"Jeder Mensch kann zum Mörder werden"

Abschied aus dem Polizeidienst: Hartmut Reinecke (61) geht Ende November in den Ruhestand. Foto:  Plikat

Northeim. Hartmut Reinecke, Chef der Mordkommission bei der Polizeiinspektion Northeim-Osterode, geht in den Ruhestand

Kann jeder Mensch zu einem Mörder werden? Hartmut Reinecke überlegt lange, bevor er sagt: „Im Prinzip schon. Wer immer wieder niedergemacht und gesellschaftlich herabgesetzt wird, wer psychisch krank ist, der kann auch zum Mörder werden.“

Der Kriminalbeamte muss es wissen, denn viele Jahre waren Mord, Totschlag und Grausamkeiten, die jenseits menschlicher Vorstellungskraft liegen, sein Metier. Neid, Habgier, Zorn: Kaum jemand kennt die biblischen Todsünden so gut wie Reinecke. Viele Jahre hat der Leiter der Mordkommission bei der Polizeiinspektion Northeim-Osterode in die Abgründe der menschlichen Seele geblickt. Jetzt geht der 61-Jährige in den Ruhestand.

Total ruhig und entspannt sitzt Reinecke in diesen Tagen an seinem Schreibtisch, sortiert Akten, heftet Unterlagen ab, räumt sein Büro auf.

Gibt es eigentlich einen Fall, der ihn nachhaltig belastet, den er so schnell nicht vergessen wird? „Ja“, sagt Reinecke sofort, „die beiden getöteten Kinder in Bodenfelde.“

Im Jahr 2010 hatte der später festgenommene Jan O. einen Jungen und ein Mädchen nahe Bodenfelde ermordet, versucht, Teile der Leichen zu essen. „Das kann ich nicht verdrängen“, sagt Reinecke.

Hass für den Täter

Hervorgerufen wohl auch durch das 18-seitige „Endgeständnis“ von Jan O., das 2011 im Mordprozess vor dem Göttinger Landgericht im Gerichtssaal verlesen wurde. Darin hatte der später zu lebenslanger Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung verurteilte Täter bis ins kleinste Detail seine Tat geschildert.

„Ich denke, ich habe damals so etwas wie Hass für den Angeklagten empfunden“, sagt Reinecke mit leiser Stimme. „Man entwickelt einfach ein negatives Gefühl. Dagegen kann man sich nicht wehren. Doch man muss das als professioneller Ermittler unterdrücken können.“

Natürlich ist er im Nachhinein froh, dass der Täter überführt und verurteilt werden konnte.

Prostituierten-Mord

Überhaupt wurden fast alle Mordfälle, die Reinecke in seiner Zeit begegnet sind, von ihm und seinem Team gelöst. Aber eben nur fast alle: Reinecke ärgert sich, dass er einige Fälle zusammen mit seinem Team nicht aufklären konnte. Dazu gehört zum Beispiel die Ermordung einer Prostituierten in Einbeck im Jahr 1995. Zwar wurde damals ein Verdächtiger festgenommen, doch ein DNA-Abgleich ergab keinen Treffer, der Verdächtige wurde wieder freigelassen. Und warum ist ihm gerade dieser Fall so wichtig? „Die Frau wurde auf eine spezielle Art und Weise ermordet, die ich vorher auch noch nicht kannte“, sagt Reinecke.

Mehr Details will er aber nicht erzählen. Denn vielleicht ergebe sich ja irgendwann durch einen Zufall eine neue Spur.

Dann ist sein Team gefragt, die Kollegen des Fachkommissariats I, auf das er nach eigenen Worten total stolz ist. Er spricht von besonders motivierten Beamten, von Querdenkern, die das Feld auch mal von der Gegenseite aufrollen, von gegenseitigem Respekt. „Vor allem hatten wir immer ein gemeinsames Ziel vor Augen. Dem Täter eine gerechte Strafe zukommen zu lassen.“

Selbstmord

Doch Reinecke und sein Team sind nicht nur für Tötungsdelikte zuständig, sondern auch für andere Dinge, wie häusliche Gewalt, sexuellen Missbrauch, Kinderpornographie, plötzlichen Kindstod und eben auch Suizid. „Wenn man miterlebt, dass sich ein Mann, der kurz zuvor bei einem Ladendiebstahl im Wert von einem Euro erwischt wurde, das Leben nimmt, nimmt einen das natürlich emotional mit“, erzählt der 61-Jährige.

Bei so vielen schlimmen Dingen, die er im Laufe seiner Polizeikarriere erlebt hat, ist Reinecke doch bestimmt total erleichtert, endlich in den Ruhestand gehen zu können. „Erleichtert bin ich nicht. Meine Arbeit war immer wichtig und hat auch viel Spaß gemacht. Ich freue mich aber, dass ich endlich Zeit habe für meine vielen Hobbys. Und meine große Leidenschaft Tanzen.“ (kat)

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