Es wurde bereits bestehende Verträge gekündigt

Pflegedienste im Landkreis Northeim sind überlastet

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Hohe Arbeitsbelastung führt dazu, dass Pflegekräfte sich beruflich umorientieren. Unser Symbolbild zeigt einen Altenpfleger aus Nordrhein-Westfalen.

Landkreis Northeim – Im Pflegebereich fehlen im Landkreis Northeim immer mehr Fachkräfte. Die Folge: Familien die für pflegebebedürftige Angehörige einen Pflegedienst suchen, werden mit Wartelisten vertröstet.

Teilweise haben Pflegedienste auch schon bestehende Pflege- und Versorgungsverträge gekündigt. Das berichtet Landkreis-Pressesprecherin Claudia Hiller. Entsprechende Berichte von Betroffenen hören nach ihren Worten die Mitarbeiter der Senioren- und Pflegestützpunkte des Landkreises immer häufiger. 

Auch bei der Schwesternstation St. Sixti hat man schon mehrfach Verträge kündigen müssen, weil für ausgefallene Pflegekräfte derzeit kein Ersatz zu finden ist. Das bestätigte Geschäftsführer Knut Kepke auf HNA-Anfrage. Ein Grund für die angespannte Lage sei der viel zitierte demografische Wandel, so Kepke. „Die Folge ist, dass der Altersdurchschnitt in den Belegschaften der Pflegedienste steigt, was wiederum mit erhöhten Krankenständen verbunden ist.“ 

Diese auszugleichen oder wenigstens zu überbrücken sei bei der aktuellen Lage auf dem Arbeitsmarkt nicht möglich. Pflegekraft gibt es nach seinen Worten auf dem Arbeitsmarkt derzeit nicht. Das gelte nicht nur für examinierte Pflegerinnen und Pfleger, sondern auch für die Hilfskräfte. 

Außerdem kritisiert der Geschäftsführer der Schwesternstation, dass die politischen Versprechen nicht eingelöst werden. Er gibt zu bedenken, dass die Pflegedienste demnächst Lohnerhöhungen von sieben Prozent zu verkraften haben werden, während die Vergütungen durch die Pflegekassen nur 2,5 Prozent steigen. „Da die Löhne etwa 80 Prozent der Kosten darstellen, passt die Refinanzierung nicht mehr und wird viele Pflegedienste in die Insolvenz treiben.“ 

Das zunehmende Angebot an Tagespflegeeinrichtungen verschärft nach Einschätzung Kepkes die Situation zusätzlich. „Denn diese Einrichtungen können Pflegekräften natürlich erheblich attraktivere Arbeitszeiten bieten als die ambulanten Dienste.“

Knut Kepke

Laut Schwesternstationsgeschäftsführer  Kepke ist nicht die Bezahlung, sondern die Arbeitsbelastung für viele Pflegekräfte der Hauptgrund, sich nach einer anderen Stelle umzuschauen. „Ein Großteil der Pflegekräfte sei in Teilzeit beschäftigt und schaue sich nach Arbeitsstellen um, bei denen Arbeit, Haushalt und Kindererziehung besser unter einen Hut zu bringen sind“, so Kepke. Derzeit gebe es in der Schwesternstation St. Sixti 120 Mitarbeiterinnen.

Der Ambulante Pflegedienst der Diakoniestation St. Mauritius in Hardegsen ist bislang von den genannten Problemen verschont geblieben. Laut Katharina Westermann, stellvertretende Pflegedienstleiterin ist man dort mit der aktuellen Situation zufrieden. Nach einer Marketingaktion zu Beginn des Jahres freue man sich über ein ausgewogenes Verhältnis von Mitarbeitern und Klienten, sodass weder Verträge gekündigt werden müssen noch neues Personal benötigt wird. Derzeit sind 26 Personen bei der Diakoniestation beschäftigt, darunter acht examinierte Pflegekräfte.

Laut Kreisverwaltung werden rund dreiviertel (72 Prozent) der mehr als 7500 pflegebedürftigen Personen im landkreis Northeim im häuslichen Umfeld versorgt. Das heißt, deren Versorgung wird zumeist von Angehörigen geleistet, die teilweise von Pflegediensten unterstützt werden.

Auch dass die Nachfrage nach der Pflegeberatung in den Stützpunkten immer größer wird, ist ein Indiz dafür, dass zahlreiche Familien Probleme bei der Pflege haben. Gab es im ersten Jahr der Beratung 518 Kontakte, wenden sich deswegen inzwischen jährlich 4000 Familien an die Pflegestützpunkte. Es gib sie in Northeim, Uslar, Einbeck und Bad Gandersheim.

Keine Angaben kann Hiller dazu machen, in welchen Bereichen des Kreisgebietes die Probleme besonders groß sind, aber „dass es gibt und diese sich möglicherweise in der Zukunft noch verstärken werden, ist jedoch ein Punkt, der nicht zu beschönigen ist“, betont sie.

Pflegetag soll Verbesserungen bringen

Der Landkreis Northeim plant für Montag, 28. Oktober, den ersten Pflegetag im Kreisgebiet. Unter anderem mit Vertretern von Pflegediensten und Pflegeeinrichtungen sollen dabei Vorschläge erarbeitet werden, wie die Situation in der Pflege verbessert werden kann. Diese Anregungen soll dann am 6. November der Ausschuss für Soziales, Gesundheit, Frauen, Familie und Senioren des Kreistags in seiner nächsten Sitzung beraten.

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