Suche in südniedersächsischen Museen

NS-Raubstücke: Verdachtsfälle im Northeimer Museum entdeckt

Osterode/Northeim. In fast allen Heimatmuseen Südniedersachsens finden sich Stücke, bei denen der Verdacht besteht, dass sie ihren Eigentümern während der NS-Zeit unrechtmäßig abgenommen worden sind.

Das ist das Ergebnis einer Untersuchung der Museen durch Dr. Christian Riemenschneider vom Landschaftsverband Südniedersachsen. Er hat jüngst den sogenannten Erst-Check in den Unterlagen der Museen Northeim, Uslar, Seesen und Osterode abgeschlossen. Zuvor hatte der Provenienzforscher (Provenienz: lateinisch Herkunft) bereits in den Museen von Hann. Münden, Einbeck, Alfeld, Duderstadt und Clausthal-Zellerfeld nach Verdachtsfällen von Raubgut gesucht. „Bis auf Clausthal-Zellerfeld waren in allen Museen Verdachtsfälle zu dokumentieren“, sagte Riemenschneider bei der Vorstellung seiner Ergebnisse am Montag in Osterode. Dabei handelt es sich unter anderem um Alltagsgegenstände aus jüdischen Familien.

In einem zweiten Schritt soll diesen Verdachtsfällen weiter nachgegangen und mögliche Erben der einstigen Eigentümer gesucht werden. Dafür arbeitet der Landschaftsverband gerade an einem Förderantrag. Wie die erste Untersuchung soll auch diese weitere Untersuchung aus Bundesmitteln gefördert werden, die das Deutsche Zentrum Kulturgutverlust (DKZ, Magdeburg) verteilt. Von den 20 000 Euro für den sogenannten Erst-Check der Museen hat das Zentrum bereits 15.000 Euro übernommen.

Partner bei der Herkunftsermittlung: (von links) Astrid Vettel (Landschaftsverband Südniedersachsen), Dr. Stefan Teuber (Northeim), Dirk Stroschein (Seesen), Daniel Althaus (Uslar), Dr. Christian Riemenschneider, Angelika Paetzold (Osterode), Claudia Andratschke (Leiterin des Netzwerks Provenienzforschung Niedersachsen) und Mathias Deinert, Referent im Deutschen Zentrum Kulturgutverluste. 

Zwei bis drei Jahre, so schätzt Riemenschneider, wird die weitergehende Untersuchung dauern. Zwar gebe es wohl keine juristische Verpflichtung zur Rückgabe mehr, die Ansprüche seien verjährt. Aber die moralische Verpflichtung, unrechtmäßig erworbene Gegenstände zurückzugeben, bestehe fort.

Dabei versucht das Zentrum Kulturgutverlust zu vermitteln. Neben der Rückgabe gebe es auch die Möglichkeit der Entschädigung, erläuterte DKZ-Referent Mathias Deinert. 

Bei seiner Suche stieß Provenienzforscher Dr. Christian Riemenschneider in den Bestandsverzeichnissen und anderen schriftlichen Quellen auf ganz unterschiedliche Gegenstände, bei denen er vermutet, dass sie nicht rechtmäßig in den Besitz des jeweiligen Museums gekommen sind.

Gesucht: Herkunft von Büchern und Möbeln

  • Museum Northeim: Das Fragment einer Torah-Rolle und weitere sakrale, jüdische Gegenstände fand Riemenschneider ebenso, wie die Fahne eines Arbeiter-Gesangvereins und Bücher, die dem Museum von der NSDAP-Kreisleitung und dem NS-Lehrerverband übergeben wurden. Weiter untersucht werden müssen auch Ankäufe aus jüdischen beziehungsweise arisierten Kunsthandlungen in der NS-Zeit, darunter der Erwerb einer Münze.
  • Museum Uslar: Der Weg einer Kalender-Tafel, die aus der Synagoge in Bodenfelde stammt, eines Zinntellers und einer Kommode, die möglicherweise aus jüdischem Besitz stammen, ins Museum sollen ebenso weiter erforscht werden, wie die einer Fahne des Reichsbanners, eines in der Weimarer Republik von SPD, Zentrum und DDP gegründeten Verbandes zum Schutz der Demokratie. Auch die Herkunft von einigen Objekten aus dem ehemaligen Deutsch-Südwest-Afrika (heute Namibia), die im Zusammenhang mit dem Völkermord an den Herero stehen, soll nach Riemenschneiders Worten geklärt werden. Darüber hinaus soll die genaue Herkunft einer Wohnzimmereinrichtung, die aus dem Besitz des Reichspräsidenten Friedrich Ebert stammen soll, ermittelt werden. Sozialdemokrat Ebert war der Schwiegervater des letzten Uslarer Landrats Dr. Wilhelm Jänecke (SPD). Den Biedermeier-Möbeln, die mögleicherweise die Mitgift der Ebert-Tochter Alma waren, wird gerüchteweise nachgesagt, aus der Plünderung eines Potsdamer Schlosses 1919 zu stammen.
  • Museum Hann. Münden: Im Mündener Museum ist Riemenschneider auf ein Kinder-Geographiebuch für Schulen aus dem Jahr 1787 aufmerksam geworden, das aus dem Besitz des Arbeiter-Bildungsvereins stammen könnte. Ein Exemplar des „Mündensches Stadtrecht“ aus dem Jahr 1817 stammt wahrscheinlich aus jüdischem Besitz. Unklar ist auch die Herkunft dreier Fayence-Vasen, die im Eingangsbuch des Museums auf 1934 datiert sind. Sie stammen möglicherweise aus dem Vermögen der jüdischen Münzhändlerfamilie von Henry Seligmann aus Hannover.

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