Personalnot

Hilfsorganisationen finden kaum Helfer für Flüchtlingshilfe

Medizincheck: In den Sanitätsstationen der Flüchtlingsunterkünfte werden die Flüchtlinge von Mitarbeitern der Johanniter untersucht. Foto:  Jan Dommel/Johanniter/nh

Northeim. Neue Aufgaben in der Flüchtlingsbetreuung und höhere Anforderungen im Rettungsdienst bringen die Hilfsorganisationen in personelle Bedrängnis.

Medizinische Fachkräfte wie Rettungsassistenten sind ebenso gefragt wie Sozialarbeiter und Sozialpädagogen. Doch der Markt ist leergefegt.

Im Landkreis Northeim greifen Johanniter-Unfall-Hilfe (JUH), Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) und Deutsches Rotes Kreuz (DRK) deshalb verstärkt auf ehrenamtliche Helfer zurück. „Wenn wir den Auftrag bekommen, eine Flüchtlingsunterkunft zu betreuen, müssen wir schnell reagieren. Das geht nur mit Ehrenamtlichen“, berichtet Maike Müller vom JUH-Regionalverband Südniedersachsen. Hauptamtliches Personal einzustellen, dauere mehrere Wochen. Bisher sei es den Johannitern aber gelungen, alle Stellen zu besetzen, berichtet der Northeimer Dienststellenleiter Bernward Kellner.

Problematisch sei, dass man neuem Personal keine langfristigen Verträge anbieten könne, sagt Herbert van Loh, Vorstand des DRK-Kreisverbands Göttingen-Northeim. „Jahresverträge sind nicht sehr attraktiv. Aber wir wissen natürlich nicht, in welche Richtung sich die Flüchtlingssituation entwickelt.“ Dieses Problem macht sich auch beim ASB-Kreisverband Northeim/Osterode bemerkbar. „Wir haben Schwierigkeiten, in unseren Notunterkünften alle Stellen zu besetzen“, berichtet ASB-Sprecherin Maren Schimkowiak.

Hinzu kommt, dass die Ausbildung im Rettungsdienst seit dem 1. Januar 2015 drei statt zwei Jahre dauert, den Rettungsdiensten also ein Jahr ohne eigenen Nachwuchs bevorsteht. Bis 2020 können sich ausgebildete Rettungsassistenten zum Notfallsanitäter fortbilden. Dafür müssen sie je nach Berufserfahrung einen mehrmonatigen Aufbaukurs absolvieren. In dieser Zeit stehen sie auf den Rettungswachen nicht zur Verfügung.

Personal für die Betreuung und Versorgung von Flüchtlingen in den Notunterkünften zu finden, bereitet allen Hilfsorganisationen die größten Probleme. „In den Unterkünften müssen wir nicht nur mit medizinischem Personal rund um die Uhr den Sanitätsdienst sicherstellen, sondern auch für die Betreuung der Flüchtlinge sorgen“, erklärt DRK-Vorstand Herbert van Loh. Sozialarbeiter oder Sozialpädagogen zu finden sei quasi unmöglich: „Wir haben die Suche aufgegeben.“

Stattdessen setzt das DRK auf Migranten, die schon lange in Deutschland leben. „Sie haben zwar keine fachliche Ausbildung, sprechen aber die Sprachen und kennen die Länder, aus denen die Flüchtlinge kommen. Da ist sofort eine Vertrauensbasis vorhanden“, erklärt van Loh.

Kaum Bewerber

„Wir schreiben für unsere Notunterkünfte zwar häufig Stellen im medizinischen Bereich aus, erhalten aber nur dürftige Rückmeldungen“, berichtet Maren Schimkowiak vom ASB. Als Grund vermutet sie die zeitlich begrenzten Arbeitsverträge. Deshalb müssten vermehrt Ehrenamtliche oder Mitarbeiter aus dem Rettungsdienst aushelfen. „Problematisch ist, dass Ehrenamtliche nicht unbegrenzt Zeit haben“, betont Bernward Kellner, Dienststellenleiter der Johanniter in Northeim.

Im Rettungsdienst selbst sehen sich alle Hilfsorganisationen noch recht gut aufgestellt, wenngleich die Zahl der Bewerber im Vergleich zu den Vorjahren eher zurückgegangen sei. „Es gibt aber immer noch mehr Bewerber als Ausbildungsplätze“, so Kellner.

Dreijährige Ausbildung

Der DRK-Kreisverband Göttingen-Northeim habe im Rettungsdienst bisher einen guten Weg gefunden, um die Personalknappheit aufzufangen, berichtet Rettungsdienstleiter Thomas Gerlach. „Bei uns gab es vor der Notfallsanitäterausbildung bereits eine dreijährige Ausbildung.“ Ein „Loch“ reiße die Umstellung deshalb nicht.

Zuletzt habe es 60 Bewerbungen auf die acht Ausbildungsplätze zum Notfallsanitäter gegeben. „Wir wählen unsere Auszubildenden sorgfältig aus“, erklärt Gerlach. Dazu gehöre auch ein Eignungstest. Derzeit beschäftige der Kreisverband auf den neun Rettungswachen 24 Auszubildende zum Notfallsanitäter. „Wir könnten durchaus noch mehr ausbilden“, so Gerlach. Es gebe aber noch keine landesweite Einigung mit den Kostenträgern, wer die Ausbildung bezahle. Während die Ausbildung zum Rettungsassistenten rund 3500 Euro kostete, fallen für den Notfallsanitäter 20 000 Euro an.

Außerdem sei es schwierig, für die Azubis genügend Praktikumsplätze in Krankenhäusern zu finden. (jus)

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