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Axel Prahl: Der mit dem Mikro flirtet

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Von: Axel Janßen

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Wanderer zwischen musikalischen Welten: Axel Prahl.
Wanderer zwischen musikalischen Welten: Axel Prahl, der in der Stadthalle bewies, dass er mehr ist als ein Schauspieler, der auch singt. © Axel Janßen

Man kennt ihn als leicht verschrobenen Kommissar Thiel aus dem Münster-Tatort, doch Schauspieler Axel Prahl hat noch ganz andere Facetten. Mit seiner musikalischen Seite begeisterte er am Freitagabend 550 Zuschauer in der Northeimer Stadthalle.

Northeim – Ein musizierender Schauspieler oder ein schauspielernder Musiker? Dass Darsteller, Komödianten und Akteure öfter die Filmbühne mit dem Konzertsaal tauschen, ist hinlänglich bekannt. Zumeist sind es kurze Ausflüge, die aufgrund der Bekanntheit des Namens auch leidlich erfolgreich sind. Anders aber bei Axel Prahl, der in seiner Jugend Irish Folk probierte, dann als Straßenmusiker in Spanien lebte, erst spät zum Schauspielberuf fand und die Musik nie vergaß.

Neben Gastauftritten etwa bei Knorkator und Wir sind Helden, gemeinsamen Songs mit dem Münchner Tatort-Kollegen Miro Nemec oder Gundermann-Projekten mit Andreas Dreesen ist seit einigen Jahren das Inselorchester mit ausgesuchten Crossover-Musikern ein echtes zweites Standbein für Prahl geworden. Unter der Leitung des Berliner Pianisten Danny Dziuk (Annett Luisan, Ulla Meinecke) finden sich neun Musiker zu einer spannenden Mischung aus Calypso, Shanties, Pop mit Musette-Einschlag, Liedermacherei und Chanson zusammen.

Zwischen den weit auseinanderliegenden musikalischen Welten führt Prahl als Gitarrist, Sänger und Moderator hindurch, immer mit einem Augenzwinkern wie im Tatort, was sofort die Vertrautheit mit dem eher gediegenen Publikum – wo sind eigentlich die jungen Zuschauer Northeims? – herstellt.

Manchmal hat man das Gefühl, dass im Thielschen Kommissar viel mehr Prahl steckt als pure Schauspielkunst. Denn mit Bauch, Fünf-Tage-Bart und leicht rauer Stimme trägt Prahl viel Inneres vor: „Heute fang´ ich an“ ist keine Persiflage auf Prokrastination, sondern hoffnungsvoller Blick nach vorn, es gibt lebensfrohe Songs wie „Liebe hat mir den Tisch gedeckt, ich musste nur noch essen“.

Vor der Pause schon die ersten Standing Ovations für über zehn Minuten schweißtreibende Balkan-Beats beim „Tanz auf dem Vulkan“, bei dem Prahl zwischen ost-europäischem Slang und italienischem Mafia-Sound wechselt, Geiger Rainer Korf als Teufelsgeiger das Publikum begeistert und Saxofonist Thomas Keller vom Berliner Grips-Theater die Band mit schnellen Soli vor sich hertreibt.

Zwischendurch dann leise Liebeslieder, wenn die Gitarre am Kinn anliegt, Prahl mit geschlossenen Augen säuselnd mit dem Mikro flirtet und dezent vom Orchester, manchmal nur mit Akkordeon und Saxofon begleitet wird. Da ist Prahl kein Schauspieler, der singt, sondern ganz Musiker, der mit Augenzwinkern auch Shanty-Klänge anstimmt, die an Santiago erinnern und doch so viel mehr Tiefe haben: „Reise, Reise, alle Mann an Deck“ singt der gebürtige Eutiner stilecht mit schwerem norddeutsch-rollenden „R“, dann folgt übergangslos ein Dreivierteltakt mit französischer Musette-Musik: Prahl springt zwischen den Stilen hin und her, das Publikum ist begeistert und fordert und erhält nach Standing Ovations noch zwei lange Zugaben.

Anschließend großes Gedränge beim Platten- und CD-Stand, denn viele Songs verlangen einfach danach, noch einmal in Ruhe gehört zu werden. Großer Beifall, großes Konzert. (Axel Janßen)

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