Defekter Fahrstuhl am Northeimer Bahnhof

Rollstuhlfahrerin war drei Stunden lang auf Bahnsteig gefangen

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Hier ging es nicht mehr weiter: Monika Nölting vor dem inzwischen wieder reparierten Fahrstuhl auf Bahnsteig 2 des Northeimer Bahnhofs.

Northeim. Für Rollstuhlfahrer kann der Bahnsteig 2 des Northeimer Bahnhofs zur Falle werden. Diese Erfahrung musste Monika Nölting am Samstagabend machen.

Nölting war nach einer Zugfahrt von Bonn über Köln und Hannover am Samstagabend kurz vor 22 Uhr in Northeim angekommen. Weil der Fahrstuhl defekt war, gab es für sie keine Möglichkeit, den Bahnsteig zu verlassen, berichtet die Vorsitzende des Northeimer Beirats für Menschen mit Behinderungen. Ihre Rettung dauerte insgesamt dreieinhalb Stunden.

Sie ist vor allem verärgert, weil es auf dem Bahnsteig keinen Notrufknopf gibt. Sie fordert von der Deutschen Bahn, dass auf den Bahnsteigen solche Notrufknöpfe installiert werden. Dabei verweist sie auf ältere Menschen, die häufig kein Handy besäßen und deshalb sonst keine Hilfe rufen können.

Der für Northeim zuständige Göttinger Bahnhofsmanager Detlef Krusche lehnt das mit dem Hinweis auf die nach seinen Worten große Gefahr des Missbrauchs und der Zerstörung solcher Notrufeinrichtungen durch Vandalismus ab. Er verweist auf die Telefonnummer der Sicherheitszentrale, die rund um die Uhr erreichbar sei.

Die bisher nur in den Fahrstühlen und in den Schaukästen ausgehängte Nummer, so kündigte er an, solle nun auch auf den Bahnsteigen gut sichtbar angebracht werden.

Krusche rät Rollstuhlfahrern („mobiltätseingeschränkte Personen“), sich vor Beginn ihrer Fahrt beim sogenannten Mobilitätsservice der Bahn anzumelden. Nölting: „Ich fahre immer nur angemeldet. Das würde ich mir sonst gar nicht zutrauen.“

Der Mobilitätsservice hilft nämlich beim Ein- und Aussteigen und beim Gepäcktransport im Bahnhof. Außerdem informiert er, wenn wegen technischer Probleme das Ein- oder Aussteigen an einem Bahnhof mal nicht möglich ist: „Das klappt sonst gut“, so Nölting.

Dass in Northeim Unterstützung für Rollstuhlfahrer nur bis 20 Uhr angeboten wird, hatte der Mobilitätsservice der Bahn Monika Nölting vorher allerdings nicht verraten. Die Störung des Fahrstuhls ist wohl erst kurz vor ihrer Ankunft in Northeim aufgetreten und war noch nicht bemerkt worden. Deshalb konnte sie davor nicht gewarnt werden.

Als sie vor der verschlossenen Fahrstuhltür stand, rief sie zunächst die Polizei an. Die Northeimer Beamten versprachen, der Bahn Bescheid zu sagen. „Dann tat sich eine halbe Stunde nichts“, betont sie.

Während Nölting noch auf Hilfe wartete, fiel trotz halbvoller Batterien zu allem Übel auch noch der E-Rollstuhl aus – die Northeimerin vermutet, infolge der Kälte. Eine Gruppe alkoholisierter Fußballfans, die am Bahnhof herumlungerte, attackierte sie zwar nicht, machte ihr aber zusätzlich Angst.

Schließlich rief die Polizei zurück, die Bahn würde sich kümmern. Dass geschah in Form eines Anrufs eines Bahn-Mitarbeiters. Er könne zwei Kollegen schicken, die Nölting samt Rollstuhl vom Bahnsteigen tragen würden.

Das musste die Rollstuhlfahrerin mit dem Hinweis auf das Gewicht von über 150 Kilogramm ihres Elektro-Rollstuhls ablehnen. Nölting: „Das ist ein Ding der Unmöglichkeit.“

Einen Plan B hatte der Bahn-Bedienstete nach ihren Worten nicht. Er schlug nur noch vor, sie solle auf den Monteur für den Fahrstuhl warten, der aber noch mit einer anderen Reparatur beschäftigt sei.

„Es gibt in einem solchen Fall nichts anderes als die Person mit Muskelkraft vom Bahnsteig zu holen“, sagt auch Bahnhofsmanager Detlef Krusche. „Sonst müssen Rettungskräfte, also Feuerwehr oder Technisches Hilfswerk, alarmiert werden.“

Der von Nölting alarmierte Pflegedienst, der sie eigentlich vom Bahnhof abholen sollte, hatte ihr („Ich war so durchgefroren“) inzwischen eine Decke gebracht. Die Pflegerin blieb als moralische Unterstützung bei ihr.

Rettung nahte schließlich einerseits in Form einer Gruppe hilfsbereiter junger Leute und dem nächsten Metronom aus Richtung Hannover. Die Jugendlichen schoben Nölting auf ihrem defekten Rollstuhl in den Metronom, mit dem sie dann nach Göttingen fahren konnte.

Dort nahm sie die von der Bahn alarmierte Bundespolizei in Empfang. Mit einem speziellen Fahrzeug des Arbeiter-Samariter-Bundes ging es für Monika Nölting dann zurück nach Northeim. Schließlich war sie statt kurz nach 22 Uhr um 1.30 Uhr in der Nacht endlich zu Hause.

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