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Den Klärwerken droht das Mittel zum Reinigen des Wassers von Phosphat auszugehen

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Um den Phosphatwert im biologischen Klärbecken im Hintergrund zu regulieren, wird bei Bedarf über diese Leitung Eisenchlorid als sogenanntes Fällmittel zugesetzt.
Um den Phosphatwert im biologischen Klärbecken im Hintergrund zu regulieren, wird bei Bedarf über diese Leitung Eisenchlorid als sogenanntes Fällmittel zugesetzt. Das Northeimer Klärwerk hat drei biologische Klärbecken. © Olaf Weiss

Den Klärwerken drohen die Mittel zum Herauslösen der im Abwasser enthaltenen Phosphate auszugehen. Das Umweltministerium in Hannover hat die Unteren Wasserbehörden bereits angewiesen, wenn ein Klärwerk ohne sogenanntes Fällmittel dasteht und sonst alle Möglichkeiten zur Phosphat-Reduzierung ausgeschöpft sind, Grenzwertüberschreitungen zu tolerieren.

Northeim – Der Northeimer Eigenbetrieb Abwasserbeseitigung (EBA) will nun das bisherige, nicht zu bekommende Fällmittel auf Eisen-Basis durch eins auf Aluminium-Basis ersetzen. Doch wie EBA-Betriebsleiter Olaf Hagenow sagte, „sind auch bei den Alternativen die Kapazitäten begrenzt“.

Olaf Hagenow
EBA-Betriebsleiter Olaf Hagenow. © Hubert Jelinek

Die Folge: Die Preise für das von jeher rund 50 Prozent teurere Aluminium-Fällmittel explodierten. Auch ob zukünftig überhaupt genug von der Alternative zur Verfügung stehe, sei unklar. „Wir wissen nicht, wohin die Reise geht“, sagt Hagenow. Da nicht absehbar sei, wie lange der Engpass beim Eisen-Fällmittel andauern wird, rechnet der EBA in jedem Fall für das kommende Jahr mit höheren Beschaffungskosten.

Er hat bis zum Jahresende noch Eisen-Fällmittel und konnte zunächst 19 Tonnen Aluminium-Fällmittel beschaffen. Nach Hagenows Worten ist unklar, wie lange diese Menge reicht, weil es in Northeim keinerlei Erfahrung mit diesem Mittel gebe.

Die Northeimer Kläranlage
In der Northeimer Kläranlage werden pro Jahr 1,44 Millionen Kubikmeter Abwasser aus Northeim und den zugehörigen Ortschaften gereinigt. Das gereinigte Wasser wird in die Rhume geleitet. © Olaf Weiss

Um einerseits die Vorgaben für eine Tolerierung einer Grenzwertüberschreitung zu erfüllen, andererseits aber auch die Fällmittel künftig noch effektiver – sprich sparsamer – einsetzen zu können, investiert der EBA jetzt außerdem in die Phosphatmesstechnik. Für 25 000 Euro soll kurzfristig eine zusätzliche Messsonde im größten Belebungsbecken der Anlage installiert werden. Sie soll alle zehn Minuten die Phosphatkonzentration messen. Sollten zwei Messungen nacheinander über dem Warnwert liegen, wird die Zugabe von Fällmittel ausgelöst, erklärt Hagenow das Verfahren. Bisher werde nur alle 45 Minuten der Phosphatgehalt in den drei Belebungsbecken gemessen und bereits bei einer Grenzwertüberschreitung Fällmittel zugesetzt. (Olaf Weiss)

Vor der Reinigung ist Konzentration zu hoch

Das Abwasser, das in der Northeimer Kläranlage ankommt, hat nach den Worten von EBA-Chef Hagenow durchschnittlich einen Phosphatgehalt von 8,1 Milligramm/Liter. Der maximal zulässige Wert für Wasser, das die Kläranlage verlässt, beträgt 2 Milligramm/Liter. Die Anlage ist so eingestellt, dass bei mehr 1,2 Milligramm/Liter Fällmittel zugesetzt wird. Jährlich werden dort 1,44 Millionen Kubikmeter gereinigt. Ein Kubikmet entspricht1000 Liter. 

