Sie hatte sich auf Zeitungsannonce gemeldet

Frau aus Bad Gandersheim starb nach Gefangenschaft - Gab es weitere Fälle?

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Eine Frau ist nach Angaben der Staatsanwaltschaft wochenlang in einem abgelegenen Haus im ostwestfälischen Höxter gefangen gehalten worden und schließlich an schweren Misshandlungen gestorben. Die Frau war den Ermittlungen zufolge durch eine Partnerschaftsanzeige in die Hände ihrer mutmaßlichen Peiniger geraten.

Northeim/Höxter. Eine 41-jährige Frau aus Bad Gandersheim ist nach wochenlanger Gefangenschaft und Misshandlung auf einem Hof in Höxter (Nordrhein-Westfalen) im Krankenhaus in Northeim gestorben.

Das bestätigte die Staatsanwaltschaft Paderborn am Freitagmorgen. Die Mordkommission der Polizei Bielefeld ermittelt.

Aktualisiert um 19.22 Uhr

Laut Ermittlern sollen ein 46-jähriger Mann aus Höxter und seine 47-jährige Ex-Frau die Frau mehrere Wochen gegen ihren Willen in dem Haus festgehalten und massiv körperlich misshandelt haben. Am Donnerstag vergangener Woche brachte das Paar das Opfer schließlich ins Krankenhaus, wo der Tod der Frau festgestellt wurde. Nach dem Ergebnis der Obduktion verstarb die Frau an den Folgen stumpfer Gewalt gegen den Kopf.

Die 41-Jährige soll sich auf eine Zeitungsannonce gemeldet haben, die der 46-Jährige eingestellt hatte und in der er laut Polizei "eine Frau für eine feste Beziehung" suchte. Doch statt des erhofften Liebesglücks erwarteten die Frau Wochen voller Qualen.

Nach einer kurzen Phase des Kennenlernens zog die 41-Jährige im März 2016 nach Höxter, wo der Beschuldigte zusammen mit seiner Ex-Frau lebt. Hier wurde die Frau festgehalten und körperlich misshandelt, wobei es laut Staatsanwaltschaft keine Hinweise für ein Sexualdelikt gibt.

Wie genau die Frau festgehalten wurde, ist unklar. Immer wieder sei die 41-Jährige mit ihren Peinigern auch draußen auf der Straße gesehen worden, teilten die Ermittler mit. Auch zum Einkaufen seien sie gemeinsam gefahren. Weshalb das Opfer nicht flüchtete, ist eine der vielen offenen Fragen.

Am Donnerstag, 21. April, wollten die Beschuldigten das körperlich schwer angeschlagene Opfer zurück in seine niedersächsische Wohnung bringen. Durch einen Motordefekt blieb das Fahrzeug offenbar in der Nähe von Northeim liegen. Nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur dpa riefen die beiden zunächst ein Taxi herbei. Während des Wartens habe sich der Zustand der 41-Jährigen aber immer weiter verschlechtert. "Die Beschuldigten waren nunmehr gezwungen, wegen des schlechten Gesundheitszustandes einen Rettungswagen zu rufen", schrieben die Mordkommission Bielefeld, die Staatsanwaltschaft Paderborn und die Polizei Höxter in ihrer Mitteilung. Ein Notarzt brachte die Frau dann ins Krankenhaus nach Northeim. Dort sei sie zwei Stunden später gestorben.

Totenschein: "Ungeklärte Ursache"

Auf dem Totenschein vermerkte ein Arzt "ungeklärte Todesursache" - und damit begann der Fall. Denn die Obduktion ergab, dass die 41-Jährige durch Schläge auf den Kopf starb. Die Staatsanwaltschaft in Göttingen informierte die Partnerbehörde in Paderborn, in deren Bereich die beiden Tatverdächtigen wohnen. Ihr Haus wurde am Mittwoch durchsucht, das Paar festgenommen.  Am Donnerstag erließ das Amtsgericht Höxter Haftbefehl wegen Totschlags.

In dem ländlichen Ortsteil von Höxter dicht an der Grenze zu Niedersachsen wurde am Freitag das zweistöckige Haus mit Garage und Scheune von Kamerateams belagert. Nach Informationen des "Westfalen-Blatts" wohnte das Paar dort seit etwa fünf Jahren. Das Anwesen macht einen vernachlässigten Eindruck.

Welche Motive die Tatverdächtigen hatten und ob sie sich schon zu den Vorwürfen geäußert haben, dazu sagt die Staatsanwaltschaft nichts. "Bis jetzt gibt es keine Hinweise für ein Sexualdelikt", erklären die Ermittler lediglich. Vieles liegt noch im Dunkeln. Oberstaatsanwalt Meyer bittet ein ums andere Mal um Geduld. "Wir wollen die Ermittlungen in Ruhe fortführen."

Die Polizei prüft derzeit aber offenbar auch, ob es in der Vergangenheit weitere Fälle gegeben hat. Der Mann soll bereits mehrfach Kontaktanzeigen geschaltet haben.

Hintergrund: Über Dating-Kontakte in den Tod gelockt 

Viele Menschen haben über Kontaktanzeigen schon den Partner fürs Leben gefunden. Manchmal kann es aber auch böse enden. Zwei Beispiele:

- Wegen der Ermordung einer Internetbekanntschaft verurteilte das Essener Landgericht 2009 einen 27-jährigen Mann zu lebenslanger Haft. Der sogenannte Internet-Mörder hatte nach Überzeugung der Richter 2008 in Marl (Nordrhein-Westfalen) eine 39-jährige Frau heimtückisch umgebracht, die er zuvor im Internet-Chat kennengelernt hatte. Er war außerdem wegen Mordes an einer 26-jährigen Chat-Bekanntschaft angeklagt. Da die Leiche dieser Frau jedoch in stark verwestem Zustand gefunden worden war und die Todesursache nicht sicher festgestellt werden konnte, werteten die Richter den Fall nur als Körperverletzung.

- Die 23-jährige Melanie aus der Nähe von Peine (Niedersachsen) suchte 2010 in einer Internet-Plattform eine Freundin und geriet an einen Mann, der sie umbrachte. Er hatte sich als Frau ausgegeben und sein späteres Opfer in seine Wohnung gelockt. Dort tötete er Melanie, weil sie keinen Sex mit ihm haben wollte. Das Landgericht Hildesheim verurteilte ihn zu lebenslanger Haft. (dpa/jus)

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