Erste Mühlen AG Deutschlands – Vor 55 Jahren wurde der Betrieb stillgelegt

Rhumemühle in Northeim ist 700 Jahre alt

Die Rhumemühle Northeim in voller Größe: Diese historische Luftaufnahme stammt aus dem Jahr 1953.
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Die Rhumemühle Northeim in voller Größe: Diese historische Luftaufnahme stammt aus dem Jahr 1953.

Northeim – Sie war die erste Mühlen-Aktiengesellschaft, die es in Deutschland gab: die Northeimer Rhumemühle. Wäre sie heute noch in Betrieb, könnte sie ihr 700-jähriges Jubiläum am jetzigen Standort feiern, denn nachweislich wurde sie mit dem Bau des Rhumekanals im Jahre 1322 an die jetzige Stelle verlegt.

Die Mühlengeschichte selbst ist wohl noch 300 Jahre älter, denn zuvor hatte es schon eine Rhumemühle gegeben, die dem Herrenhof und ab 1080 dem Kloster St. Blasien zuzuordnen war. Standort, so berichtete der verstorbene Northeimer Ex-Stadtdirektor und Heimatforscher Werner Hesse bei einer Mühlenführung im Jahre 2009, sei aber an der Stelle gewesen, wo jetzt das Wasserkraftwerk steht.

Mit der Betriebsgeschichte der Northeimer Rhumemühle AG kennt sich der Kalefelder Heinz Stöckemann bestens aus. Der heute 83-Jährige war früher bei der Rhumemühle als Industriekaufmann und später bis 1965 im Außendienst beschäftigt.

Ende 1966/Anfang 1967 wurde der Mühlenbetrieb stillgelegt, berichtet er, wobei sich die vollständige Abwicklung der Unternehmens-Schließung bis 1969 hingezogen habe.

Von den umfangreichen Gebäudekomplexen des Mühlenbetriebs sind heute nur noch zwei markante Backsteinbauten erhalten, die, teils umgebaut und erweitert, noch als Getreidesilo von der Firma Rieke genutzt werden.

Die Rhumemühle in ihrer heute noch ansatzweise sichtbaren Form, allerdings mit noch deutlich mehr Nebengebäuden, wurde 1865 am Rhumekanal nach Abriss der alten Mühlengebäude gebaut, berichtet Stöckemann. Damals sei die Rhumemühlen-Aktiengesellschaft gegründet worden, die die erste Mühlen-AG in Deutschland gewesen sei.

Seinerzeit wurden auch die Mühlenräder durch Turbinen ersetzt. 1893 wurde eine Dampfmaschinenanlage hinzugebaut. Bereits zehn Jahre zuvor wurde das Mühlengelände mit einem eigenen Gleis an die Bahnstrecke Northeim-Nordhausen angeschlossen.

In ihren Hochzeiten Ende der 1950er- und Anfang der 1960er-Jahre habe die Rhumemühle täglich 80 Tonnen Getreide vermahlen, Weizen und auch Roggen, erinnert sich Stöckemann.

„Wir haben Kunden bis nach Berlin und in ganz Nordrhein-Westfalen mit unserem Mehl beliefert“, so der Kalefelder weiter.

Der Energiebedarf sei später so groß gewesen, dass 1958 mit dem Bau des Rhumewasserkraftwerks am oberen Rhumekanal begonnen worden sei, 1961 ging es in Betrieb.

Zum 100-jährigen Jubiläum der Rhumemühle AG 1965 habe man auch den damaligen Niedersächsischen Ministerpräsidenten Georg Diederichs, der aus Northeim stammte, bei den Feierlichkeiten im damaligen Hotel Sonne begrüßen können.

Das landesweite Mühlensterben machte allerdings kurze Zeit später auch vor der Rhumemühle nicht Halt. Für einen konkurrenzfähigen Betrieb war sie einfach zu klein, und so wurde 1966 die Stilllegung eingeleitet. 1968 gab es einen großen Brand in der Mühle, denen etliche Gebäudeteile zum Opfer fielen.

Heute steht auf dem südlichen Teil des ehemaligen Mühlengeländes, auf dem sich früher das Verwaltungsgebäude, Bahnanlagen und die Dampfmaschinenanlage befanden, der Kaufland-Supermarkt. Der Rhumekanal und die Backstein-Getreidespeicher sind erhalten. (Axel Gödecke)

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