Wichtige Medikamente fehlen

Notfallset bei Wespenstichen: Northeimer Apotheken beklagen Lieferengpässe

Northeim. Wer bei Wespenstichen Gefahr läuft, einen anaphylaktischen Schock zu erleiden, sollte immer ein Notfallset mit Adrenalin-Spritze dabei haben. Ausgerechnet diese sind derzeit aber nicht lieferbar.

Hintergrund hierfür sind Produktionsprobleme bei dem Injektor „Fastjekt“, wie aus der Datenbank des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) in Bonn hervorgeht.

Doch auch die Produkte anderer Hersteller sind mittlerweile nur noch eingeschränkt bis gar nicht verfügbar. „Die Injektoren ‘Fastjekt’ und ‘Jext’ sind derzeit beide nicht mehr beim Großhandel verfügbar“, bestätigte Apotheker Tobias Wagner, Inhaber der Grafenhof-Apotheke im Northeimer CityCenter, auf HNA-Anfrage.

Lediglich „Emerade“ sei derzeit immer mal wieder zu bekommen, aber auch nur sehr unregelmäßig. „Hier hat der Hersteller allerdings erst kürzlich einen Hinweis an die Apotheken herausgegeben, dass es sein kann, dass der Pen im Notfall beim ersten Mal nicht auslöst“, so Wagner. Daher empfehle der Hersteller den Patienten, besser gleich zwei Injektoren zu kaufen.

„Wir können momentan definitiv nicht alle Kunden mit den benötigten Medikamenten versorgen“, bedauert Wagner. Auch ein Cortison-Liquid, dass im Falle eines allergischen Schocks geschluckt wird, ist derzeit nicht verfügbar.

„Ich habe mich noch nie so viel mit Lieferengpässen beschäftigen müssen, wie in den vergangenen Jahren“, so Apotheker Wolfram Schmidt, Inhaber der Mühlen-Apotheke, der Apotheke am Wieter und der Albert-Schweitzer-Apotheke in Northeim. Dies sei das Ergebnis der fortschreitenden Globalisierung und der damit einhergehenden Produktion der Wirkstoffe in Ländern wie zum Beispiel China, erklärt Schmidt. 

Krankenkassen sind mit verantwortlich

Die Listen der Apotheken über Arzneimittel und Medikamente, bei denen es Lieferengpässe gibt, umfassten derzeit rund 100 Produkte, erzählt auch Apotheker Tobias Wagner. Erst kürzlich sei sogar Ibuprofen des Herstellers Lichtenstein – die verschreibungspflichtige Form – nicht mehr verfügbar gewesen. 

Dass es immer wieder zu derartigen Lieferengpässen kommt, liege auch am Kostendruck der Krankenkassen, den sie durch Verträge mit einzelnen Pharmakonzernen hervorrufen, so Wagner. „Dabei erhalten natürlich die günstigsten Lieferanten den Zuschlag. Das hat dann zur Folge, dass die Präparate eben nicht direkt hier in Deutschland produziert werden, sondern irgendwo in China, Indien oder den USA“, erklärt der Apotheker. 

Hersteller, die keine Verträge mit den Krankenkassen für das gleiche Präparat haben, fahren aufgrund einer geringeren Abnahme ihre Produktion zurück. Kommt es dann zu Ausfällen beim bevorzugten Hersteller, könnten die übrigen ihre Produktion nicht schnell genug heraufsetzen, um so einen Weg- oder Ausfall zu kompensieren.

Abgelaufene Notfallsets weiter benutzen

Bei einem anaphylaktischen Schock nach einem Wespenstich muss der Patient sofort Adrenalin gespritzt bekommen, um gerettet zu werden. „Allergiker sollten immer ein Notfallset dabeihaben, um bei einem Stich mit Adrenalin einen allergischen Schock verhindern zu können“, rät Apotheker Tobias Wagner. 

Das Notfallset enthält einen sogenannten Autoinjektor (Pen) mit dem Wirkstoff Epinephrin (Adrenalin), den sich Betroffene selbst spritzen können, um etwa eine drohende Erstickung zu verhindern. In der Regel hält solch ein Medikament ein Jahr, dann wird es ausgetauscht. 

Aufgrund der aktuellen Lieferengpässe rät Apotheker Tobias Wagner seinen Kunden jedoch, auch den abgelaufenen Pen für den Notfall immer bei sich zu tragen. Die Wirkstoffe im Pen entfalten nach dem Ablaufdatum zwar nicht mehr die volle Wirkung, können aber dennoch bei einem Schock helfen.

Rubriklistenbild: © Frank Rumpenhorst/dpa

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