Fast immer sind ältere Menschen Opfer

Schockanrufe im Landkreis Northeim nehmen zu: die miesen Tricks der Betrüger

Schockanrufe: Auch im Landkreis Northeim treiben aktuell zahlreiche Betrüger ihr Unwesen und nutzen die Gutgläubigkeit und die Hilfsbereitschaft der überwiegend älteren Opfer schamlos aus.
+
Schockanrufe: Auch im Landkreis Northeim treiben aktuell zahlreiche Betrüger ihr Unwesen und nutzen die Gutgläubigkeit und die Hilfsbereitschaft der überwiegend älteren Opfer schamlos aus.

Fast täglich werden der Polizei im Kreis Northeim sogenannte Schockanrufe gemeldet. Die Täter nutzen zwar unterschiedliche Lügengeschichten, doch sie alle haben nur ein Ziel: Vornehmlich ältere Menschen um ihr Erspartes zu bringen.

Northeim - „Ihre Tochter hat einen tödlichen Verkehrsunfall verursacht. Damit sie nichts in Gefängnis kommt, muss eine Kaution bezahlt werden.“ So oder so ähnlich lautet eine der Lügengeschichten am Telefon, denen aktuell wieder viele, meist ältere Menschen im Landkreis Northeim durch fiese Betrüger ausgesetzt sind.

Erst vorige Woche konnte laut Polizei Northeim nur durch einen glücklichen Zufall verhindert werden, dass eine 85-Jährige in Bad Gandersheim auf diese Betrugsmasche hereinfiel: Die Frau war nach einem Schockanruf zu ihrer Bank gegangen, um eine hohe Geldsumme abzuheben. Ihr zufällig ebenfalls in der Bank anwesender Sohn durchschaute sofort den Betrugsversuch und verhindert so, dass seine Mutter zum Opfer wird, so die Polizei Northeim.

Die „Erfolgsquote“ der Täter ist relativ gering, berichtet Polizeisprecher Daniel Ahrenbog auf HNA-Anfrage. Viele Angerufene durchschauen inzwischen diese Betrügerei und legen einfach auf. Doch die Täter haben leider auch immer wieder Erfolg: In diesem Jahr kam es im Landkreis Northeim bislang zu vier „erfolgreichen Schockanrufen“, bei denen die Täter fast 150 000 Euro Bargeld und in einem Fall einen Goldbarren im Wert von mehr als 10 000 Euro erbeuteten, so Ahrenbog weiter.

„Im Schnitt bearbeiten die Kollegen im Fachkommissariat 3 jedes Jahr fünf bis acht erfolgreiche Fälle, für die Opfer bedeutet dies nicht selten den Verlust aller Ersparnisse“, so Ahrenbog weiter.

Ein nach seinen Worten positiver Aspekt: Erstaunlich oft seien es letztlich geschulte Bankmitarbeiter, die bereits während des Abhebens durch intensives Nachfragen bei den Opfern die Tat quasi im letzten Moment verhinderten und die Polizei verständigten.

Ein völlig neues Phänomen sind die Schockanrufe laut Ahrenbog übrigens nicht: Einzelne Fälle sind nach seinen Worten bereits immer wieder in den vergangenen Jahrzehnten bekannt geworden, da das Phänomen bundesweit wohl bis in die 60-er Jahre zurückgeht. Eine erste deutliche Häufung dieser Betrügereien habe es im Kreis Northeim bereits 2012/2013 gegeben.

So gehen die Betrüger vor - Fragen und Antworten:

Konnten im Landkreis Northeim schon Betrüger festgenommen werden?

Die Ermittlungen in diesem Deliktsfeld sind laut Polizeisprecher Daniel Ahrenbog schwierig, da die Telefonnummern zumeist „gespooft“, also gefälscht sind und daher nicht nachverfolgt werden können. Allerdings nahm die Polizei Northeim im Januar 2019 in Bad Gandersheim einen Täter fest, der in Witzenhausen als Geldabholer fungierte. Im April 2019 wurde ein Mann aus dem Kreis Northeim festgenommen, der im Raum Stuttgart als „falscher Polizeibeamter“ alte Menschen um ihr Geld gebracht hatte.

Wie suchen sich die Betrüger ihre Opfer aus?

Laut Polizei-Pressesprecher Daniel Ahrenbog werden die Opfer fast immer mittels öffentlich zugänglicher Quellen wie Telefonbuch oder Internet ausgewählt. Dabei haben es die Täter überwiegend auf „alt“ klingende Vornamen abgesehen. Zum Teil wurden in der Vergangenheit aber auch gezielt bestimmte Bevölkerungsgruppen angerufen, wie zum Beispiel 2012/2013 im Bereich Northeim russische Mitbürger, überwiegend auch in russischer Sprache. Ahrenbog: „Bei anderen Telefon-Betrügereien mit beispielsweise Paysafe-Karten geraten aber auch wesentlich jüngere Opfer ins Visier der Täter.“

Wie viele betrügerische Telefonanrufe werden der Polizei im Schnitt pro Woche gemeldet?

Das ist laut Ahrenbog sehr unterschiedlich. An einzelnen Tagen werden aus einem Teil des Landkreises Dutzende von Anrufen in kurzer Zeit gemeldet, danach ist wieder Ruhe. Es sei davon auszugehen, dass die Anzahl der tatsächlich erfolgten Anrufe noch wesentlich höher ist. Die meisten Angerufenen erkennen den Betrug und legen sofort auf. Und nur selten wird im Nachhinein die Polizei über den Anruf informiert. Auch sei es Opfern oft peinlich, dass sie auf eine „Masche“ hereingefallen sind, vor der regelmäßig gewarnt wird, gerade wenn sie erst später durch jüngere Familienangehörige darauf aufmerksam gemacht werden, so Ahrenbog weiter. Darum gehe die Polizei auch von einem sehr großen, sogenannten „Dunkelfeld“ aus.

Wo sitzen die „Hintermänner“?

Die überwiegend im Ausland ansässigen Täter agieren nach Angaben der Polizei sehr professionell, nutzen Strukturen, die einem CallCenter ähnlich sind und sprechen oft perfekt deutsch. Die lokalen „Geldabholer“ haben zumeist keine direkte Verbindung zur Führungsebene. „Der gesamte Deliktsbereich ist der organisierten Kriminalität zuzuordnen. (kat)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.