Interview zum Northeimer Kantorenhaus

Ratsherr Eckhard Ilsemann zum Northeimer Kantorenhaus: „Es gab einen Deal“

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Sollte vor zwei Jahren abgerissen werden: Das Northeimer „Kantorenhaus".  

Northeim. Es war ein Paukenschlag, als der Northeimer FDP-Ratsherr Eckhard Ilsemann vor zwei Jahren ankündigte, das sogenannte Kantorenhaus (eigentlich ist es das ehemalige Syndikatshaus) kaufen zu wollen.

Damit verhinderte er den eigentlich schon besiegelten Abriss des historischen Gebäudes und machte den Plänen der Kirche, dort eine neue Krippe zu betreiben, einen Strich durch die Rechnung. Dafür musste er in den vergangenen zwei Jahren viel öffentliche Kritik einstecken.

Die aktuellen Arbeiten für die neue Krippe, die jetzt an einem anderen Standort gebaut wird, haben wir zum Anlass genommen, uns mit ihm noch einmal über das Thema zu unterhalten.

Herr Ilsemann, die neue Krippe wird am Wall gebaut, und die Zukunft des Northeimer Kantorenhauses steht nach wie vor in den Sternen. Bereuen Sie Ihr Kaufangebot heute?

Eckhard Ilsemann: Nein, auf keinen Fall. Das war eine Entscheidung, die ich mir gut überlegt und mit meiner Familie abgestimmt habe.

Es war also kein Wahlkampfgag kurz vor der Kommunalwahl, von dem Sie sich angesichts der damaligen öffentlichen Diskussion ein paar Stimmen mehr erhofft haben?

Ilsemann: Ganz im Gegenteil. Ich bin sicher, dass mich dieses Angebot einige Stimmen gekostet hat. Und das war mir vorher auch klar. Deswegen habe ich auch vorab die Kollegen in der FDP informiert. Die haben mir übrigens davon abgeraten.

Warum haben Sie es dann doch gemacht?

Ilsemann: Weil es die einzige Möglichkeit war, zu verhindern, dass durch einen nicht korrekten Deal dieses historische Gebäude aus dem Northeimer Stadtbild für immer verschwindet.

Es gab einen Deal? Zwischen wem?

Ilsemann:Zwischen allen Beteiligten: Der Kirche, der Stadt und dem Eigentümer.

Wollte vor zwei Jahren das Kantorenhaus kaufen: FDP-Ratsherr Eckhard Ilsemann.

Der Sie ja nicht geworden sind.

Ilsemann: Richtig. Der Eigentümer hat innerhalb der vergangenen zwei Jahre auf mein Kaufangebot nicht reagiert, sodass leider alles beim Alten geblieben ist. Um es noch einmal deutlich zu sagen: Ich bin nicht der Eigentümer.

Wie sah dieser in Ihren Augen nicht korrekte Deal aus?

Ilsemann: Nach meiner Kenntnis hätte die Kirche nur das Grundstück kaufen dürfen, nicht aber das darauf stehende Gebäude. Deshalb hatte man vereinbart einen höheren, aus meiner Sicht unrealistischen, Kaufpreis anzusetzen, in dem die Abrisskosten enthalten waren. Für die Erteilung einer Abrissgenehmigung hatte die Stadt beurteilen zu lassen, ob die Sanierung des Gebäudes dem Eigentümer aus wirtschaftlichen Gründen zuzumuten sei.

Das war ja wohl nicht der Fall, sonst hätte es die Genehmigung für den Abriss doch nicht gegeben.

Ilsemann: Nach einem entsprechenden Gutachten folgte jedenfalls die Abrissgenehmigung, doch der damalige Bürgermeister Tannhäuser hatte Zweifel und bat mich angesichts der öffentlichen Kritik am geplanten Abriss des Hauses um Rat, weil ich dank meiner beruflichen Erfahrung über entsprechende Fachkenntnis verfüge.

Und was passierte dann?

Ilsemann: Ich äußerte meine Bedenken, denn ich war und bin nach wie vor davon überzeugt, dass eine wirtschaftliche Sanierung des Gebäudes möglich ist. Das ist mir inzwischen auch von anderer fachkundiger Seite bestätigt worden. Da die Abrissgenehmigung bereits erteilt war, kamen wir auf die Idee, selbst ein realistisches Kaufangebot zu machen und diese damit wirkungslos zu machen.

Wir? Wer ist wir?

Ilsemann: Ursprünglich wollten Herr Tannhäuser und ich gemeinsam das Kaufangebot unterbreiten. Aber er hat dann davon wieder Abstand genommen, sodass ich allein handeln musste.

Ihr Vorgehen wirkte damals ziemlich überhastet und unüberlegt, was ja dann auch zu der öffentlichen Kritik an Ihrer Person gesorgt hat.

Ilsemann: Ich weiß, aber ich hatte keine andere Wahl, um den Abriss noch zu verhindern. Die Bagger waren ja schon für den 30. August bestellt, und ich wollte vermeiden, dass die Beteiligten womöglich den Abriss vorziehen, um vollendete Tatsachen zu schaffen.

Das Kantorenhaus wird von vielen Northeimern in seinem gegenwärtigen Zustand als Schandfleck empfunden. Können Sie damit leben, dass Sie womöglich als derjenige in die Northeimer Stadtgeschichte eingehen, der dafür gesorgt hat, dass dieser Schandfleck auf alle Zeiten erhalten geblieben ist?

Ilsemann (lacht): Ich könnte damit leben, aber ich glaube nicht, dass das so kommt. Und ich glaube auch nicht, dass die Idee, darin eine Kindertagesstätte unterzubringen, schon komplett vom Tisch ist. Ich habe mir inzwischen von Fachleuten bestätigen lassen, dass die Unterbringung einer solchen Einrichtung in dem alten Gebäude durchaus möglich und realistisch wäre, auch über zwei Stockwerke.

Ist es dafür nicht ein bisschen zu spät? Die neue Krippe ist doch schon bald fertig, nur an einem anderen Standort.

Ilsemann: Ja, aber ich bin davon überzeugt, dass es angesichts der Nachfrage durchaus noch weiteren Bedarf an Kinderbetreuungsplätzen gibt. Ob das so kommt, ist natürlich von der Entscheidung des Hauseigentümers abhängig.

Apropos Eigentümer. Möchten Sie der denn noch werden? Steht Ihr Angebot noch?

Ilsemann: Grundsätzlich schon. Allerdings ist inzwischen einiges passiert, und ich müsste vorher noch einmal genau prüfen, ob das Konzept, das meinem Angebot zugrunde lag, heute noch umsetzbar wäre.

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