Poetische Gebrauchsanweisung

Northeimer Ronny Schalk schrieb Drehbuch für ARD-Serie „Oktoberfest 1900“

Drehbuchautor Ronny Schalk neben dem Filmplakat zu „Oktoberfest 1900“.
+
Drehbuchautor Ronny Schalk neben dem Filmplakat zu „Oktoberfest 1900“. Für die Serie hat er das Drehbuch geschrieben.

Northeim – Der 41-jährige Drehbuchautor Ronny Schalk lebt seit einigen Jahren mit seiner Familie in Northeim.

Einen Film abends gemütlich auf dem Sofa gucken, also einfach nur konsumieren kann er nicht. „Nein, leider nicht“, sagt Schalk. Er hat eben einen anderen Blick auf das, was die Fernseh- und Streamingwelt aktuell so hergibt.

Das muss wohl auch beim Anschauen der sechsteiligen Erfolgsserie „Oktoberfest 1900“, die vor einigen Wochen in der ARD lief, so gewesen sein. Unterschied: Hier hat Schalk zusammen mit Christian Limmer als „Chef-Autor“ das Drehbuch geschrieben.

Der weltweite Streamingdienst Netflix hat sich die Rechte an der Serie gesichert und sie unter dem Titel „Oktoberfest: Beer & Blood“ in 180 Ländern veröffentlicht. In Deutschland ist sie ab Anfang nächsten Jahres bei Netflix zu sehen.

Kritiker sprechen von einem „opulenten Meisterstück“, einem „wilden-filmischen Ritt“ mit „shakespearscher Wucht“, aber auch von „belanglosem Schmarrn“. „Man kann es halt nicht allen recht machen“, sagt Schalk. Aber das sei auch nicht seine Aufgabe.

Dass Schalk mit „Oktoberfest 1900“ einen tollen Erfolg erzielt hat, zeigt unter anderem die Tatsache, dass er inzwischen Angebote ablehnen kann, sagt er.

In Filmkreisen international bekannt wurde der 41-Jährige als Autor für die Netflix-Serie „Dark“, einer deutschen Science-Fiction-Mystery-Serie, von der gerade die 3. Staffel erschienen ist.

Für seine Arbeit ist Schalk viel unterwegs, zwei Wochen Berlin, eine Woche München, durch Corona ist es aber auch bei ihm in Northeim ruhiger geworden. „Mehr, als ich zuerst vermutet habe“, sagt er. So kann er aber endlich sein schönes, neues Zuhause in Northeim genießen. Zwar wohnt er mit seiner Frau Lara Piper, die gebürtig aus Northeim kommt, schon einige Jahre hier, doch im Sommer haben sie mit ihrer kleinen Tochter ein gemütliches Haus am Wieter bezogen.

Im Dachgeschoss hat sich Schalk seinen „Kreativ-Raum“ eingerichtet. Auf dem Fußboden verstreut liegen Romane und Sachbücher, an der Wand hängt ein großes Filmplakat von „Oktoberfest 1900“. Hier, mit Blick in den Garten, entstehen die Ideen für die Drehbücher, für Dialoge und Szenenbilder. „Wir schreiben so, wie die Kamera später die Szene sieht“, beschreibt Schalk seine Tätigkeit. Oder: „Ein Kollege hat mal gesagt: Wir schreiben poetische Gebrauchsanweisungen“.

Geboren wurde Ronny Schalk in Wippra im Ostharz, aufgewachsen ist er in Hettstedt. Nach dem Abitur 1997 wollte er unbedingt „etwas Kreatives“ studieren. „Ich dachte, ich werde Journalist. Oder Maler“.

Dann lernt er in Göttingen während des Studiums in einem Seminar seine heutige Frau Lara kennen. Sie verlieben sich und irgendwann stellen sie sich die Frage: „Was wollen wir eigentlich hier?“

Beide lieben Filme und deren Entstehung. Also fällt der Entschluss, in eine Großstadt zu ziehen. Ronny bewirbt sich an Filmhochschulen, wird aber abgelehnt. Also folgen erst mal Praktika „beim Film“. „Ich habe ganz unten angefangen. Erst das Catering auf- und abgebaut, dann Filmplakate gestaltet. Aber ich bekam überall Einblick und habe echt viel gelernt“.

Zusammen mit Lara produziert er einen Kurzfilm, bewirbt sich total optimistisch an der Filmhochschule Potsdam – und wird wieder abgelehnt.

„Das war der Punkt, an dem ich gesagt habe, ich bewerbe mich jetzt noch ein letztes Mal. Dann ist Schluss“.

Schalk schickt seine Bewerbung an die Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg – und wird genommen. Also ziehen Lara und er nach Süddeutschland, nach vier Jahren Studium macht Schalk seinen Abschluss als „Diplom-Drehbuchautor“. Sein Abschluss-Drehbuch war so gut, dass es fürs Kino verfilmt wird: „Wir wollten aufs Meer“ heißt der Film. „Das war echt cool“, erzählt Schalk mit einem Lachen. „Gerade das Studium beendet und schon den ersten Film im Kino“. Von Baden-Württemberg geht es wenig später nach München. Dort schreibt Schalk Drehbücher für Vorabend-Serien im Fernsehen, hat sein Auskommen. Partnerin Lara arbeitet als Pressesprecherin bei großen Unternehmen. Aber trotzdem wollen beide mehr. 2010 ziehen sie nach Berlin.

„Ich war in der Branche inzwischen echt gut vernetzt. Immer wieder gibt es tolle Aufträge, darunter auch die ZDF-Serie „Thannbach - Schicksal eines Dorfes“, ebenfalls ein großer Fernseherfolg. Das allerdings „nur“ in Deutschland, internationalen Erfolg feiern Ronny Schalk und seine Kollegen mit „Dark“ bei Netflix.

Vor fast zwei Jahren startet dann die Planung für „Oktoberfest 1900“. Für Schalk heißt das erst mal Recherche: Er besucht das Münchner Bier- und Oktoberfestmuseum, spricht mit Historikern, mit Journalisten und liest viele Bücher, um ein Gefühl für das Münchener Oktoberfest und das Leben vor 120 Jahren zu bekommen.

„Ich habe an manchen Tagen von 7 bis 23 Uhr am Schreibtisch gesessen, weil die Maschine in meinem Kopf nicht ausging“, lacht Schalk. Er hat ständig die Figuren der Serie im Kopf, die von Schauspielern wie Misel Maticevic, Martina Gedeck und Francis Fulton-Smith verkörpert werden.

Doch die Geschichte rund um den damaligen Überlebenskampf der Wirte auf und rund ums Oktoberfest ist noch nicht fertig erzählt: Die zweite Staffel ist im Kopf von Ronny Schalk quasi fertig. Doch der zweite Corona-Lockdown hat auch die Filmbranche getroffen. „Wir warten, dass es endlich losgeht“, sagt Ronny Schalk.

Aber so hat er eben Zeit, andere Drehbuch-Projekte voranzutreiben, mit Frau und Tochter lange Spaziergänge rund um Northeim zu unternehmen oder am neuen Eigenheim zu werkeln. „Langweilig wird mir auf jeden Fall nicht“, ist er überzeugt. (Kathrin Plikat)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.