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Landvolktag in Northeim: Wissenschaftler sagt massiven Wandel voraus

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Von: Christian Mühlhausen

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Gut besucht: der Landvolktag fand jetzt in Northeim statt. Prof. Dr. Nick Lin-Hi von der Universität Vechta (auf der Bühne) verblüffte mit seinen Thesen zur Zukunft der Landwirtschaft.
Gut besucht: der Landvolktag fand jetzt in Northeim statt. Prof. Dr. Nick Lin-Hi von der Universität Vechta (auf der Bühne) verblüffte mit seinen Thesen zur Zukunft der Landwirtschaft. © Christian Mühlhausen

„Stellen Sie sich darauf ein, dass wir im letzten Jahrzehnt sind, in dem wir Nutztiere brauchen zur Lebensmittelerzeugung.“ Mit diesen und anderen provokanten Themen rüttelte Prof. Dr. Nick Lin-Hi von der Uni Vechta die Landwirte auf, die zum Landvolktag in die Northeimer Stadthalle gekommen waren.

Northeim – Der Ökonom berichtete anhand mehrerer Beispiele von bahnbrechenden Neuerungen, die alles zuvor Bewährte zerstörerisch zurücklassen, wie beim Smartphone und der Elektromobilität, und die einem exponentiellen Wachstum folgten. Was aus seiner Sicht in der Nutztierhaltung künftig passieren werde: Im Labor erzeugtes Fleisch, das geschmacklich und von der Textur im Gegensatz zu veganen Fleischersatzprodukten „echtem“ Fleisch fast gleichzusetzen ist, werde die Nutztierhaltung ablösen.

Laborfleisch ist billiger und klimaschonender

Nicht etwa, weil Laborfleisch im Vergleich zu Nutztierfleisch 92 Prozent weniger Klimagas, 78 Prozent weniger Wasser, dazu noch weniger Land benötige und die leidige Schlacht-Diskussion ad acta gelegt werden kann, sondern schlicht, weil es billiger herzustellen sein werde als normales Fleisch. Diese bevorstehende Entwicklung setzte Lin-Hi gleich mit dem Entwicklungsschritt, als der Mensch erstmals Nahrung über dem Feuer zubereitete. „Sie brauchen künftig keine Tierhaltung mehr, um Fleisch zu erzeugen.“ Der Verbraucher erhalte am Ende zudem mit dem Laborfleisch noch mehr Nachhaltigkeit, „und das ohne Verzicht, ohne moralischen Zeigefinger.“

Ähnliche Entwicklungen gebe es bei Milchprodukten, die Fleischriesen der Welt würden Milliarden in diesen Sektor investieren, Deutschland hinke hinterher.

Den vielfach ungläubig schauenden Zuhörern präsentierte er mehrere Entwicklungen der vergangenen Jahrzehnte etwa im Bereich Computer oder Automobilbau. Entwicklungen, die in der Vergangenheit für undenkbar gehalten wurden, dann aber mit Wucht kamen. Die Elektromobilität etwa sei erst belächelt worden von den Branchenriesen. „Tesla ist heute so viel wert wie die 15 nächsten wertvollen Automobilunternehmen zusammen.“ Solche Entwicklungen kündigten sich nicht an, sie passierten schlichtweg. „Sie sollten vorher verstehen, bevor sich Ihre Welt verändert“, sagte Lin-Hi an die Landwirte gerichtet. Den Bankern im Saal sagte er: „Investieren Sie in nichts, was sich nicht die nächsten zehn Jahre amortisiert.“

Die Landwirte sollten den Kopf aber nicht in den Sand stecken, sie könnten Bestandteil von neuen Lieferketten werden, müssten aber an einem neuen Selbstverständnis arbeiten und bereit sein, Altbewährtes abzulegen. Denn eine schöpferische Zerstörung beinhaltete nicht nur Entwertung von Altem, sondern auch die Chance, Zukunft für sich zu gestalten. Auch wenn nicht alle im Saal den Ausführungen Glauben schenken wollten, gab es viel Applaus und eine angeregte Fragerunde.

Zuvor hatte bereits Landvolkvorsitzender Claus Hartmann die Landwirte eingestimmt. „Die Schnittmenge zwischen dem, was wir leisten wollen, können und sollen, verringernd sich fortwährend.“ Zwangsläufig gebe es Zielkonflikte zwischen Lebensmittelerzeugung und Erhalt und Schutz der Natur: „Jede Form von Landwirtschaft bedeutet einen Eingriff in bestehende Ökosysteme“, stellt er klar. „Unsere Ernährung ist nicht ohne Begleiteffekte möglich. Sie ist ein zwar variabler, aber am Ende unvermeidbarer Teil des ökologischen Fußabdrucks unseres Lebens.“ (Christian Mühlhausen)

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