„Party-Szene“ gibt es nicht

Landkreis Northeim: Aggressive Täter machen Polizeiarbeit teilweise unkalkulierbar

Zu sehen sind drei Personen in Rückenansicht, rechts und links führt jeweils ein Polizist einen Mann mit Handtuch über dem Kopf ab
+
Ein Anstieg der Aggression gegenüber der Polizei im Landkreis Northeim sei statistisch nicht nachzuweisen, so Michael Weiner, Leiter Polizeiinspektion Northeim. Trotzdem komme es auch dort immer wieder zu körperlichen Angriffen. So sei zum Beispiel bei der Festnahme von zwei Einbrechern in Nörten-Hardenberg vor Kurzem eine Polizeibeamtin verletzt worden. (Symboldbild)

Auch im Landkreis Northeim werden Polizeibeamte immer häufiger im Einsatz angegriffen. Massive Ausschreitungen wie in Stuttgart oder Frankfurt gibt es in der Region aber nicht.

Northeim – Zustände von Ausschreitungen zwischen Bevölkerung und Polizei wie in Stuttgart oder Frankfurt gibt es im Landkreis Northeim nicht. Das hat Polizeidirektor Michael Weiner, Leiter der Polizeiinspektion Northeim, auf HNA-Anfrage betont. Der Vorfall in der Nacht zum 18. Juli vor und in einer Gaststätte am Münster in Northeim (HNA berichtete) sei ein Einzelfall gewesen, betont Weiner. Dort hatte es am Abend und in der Nacht mehrere Schlägereien gegeben, die die Polizei nur durch den Einsatz zahlreicher Beamter in den Griff bekommen konnte. Von einer „Partyszene“ wie in einigen deutschen Großstädten könne man aber deswegen keineswegs sprechen.

Ursache des Angriffes wichtiger als gesellschaftlicher Hintergrund

Obwohl statistisch ein Anstieg der Aggression gegenüber der Polizei nicht nachzuweisen sei, so Weiner, komme es trotzdem immer wieder auch im Landkreis Northeim zu körperlichen Angriffen. So sei zum Beispiel bei der Festnahme von zwei Einbrechern in Nörten-Hardenberg vor Kurzem eine Polizeibeamtin verletzt worden.

Nicht selten müssten sich die Beamten während ihrer Arbeit mit Menschen auseinandersetzen, die unter dem Einfluss von Alkohol oder Drogen stehen oder sich in psychischen Ausnahmesituationen befinden. Weiner: „Das macht unsere Arbeit schwierig und vor allem unkalkulierbar“.

Michael Weiner, Leiter Polizeiinspektion Northeim.

Nach den Vorfällen in Stuttgart und Frankfurt war es zu Aussagen gekommen, dass die Täter überwiegend junge Männer mit Migrationshintergrund waren. Dazu betont Weiner: „Nach unserer Einschätzung geht es bei Widerständen oder Respektlosigkeit gegenüber der Polizei nicht um die Frage von Migrationshintergrund oder nicht. Im Kern steht die Frage nach der Ursache für die Angriffe. Da kommen wieder Drogen, Alkohol und mentale Ausnahmesituationen ins Spiel. Nur darum geht es. Und das trifft immer wieder Menschen aus den unterschiedlichen Schichten, mit oder ohne Migrationshintergrund.“

Corona: Friedliches Zusammenleben nicht gefährdet

Das öffentliche Leben im Landkreis Northeim bezeichnet der Northeimer Polizeichef Michael Weiner vor dem Hintergrund der Corona-Krise als weiterhin „eher zurückhaltend“. Eine Freizeitkultur, zum Beispiel mit dem Besuch von Kneipen, sei zum Beispiel in der Stadt Northeim nahezu zum Erliegen gekommen.

Das bedeute natürlich, dass die Zahl der Straftaten im öffentlichen Raum im Vergleich zum vorigen Jahr geringer sei. Weiner: „Das sagt jedoch nichts über die Qualität und die Herausforderungen eines jeden Einsatzes für uns als Polizei aus“.

Unterstützt bei der Einsatzbewältigung werde die hiesige Polizei immer wieder durch die Bereitschaftspolizei-Hundertschaft aus Göttingen. Weiner betont, dass der überwiegende Teil der polizeilichen Einsätze friedlich verlaufe. Wichtig sei, dass die eingesetzten Beamten umfassende Informationen zu den vermeintlich beteiligten Personen erhalten. Schwierig und latent gefährlich werde es zum Beispiel, wenn die Polizisten zu einem Einbruch gerufen werden und nicht wissen, was auf sie zukommt.

Weiner: „Haben wir also Anhaltspunkte, dass erheblicher Widerstand zu erwarten ist, mehrere Personen alkoholisiert aneinandergeraten sind oder, wenn wir beispielsweise Hinweise auf Einbrecher haben, fahren wir mit mehreren Funkstreifenwagenbesatzungen an.“

Lob für Institutionen und Bürger im Landkreis

Der Northeimer Polizeichef fügt in dem Zusammenhang aber hinzu, dass sich die Herausforderungen an die Polizei durch die latente Bedrohung des Rechtsstaates und damit auch der Bevölkerung durch Terrorismus oder Salafismus verändert habe.

Bei Kontrollen müsse jeder einzelne Kollege, jede Kollegin besonderen Wert auf die Eigensicherung legen. Laut Weiner hat die Polizei im Landkreis Northeim in dem Bereich eine Verbesserung der Ausrüstung sowie eine Anpassung der Aus- und Fortbildung vorgenommen.

Abschließend spricht Weiner die Verantwortlichen in der Corona-Krise ein großes Lob aus: „Wir haben in der Zusammenarbeit mit dem Landkreis und den Verantwortlichen anderer beteiligter Institutionen gemeinsam dafür gesorgt, dass das friedliche Zusammenleben in unserer Region nicht einmal im Ansatz gefährdet war.“

32 Angriffe auf Polizeibeamte 

Im ersten Halbjahr 2020 gab es im Landkreis Northeim 32 Gewaltdelikte gegen Polizeibeamte, im Vergleichszeitraum 2019 waren es 24 Angriffe. Laut Polizeichef Michael Weiner wurden bei einem Einsatz vor einiger Zeit drei Beamte verletzt. Dabei war ein Mann „aus dem Nichts“ in eine psychische Ausnahmesituation geraten und hatte die Einsatzkräfte angegriffen. Nur durch einen „massiven Eingriff“ hätten die Beamten den Mann beruhigen können.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.