Der Selbstversuch bei minus 110 Grad

Kalt, kälter, Kryosauna: So wirken sich dreistellige Minusgrade auf den Körper aus

Lea-Sophie Mollus in der Kryosauna bei Dr. Axel Fischer
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Von minus 110 Grad kaltem Stickstoff umhüllt wird der Körper von Lea-Sophie Mollus in der Kältesauna.

Drei Minuten bei minus 110 Grad – da bekomme ich bei der bloßen Vorstellung schon Gänsehaut. Die Rede ist von der Kryosauna, auch Kältesauna oder Kältetonne genannt.

Northeim – Was genau steckt hinter dieser Methode und wie lässt sich diese extreme Kälte aushalten?

Bisher ist nicht wissenschaftlich belegt, wie Kälte auf den Körper wirkt. Vielen Beobachtungen zufolge, die bis ins Japan der 1980er-Jahre zurückreichen, habe sie aber auf unterschiedliche Beschwerden positive Auswirkungen. Ein Heilversprechen gebe es jedoch nicht. Das macht Dr. Axel Fischer, Facharzt für Anästhesie, der die Kryotherapie in seiner Northeimer Praxis anbietet, deutlich.

Während die meisten Menschen im Winter nur dick eingepackt vor die Tür gehen, setze ich mich hier nur mit Schuhen, Handschuhen und Unterwäsche bekleidet, dreistelligen Minustemperaturen aus. Ist das nicht gefährlich? Nein, für 99 Prozent der Menschen nicht, weiß Dr. Fischer. Temperaturen in diesem Bereich könnten zwar ein potenziell gefährlicher Reiz für den Körper sein, durch die „andere Kälte“ bestehe für die meisten Menschen jedoch keine Gefahr.

„Es ist nicht so kalt, wie man sich das vorstellt“

Wer jedoch zum Beispiel erst vor Kurzem einen Schlaganfall oder Herzinfarkt erlitten hat oder unter Bluthochdruck leidet, sollte die Kryosauna eher meiden, so der Anästhesist. In Vorgesprächen wägt er ab, ob eine Behandlung in Frage kommt.

Die Sauna wird vorher bereits auf minus 90 Grad heruntergekühlt, man wird also direkt ins kalte Wasser, oder besser gesagt, die kalte Sauna geschmissen. „Es ist nicht so kalt, wie man sich das vorstellt“, sagt der Arzt. Wenn man im Winter nur leicht bekleidet rausgehe, fühle es sich wesentlich kälter an.

Etwas aufgeregt und gespannt, was mich erwartet, stelle ich mich auf das Podest und verschränke meine Arme vor der Brust. Die Helferin schließt die Türen. Ein etwas beklemmendes Gefühl. Langsam wird es kühler. „Wie kalt ist es jetzt?“, frage ich nach einiger Zeit. Da waren wir schon bei der Tiefsttemperatur angelangt.

„Das war’s schon?“

Ich hatte mich darauf eingestellt, unfassbar zu frieren, am ganzen Körper zu zittern und mir das Ende der Behandlung herbeizusehnen: Nichts dergleichen trat ein. Dann schaltet die Helferin das Gerät auch schon wieder ab. „Das war’s schon?“ Die Zeit verging wie im Flug und es fühlte sich tatsächlich nicht einmal annähernd wie minus 110 Grad an.

Doch wie kann das sein? Das liege daran, dass die Kälte in der Tonne, anders als draußen, sehr trocken ist, erläutert Dr. Fischer. Der Körper wird von Stickstoff umhüllt, der auf Kopfhöhe abgesaugt wird, damit er nicht eingeatmet werden kann. Durch die Kälte verengen sich die Hautgefäße, sodass diese nicht an die Organe gelangen kann.

Dr. Axel Fischer, Facharzt für Anästhesie

Der eigentliche Effekt beginnt aber erst nach Ablauf der drei Minuten. „Der Körper wird resettet“, wie Dr. Fischer sagt. Sechs bis acht Stunden wirkt der Saunabesuch nach, der Körper wird besser durchblutet, der Stoffwechsel angeregt.

Ein bisschen zittrig fühlt sich mein Körper danach an – nicht vor Kälte, sondern eher wie nach einer Achterbahnfahrt, wo das Adrenalin den ganzen Körper durchströmt. Direkt nach Verlassen der Sauna reguliert der Körper die Kälte und mir wird warm.

Alternative zur Schulmedizin

„Häufig haben die Patienten hinterher ein euphorisches Gefühl“, sagt Dr. Fischer. Das liege an dem körpereigenen Botenstoff Noradrenalin, der ausgeschüttet wird. Dieser wirkt als Neurotransmitter, weshalb die Kryotherapie auch zur Behandlung von Depressionen genutzt werde.

Der 54-Jährige, der sich bei Rückenschmerzen auch gerne selbst einmal in die Tonne stellt, interessiert sich im Rahmen der Schmerztherapie schon lange für Kälte. Er hat etwas gesucht, was abseits der Schulmedizin bei Beschwerden helfen kann – „komplementär, nicht alternativ“, so der Anästhesist. Teilweise habe er schon Erfahrungen mit Patienten gemacht, die ihre Medikamente reduzieren oder sogar ganz weglassen konnten – das sei aber nicht garantiert.

290 Euro kosten zehn Behandlungen in Dr. Fischers Praxis, die von den Patienten selbst getragen werden müssen. (Lea-Sophie Mollus)

Vielfältige Einsatzgebiete für Kältesaunen

Anfangs wurde die Ganzkörperkälte in erster Linie bei Rheuma-Patienten angewandt. Dazu wurden ganze Räume, sogenannte Kältekammern, heruntergekühlt. Später kamen Kältesaunen, als Weiterentwicklung zu den Kältekammern, auch im Sport zum Einsatz: Es zeigte sich, dass die Kälte helfe, Muskeln zu regenerieren, Verletzungen vorzubeugen und besser zu heilen. Heute setzen viele Profivereine auf die Methode, sagt Dr. Fischer. Und auch im Schönheitsbereich wird auf Kälte gesetzt: Nicht nur gegen Falten und Hautkrankheiten wie Neurodermitis soll sie helfen, sondern auch Fettpolstern an den Kragen gehen. Wer abnehmen möchte, solle laut Dr. Fischer aber nicht nur auf Kälte setzen – ganz ohne Sport und gesunde Ernährung gehe es nicht. 

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