Traditionsbäckerei muss schließen 

Dem Handwerk geht auch im Kreis Northeim das Personal aus

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Schließt Ende September: Die Bäckerei Fiebich in Northeim. Das Bild zeigt Johannes Fiebich und seine Mutter Renate in der Backstube des Betriebes an der Hagenstraße.

Im Landkreis Northeim finden insbesondere Betriebe aus dem Lebensmittelhandwerk wie Bäckereien und Fleischereien keine Fachkräfte mehr. Betriebe müssen deswegen schließen.

Der Personalmangel im gesamten Handwerk habe mittlerweile einen Umfang erreicht, der das Wachstum erheblich bremse, sagt Kreishandwerks-Geschäftsführer Joachim Nüsse und verweist dazu auf Zahlen des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks.

Demnach habe die Bundesagentur für Arbeit Ende 2017 noch insgesamt 150 000 unbesetzte Stellen im Handwerk ausgewiesen. Inzwischen sei von einem erheblich höheren Bedarf von etwa 250 000 Personen auszugehen, wobei zu berücksichtigen sei, dass viele Betriebe es aufgegeben haben, freie Stellen zu melden.

„Ausschlaggegend für die Probleme ist die Situation auf dem Ausbildungsmarkt“, sagt Nüsse. „Vor zehn Jahren wurden im Handwerkskammerbezirk Hildesheim-Südniedersachsen noch 104 Bäcker ausgebildet, im vergangenen Jahr waren es nur noch 57. Im Fleischerhandwerk haben im vergangenen Jahr nur noch 28 Lehrlinge ihre Ausbildung abgeschlossen. 2009 waren es noch 61.“

Laut Zentralverband sind nahezu alle Gewerke und Regionen in Deutschland vom Personalmangel betroffen. Das habe zur Folge, dass Kunden sich auf immer längere Wartezeiten einstellen müssen, weil Betriebe an ihre Kapazitätsgrenzen kommen. Immer öfter würden Aufträge sogar abgesagt.

Die Nachwuchsgewinnung sei daher eine große Herausforderung für die Betriebe, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken, so Nüsse. Nur wenn es gelinge, eine höhere Wertschätzung für handwerkliche Ausbildung zu erreichen, könnten weitere Betriebsschließungen, wie ganz aktuell die der Bäckerei Fiebich in Northeim, vermieden werden.

Bäckereien besonders betroffen

Insbesondere das Bäckerhandwerk ist vom Fachkräftemangel betroffen. Im vergangenen Jahr wurden bundesweit 428 Betriebe neu in die Handwerksrolle eingetragen. Die Zahl der Abmeldungen lag laut Bäcker- und Konditorenvereinigung Nord mit 873 erheblich höher. 

Bäckerei Fiebich schließt

In Northeim geht Ende September ein Stück Handwerksgeschichte zu Ende. Denn dann wird die Bäckerei Fiebich, die 1962 von Johannes Fiebich senior eröffnet wurde, ihren Betrieb einstellen. 

„Wenn früher ein Betrieb geschlossen wurde, lag es daran, dass es zu wenig zu tun gab“, sagt Johannes Fiebich junior, der seit 1990 in der Backstube an der Wassergasse das Sagen hat. „Heute müssen Handwerker aufgeben, weil es für die viele Arbeit einfach zu wenig Fachkräfte gibt.“ 

Bereits seit einem Jahr hat er vergeblich versucht, krankheitsbedingte Personalengpässe auszugleichen, berichtet Fiebich. Aber das ist ihm nicht gelungen. Im Gegenteil: Durch den längeren Ausfall eines weiteren Mitarbeiters hat sich die Situation sogar noch verschärft, sodass die Arbeit in der Backstube, die früher vier Personen gut beschäftigt hat, von anderthalb Personen erledigt werden muss.

Auch das Ausfahren der Brötchen muss er mittlerweile selbst erledigen. Dass er dabei immer mehr Autos von Handwerksbetrieben auch aus anderen Branchen sieht, an denen Schilder mit Stellenangeboten hängen, ist für den 51-Jährigen ein deutliches Zeichen dafür, dass auch andere diese Probleme haben.

Das sei allerdings kein Trost, bedeute es doch, dass sich an der gegenwärtigen Situation nichts ändern werde. „Die Entscheidung, den Betrieb jetzt aufzugeben, ist uns nicht leicht gefallen, aber es geht einfach nicht mehr“, sagt Fiebich und betont, dass er dabei von seiner Mutter Renate unterstützt wird. „Die hat noch viel mehr Herzblut in den Betrieb gelegt und muss auch heute noch mitarbeiten, um ihn am Laufen zu halten.“

 Nicht mehr zu schaffen

Ausschlaggebend seien letztendlich zwei Punkte gewesen: Zum einen die Tatsache, dass er selbst nicht wegen Krankheit ausfallen dürfe, weil sonst gar nichts mehr ginge, und zum anderen das bevorstehende Weihnachtsgeschäft, das mit dem wenigen Personal einfach nicht zu bewältigen sei. 

„Wir möchten uns bei unseren Mitarbeitern bedanken, die bei uns zum Teil seit Jahrzehnten beschäftigt waren und so manche Schlacht mit uns geschlagen haben“, sagt Fiebich. „Und natürlich auch bei unseren Kunden, die seit Jahrzehnten bei uns eingekauft haben und ohne die die vielen Jahre nicht möglich gewesen wären“, ergänzt seine Mutter.

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