Unterwegs mit Hirschrufmeister Immo Ortlepp: Eine Reportage aus Schloss Imbshausen

Lockjagdseminar: Männer, die mit Tieren reden

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Gummi und Holz: Links der unter Jägern beliebte Buttolo-Locker, mit dem Rehe und Kitze imitiert werden. In der Mitte: Ente.

Northeim. Ein Jäger sitzt in sechs Metern Höhe auf dem Hochsitz, seine Stiefel ruhen auf Kiefernholz. Als er den Ruf eines Uhus hört, weiß er, was diesen Moment für ihn unvergesslich machen könnte.

Aus seiner Manteltasche holt er vorsichtig ein Gummiröhrchen, das er im Baumarkt gekauft hat, und pustet hinein. Es entstehen Töne, die klingen, wie das Piepsen einer Maus. Plötzlich fühlt er einen Windstoß und auf dem kalten Stahl seines Gewehrlaufs landet ein Uhu. Aus orangefarbenen Augen mustert er den Mann, und verschwindet dann in der Dunkelheit.„Solche Momente sind viel kostbarer, als einen Rehbock zu schießen“, sagt Immo Ortlepp. Der 54-Jährige aus der Nähe von Hannover ist Berufsjäger, Jagdausbilder und zweifacher deutscher Meister im Hirschrufen. Sein Wissen gibt er in Form eines Lockjagdseminars auf Schloss Imbshausen an sieben Jäger weiter. Lockjagd ist die Kunst, Rufe von Tieren nachzuahmen, um sie in der Natur zu Gesicht zu bekommen.

„Das sind Locker“

Ortlepp ist Vollblutjäger. Er sitzt an einem Tisch in der Bibliothek des Schlosses. Sein bräunlicher Tarnpullover ist mit Ästen, Blättern und Farn bedruckt. Inmitten seiner Hände, mit denen ein Uhrmacher wohl nicht arbeiten könnte, liegen Tröten aus Holz, Plastik und Gummi. Das Wort „Tröte“ darf man nicht sagen. Ortlepp reagiert empört: „Das sind Locker!“ „Damit kann ich fast alle Tiere anlocken.“ Das sei aber keine deutsche Marotte. „Es wird auf der ganzen Welt so praktiziert“. Er beweist das mit Entenlockern aus Russland, USA, England, Philippinen, Deutschland und Ungarn. Alle klingen unterschiedlich. Mal rau, mal weich, mal klar und mal gedämpft. „Quak“ machen sie aber alle.

Während sich das Licht von 16 Glühbirnen des Kronleuchters in der lackierten Zimmertür spiegelt, gibt Ortlepp die Locker durch die Reihen, wie kostbare Flaschen bei einer Weinprobe. „Was ist das hier für einer?“, fragt einer der Jäger. „Das ist ein Ungar“, sagt Ortlepp. Das Herkunftsland sei aber egal. „Wenn wir als Mensch das Wort „Himbeerbonbonpackpapierchen“ sagen, spielt es keine Rolle, in welcher Sprache. „Jeder Mensch hat seinen eigenen Ton“.

An den Wänden stehen viereinhalb Meter hohe Regale mit Büchern, die den Anlass des Tages zufällig zu treffen scheinen. „Wildtöter“ von James Fenimore Cooper, oder Enid Blytons „Fünf Freunde auf geheimnisvollen Spuren“ stehen dort.

Das Locken sei wichtig, sagt Ortlepp. „Wir irren uns in dem, was Tiere können“. Hundenasen seien 400 Mal so gut wie Menschennasen, Schweinenasen wiederum 300 Mal besser als Hundenasen. „Die riechen ein Maiskorn, das 30 Zentimeter tief im Boden liegt“, sagt er.

Als Ortlepp gerade erklärt, wie man mit Fuchsfellen Krähen anlocken kann, blitzt es plötzlich in seinen Augen und er sagt: „Ich hab ‘ne Idee. Ich ziehe jetzt meinen Ghillie-Anzug an, und dann sucht ihr mich draußen auf dem Parkplatz.“

Fünf Minuten später verlassen sieben Männer das Schloss, um Ortlepp zu suchen. Fast unsichtbar sitzt er an einer Hecke, bedeckt mit einem Tarnanzug, der von echtem Gebüsch kaum zu unterscheiden ist und sagt: „Krähen jagt man am besten mit möglichst wenig Bewegung“. Waffe hoch, Waffe runter.

Am Ende des Tages sagt der Organisator des Seminars, Thiemo Gerhardt von der Jagdschule Südniedersachsen: „Die Jagd ist umgeben von Verschwörungstheorien. Deshalb ist es wichtig, mit Profis zu reden, die wirklich Ahnung haben.“

Ortlepp ist so ein Profi, auch ohne Locker kann er mit Tieren reden. Geübt hat er das mit lebendem Wild: Zuhause hält er vier Wildschweine und einen Rothirsch.

Von Jürgen von Polier

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