einem großen „Dunkelfeld“ aus, also von viel mehr Taten, die aber nicht bekannt werden.

Schubert betont, dass im vorigen Jahr die Zahlen nicht gleich mit dem ersten Corona-Lockdown in die Höhe geschnellt sind, obwohl man das eigentlich vermuten könnte, weil viele Menschen viel Zeit in den heimischen vier Wänden verbrachten: „Das Gegenteil war der Fall. Im Lockdown gingen die Zahlen erst mal rapide zurück.“

Eine plausible Erklärung habe die Polizei dafür nicht. Man könne nur vermuten, dass die Opfer in dieser Zeit einfach keine Gelegenheit hatten, die Polizei zu alarmieren. „Oder aber, es gab tatsächlich weniger Gewalt“, so Schubert.

Als der erste Corona-Lockdown dann Ende Mai, Anfang Juni 2020 endete, schossen die Fallzahlen laut Schubert jedoch in die Höhe – und sind seitdem kontinuierlich gestiegen. In den meisten Fällen sind Frauen die Opfer, aber es gibt laut Schubert durchaus auch Fälle, bei denen Männer von Frauen misshandelt werden. Allerdings sei die Hemmschwelle, dann die Polizei zu alarmieren, bei Männern noch höher, als bei Frauen.

Insgesamt, so Schubert, sei das Thema häusliche Gewalt in Deutschland aber auch weiterhin ein Tabuthema. „Erst wenn nichts mehr geht und die Situation eskaliert, wird die Polizei hinzugezogen.“ Häufig würden sich die Opfer erst Freunden oder anderen Familienmitgliedern anvertrauen, bevor sie den Schritt wagen, die Polizei zur Hilfe zu holen. „Meist erst dann, wenn die Lage total eskaliert ist und auch Kinder zu Opfern werden, kommen wir ins Spiel“, sagt der Polizeihauptkommissar.

Wenn die Polizei zu einer häuslichen Gewalt gerufen wird, ist grundsätzlich kein Einsatz wie der andere, sagt Polizeihauptkommissar Dirk Schubert. „Die Kollegen wissen nie, was sie erwartet.“ In welchem Zustand ist das Opfer, ist es verletzt, was ist mit dem Angreifer, ist er noch in der Wohnung und weiterhin gewalttätig? Sind Kinder in der Wohnung? Fragen über Fragen, die sich die Polizisten vor jedem dieser Einsätze stellen müssen, so Schubert. „Wichtig ist natürlich der Eigenschutz, danach ist das erste Ziel, beide ‘Parteien‘ zu trennen“. Dann müssten die Polizeibeamten versuchen, die Lage zu beruhigen und den Sachverhalt zu erfragen.

Eine mögliche Maßnahme sei dann die sogenannte „Wohnungsverweisung“, bei der der Täter die Wohnung für höchstens 14 Tage verlassen muss. Stellt das Opfer allerdings einen entsprechenden Antrag nach dem Gewaltschutzgesetz beim Amtsgericht, kann diese Maßnahme auch noch verlängert werden. „Es bleibt dann nur noch Zeit, das Nötigste zu packen, dann muss die Wohnung sofort verlassen werden“, erläutert Schubert.

Die Zeiten, in denen das Opfer auf eine Strafanzeige verzichtet oder, wie früher häufig passiert, eine zuvor gestellte Anzeige wieder zurückzieht, sind nach Schuberts Worten übrigens vorbei: „Die Strafanzeige wird von uns von Amts wegen gestellt.

Der zuständige Staatsanwalt entscheidet dann, ob gegen den Täter ein Strafverfahren, verbunden mit einem Gerichtsverfahren, eingeleitet wird.“ Und es helfe auch nichts, wenn die oder der Geschädigte später verlange, dass dieses Verfahren eingestellt wird. Die Erfahrungen der vergangenen Jahre hätten gezeigt, dass viele Gewaltopfer kein Interesse an einer Strafverfolgung gegen den Täter haben, sagt Schubert. Und das, obwohl sie sich vorher in einer für sie „ausweglosen Gewaltsituation“ befunden und die Polizei um Hilfe gerufen hätten.

Halten sich bei einem solchen Einsatz Kinder mit in der Wohnung auf, greifen seitens der Polizei weitere Maßnahmen: „Bei jedem Einsatz, bei dem auch Kinder in der Wohnung angetroffen werden, informieren wir das zuständige Jugendamt, das weitere Maßnahmen in die Wege leitet“, so Schubert. (kat)

Hier bekommen Opfer Hilfe: Beim Landkreis Northeim gibt es eine Beratungs- und Inter–ventionsstelle bei häuslicher Gewalt (BISS). Hier wird Opfern geholfen, unter anderem durch Informationen zu rechtlichen Möglichkeiten, bei der Kontaktaufnahme zu Behörden oder durch die Entwicklung von Zunkunftsperspektiven. Kontakt: Telefon 0 55 51/70 83 21 und E-Mail biss@landkreis-northeim.de. Natürlich ist auch die Polizei rund um die Uhr Ansprechpartner für die Opfer (Notruf 110).

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