Reise ins Ungewisse voller Angst und Unsicherheit

Immer in Gefahr: Northeimer erinnert sich an Flucht aus Pommern

Kindheitsbild: Hans-Joachim Barnick als Neunjähriger.

Northeim. Vor 70 Jahren waren viele Deutsche auf der Flucht. Hans-Joachim Barnick, der die Flucht als Zwölfjähriger miterlebte, hat der HNA seine Erlebnisse geschildert.

1. Der Krieg kommt näher 

Ab Januar 1945 wurde es unruhig in Reetz /Neumark. Es zogen immer mehr Flüchtlingstrecks mit Pferdefuhrwerken durch unsere Stadt. Die Wagen waren alle hoch bepackt mit Hausrat. Kinder saßen dick eingepackt oben auf den Fuhrwerken, denn es war kalt und es lag Schnee.

Die Tage und Wochen vergingen, es wurde langsam hektischer. Die Durchgangsstraße verstopfte mehr und mehr, gen Westen durch die Flüchtlinge, in der Gegenrichtung von den Militärkolonnen. Auf dem großen, quadratischen Marktplatz war eine Reparaturwerkstatt für Königstiger-Panzer eingerichtet worden. Wenn diese Kolosse zum Markt über das Kopfsteinpflaster hochfuhren, wackelten die Wände und alles in den Schränken befindliche Geschirr ebenfalls.

Der Kanonendonner verschärfte sich. Es wurde bereits die Kreisstadt Arnswalde beschossen, die nur circa 14 Kilomter von uns entfernt war. Unter den Menschen verbreitete sich Angst und Unruhe. Sie rückten vielfach zusammen und schliefen mit mehreren Personen in einem Bett.

2. Der Aufbruch 

Am 6. Februar lag die Stadt lag unter dem Beschuss der feindlichen Kanonen, ohne größere Schäden anzurichten. Es mag so gegen Mittag gewesen sein, da erschienen fremde SA-Leute und riefen sinngemäß in die Flure, dass Frauen und Kinder sich zum Bahnhof begeben sollten, dort stände ein Zug zum Abtransport bereit. Meine Mutter hatte schon ein kleines Fluchtgepäck vorbereitet, mit dem wir uns dann auf den Weg machten.

Lebensmittel verloren 

Erinnerungen: Hans-Jochim Barnick mit Fotoalben. Nur wenige Bilder aus der Zeit seiner KIndheit in Pommern sind erhalten geblieben. Foto und Repros:  Wess

Ich, zwölfjährig, nahm meinen dreijährigen Bruder Wilfred an die Hand, und wir begaben uns auf den Weg zum Bahnhof, der etwa zwei Kilometer außerhalb der Stadt lag. In der linken Hand trug ich ein Netz mit etwas Marschverpflegung. Am Stadttor platze das Netz und die kostbarenLebensmittel fielen auf den Bürgersteig. In meiner Verzweiflung habe ich den ganzen verschütteten Inhalt in einen tiefer gelegenen Garten geworfen. Den Russen habe ich das Essen nicht gegönnt. Wir saßen nun ohne Verpflegung da.

Auf dem Weg zum Bahnhof standen noch Oma und Opa, die uns zuwinkten. Für viele Jahre sahen wir sie zum letzten Mal.

Der weitere Weg zum Bahnhof führte auf einem höher gelegenen Damm entlang. Es herrschte glücklicherweise dichter Nebel, denn bei guter Sicht hätte die Rote Armee uns wie die Hasen abschießen können.

Warten auf die Lok 

Auf dem Bahnhof stand ein Güterzug, nur die Lok fehlte. Die Menschen krabbelten in die Waggons, die teilweise noch mit tierischen Exkrementen belastet waren. In unserem Waggon waren Pferde gewesen. Der Geruch und der Mist waren einigermaßen erträglich.

Erst hinterher stellte sich heraus, dass auch alle meine drei Tanten mit meinen Cousins in diesem Zug war.

Wir mussten mehrere Stunden auf die Lok warten. Endlich setzte sich eine Lok vor den Zug und die Fahrt in die ungewisse Zukunft konnte beginnen.

Natürlich haben auch die Russen die Geräusche der Lok mitbekommen und lenkten ihr Geschützfeuer in Richtung Bahnhof. Meine Mutter hat ihre beiden Söhne mit ihren Armen umschlossen und sich über uns gebeugt. Wegen der Hanglage des Bahnhofs verfehlten die Geschosse jedoch ihr Ziel.

3. Die Fahrt nach Westen 

Die Reise ins Ungewisse dauerte insgesamt drei Tage und drei Nächte. An Waschen und Hygiene im Zug war überhaupt nicht zu denken. Die Notdurft musste bei den unterschiedlichen nicht vorhersehbaren Halten am Waggon in aller Eile verrichtet werden. Für uns kleine Jungen war das kein Problem. Für die Frauen war es wesentlich schwieriger. Es ist möglich, dass einige davon die Abfahrt des Zuges verpasst haben.

Wegen drohender Fliegerangriffe musste der Zug oft genug halten. Dann kamen wir auf einem Berliner Bahnhof an und bekamen vom Roten Kreuz eine dicke Grießsuppe. So ging die Fahrt weiter, ohne dass wir wussten, wohin uns das Schicksal führte.

4. Ankunft in Salzderhelden 

Am letzten Tag der Reise sind wir durch Hannover gekommen. Nach anderthalb Stunden haben wir die Tür einen Spalt weit aufgezogen, herrlicher Sonnenschein, eine schöne Landschaft zog an uns vorüber. Manch einer dachte, hier könnte man bleiben. Wir kamen durch Kreiensen, dessen Ortsname für uns schwer zu lesen war.

Nach weiteren 40 Minuten stoppte der Zug, und wir waren am 3. Tag unserer Reise in Salzderhelden angelangt. Dort wurden wir von Bürgern des Ortes empfangen. Unsere künftige Wirtin hat uns mit einem Handwagen abgeholt. Wir haben in der Heldenburgstraße ein kleines Zimmerchen zugewiesen bekommen. Zu Abend konnten wir mit unseren Wirtsleuten essen.

Volksküche 

In den nächsten Tagen mussten Behördengänge, Anmeldungen, das Besorgen von Lebensmittelkarten und dergleichen erledigt werden. Im Hotel Deutsches Haus war eine sogenannte Volksküche eingerichtet worden, in der die Flüchtlinge Mittagessen in roten Emailleschüsseln bekamen. Wir waren wirklich bitterarm, es fehlte an allem; aber wir sind gesund und dankbar in unserer neuen Heimat angekommen.

Die mit unserem Zug angekommenen Flüchtlinge sind nicht alle in Salzderhelden verblieben, sondern wurden auf die umliegenden Dörfer verteilt. Der kleine Ort hätte den Ansturm nicht allein verkraften können. (ows)

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