40 Jahre als „Kuckuck“ unterwegs

Ruhestand: Gerichtsvollzieher erzählt zum Abschied über Kurioses

Abschied mit vielen Präsenten: Obergerichtsvollzieher Manfred Preuß bekam von seinen Kollegen unter anderem ein T-Shirt mit der Aufschrift Pfandsiegel. Foto:  Oschmann

Northeim. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass der Northeimer Manfred Preuß der dienstälteste Gerichtsvollzieher Deutschlands ist - oder besser gesagt war. Denn nach 40 Jahren, in dem sich sein Berufsbild völlig gewandelt hat, ist der stadtbekannte Beamte mit 65 Jahren gerade in Pension gegangen.

„Manni“, wie ihn viele nennen, hat seinen Beruf bei der Justizbehörde von der Pike auf gelernt und eine 18-monatige Spezialausbildung auf der Gerichtsvollzieherschule drangehängt. Mit 25 Jahren - das ist das gesetzlich vorgeschriebene Mindesalter für diese Berufsgruppe - hat er als Gerichtsvolzieher begonnen.

Von da an war er als „Kuckuck“ in Teilen Northeims sowie in der Gemeinde Katlenburg-Lindau unterwegs. Der Ausdruck wurde vom Reichsadler abgeleitet, der als Plakette auf gepfändete Gegenstände geklebt wurde. „Diese Teile wurden in bestimmten Zeitabständen im 1910er Saalbau öffentlich versteigert. Da herrschte manchmal Volksfeststimmung“, erinnert sich Manfred Preuß.

Das ist seit vielen Jahren Vergangenheit, denn die Erlöse haben irgendwann die bei den Pfändungen entstandenen Kosten nicht mehr gedeckt. Apropos Pfändungen: Da waren kuriose Dinge wie Pferde, Kühe, Schafe und sogar ein Flugzeug dabei. Gern erzählt Preuß die Geschichte, als er in einer Spielhalle 150 000 DM gepfändet hat - alles Fünf-DM-Stücke. Das Geld hat er zusammen mit einem Helfer in Eimern zum Amtsgericht geschleppt.

Obwohl der Obergerichtsvollzieher sein Büro viele Jahre am Markt in der Kreisstadt hatte, gehörte er immer zum Northeimer Amtsgericht. Seine 3000 Vorgänge pro Jahr erledigte er „als selbstständiges Organ der Rechtspflege“ auf seine Weise.

Mit dem Beruf des Gerichtsvollziehers verbinden viele den gnadenlosen Geldeintreiber, was natürlich seine Berechtigung hat, denn schließlich muss er säumige Zahler zur Kasse bitten. „Dabei ist allerdings eine Menge Fingerspitzengefühl gefragt“, erläutert der Northeimer seine Vorgehensweise.

Preuß, der seit mehr als 20 Jahren Vorsitzender des Vereins Spiel und Sport (SuS) ist und ebenso lange in der Traditionself Fußball spielt, hat sich selbst immer mehr als Vermittler oder sogar Seelsorger denn als klassischer Vollstrecker gesehen. „Natürlich hat es auch Fälle gegeben, bei denen ich zu den Handschellen greifen oder die Polizei zu Hilfe holen musste“, räumt er ein, zum Beispiel, wenn eidesstattliche Erklärungen verweigert wurden. Nur mit Freundlichkeit und Verständnis geht es halt nicht, obwohl das seiner Grundeinstellung entspricht.

Bis zu 60 Stunden pro Woche hat das „Gesicht der Justiz vor Ort“ gearbeitet und im Lauf der Jahre einen drastischen Wandel seines Berufsfeldes durchlebt. „Das hat sich vom Kuckuckskleber zum Vollstreckungsmanager gewandelt“, sagt Manfred Preuß. Gemeint ist damit, dass heute viele Fälle nicht mehr vor Ort erledigt, sondern die Schuldner online per Computer „abgriffen“ werden, wie er es formuliert.

Was er jetzt als Neupensionär gern machen will, ist noch offen. Das wird er in aller Ruhe mit seiner Frau, die in in seinem Büro unterstützt hat, besprechen und dann planen.

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