Dünger für die Felder, nicht für Algen

Weil die Fällmittel, mit denen in Kläranlagen Phosphate aus dem Abwasser geholt werden, knapp sind, stehen Anlagenbetreiber vor Problemen. In Fragen und Antworten hier Erläuterungen zum Thema.

Sind alle Kläranlagen von dem Fällmittelengpass betroffen.

Ohne Fällmittel kommt nach den Worten von Olaf Hagenow, Chef des Northeimer Eigenbetriebs Abwasserbeseitigung, keine Kläranlage aus. Zwar werden Phosphate auch biologisch durch Bakterien abgebaut, aber das allein reicht nicht aus.

Zur weiteren Reduzierung der Phosphate im Wasser ist der Einsatz von sogenannten Fällmitteln notwendig. Bisher sind aus Kostengründen in Kläranlagen vor allem Mittel auf Eisen-Basis benutzt worden. Allerdings variiert die Menge, die eingesetzt wird. Je nachdem, welche Konzentration im Abwasser gemessen wird, wird mal mehr, mal weniger Fällmittel hinzugegeben.

Wie ist der Engpass entstanden?

Die Eisen-Fällmittel sind ein Nebenprodukt der Herstellung von Grundstoffen für die Produktion von Autolacken. Einer der größten Hersteller hat aufgrund sinkender Nachfrage und der gestiegenen Energiekosten seine Produktion um zwei Drittel reduziert.

Was sind Phosphate?

Phosphate sind Phosphor-Verbindungen. Sie werden aus Mineralien gewonnen. Der weitaus größte Teil wird als Dünger in der Landwirtschaft eingesetzt. Der menschliche Körper braucht Phosphat für den Aufbau von Knochen und Zähnen. In natürlichen Lebensmitteln kommen sie unter anderem in Fleisch, Fisch und Milch, aber auch in Gemüse, Nüssen, Reis, Haferflocken oder Hülsenfrüchten vor.

Wie werden die im Wasser gelösten Phosphate gebunden?

Bei den Fällmitteln handelt es sich um Metallsalze, die sich im Wasser nicht auflösen, sondern in einem chemischen Prozess das im Wasser gelöste Phosphat binden. Die dabei entstehenden Klümpchen sinken zu Boden und werden so zu einem Bestandteil des Klärschlamms.

Dieser wird anschließend getrocknet und kann derzeit noch von Landwirten als Dünger auf die Felder gebracht werden. Die Alternative ist die Verbrennung in Müllverbrennungsanlagen.

Wie kommt das Phosphat ins Abwasser?

In Waschmitteln sind Phosphate in Deutschland seit den 1990er-Jahren nicht mehr enthalten. In Reinigungstabs für Geschirrspülmaschinen werden sie aber nach wie vor eingesetzt – einerseits zum Enthärten des Wassers, andererseits zur Bindung von Schmutzpartikeln, damit diese sich nicht wieder auf dem Geschirr ablagern. Über die Nahrung nimmt der Mensch täglich zwischen 800 bis 1600 Milligramm Phosphate auf, die beispielsweise auch als Konservierungsmittel in Lebensmitteln enthalten sind, und scheidet einen Teil davon auf natürlichem Weg wieder aus, sodass sie ins Abwasser gelangen.

Was bewirkt eine zu hohe Phosphatbelastung des Wassers in der Natur?

Sind zu viel Phosphate im Wasser, ist eine Überdüngung des Gewässers die Folge. Beispielsweise Algen können sich dann massenhaft entwickeln. Wenn es sich dabei um Arten handelt, die von Kleinstlebewesen nicht gefressen werden, kann laut Umweltbundesamt das Absterben dieser Algen zu massivem Sauerstoffmangel im Wasser und in dessen Folge zu einem Fischsterben führen. (ows)

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