Enge Regeln für psychiatrische und psychologische Behandlungen

Sohn leidet unter Wahnvorstellungen: Mutter fühlt sich allein gelassen

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Ende der Freiheit: Die Tür einer geschlossen Station eines psychiatrischen Krankenhauses kann nur vom Pflegepersonal und den Ärzten geöffnet werden.

Renate Kolberg (Name von der Redaktion geändert) ist verzweifelt. Der Sohn der 60-Jährigen aus einer kleinen Ortschaft im Landkreis Northeim ist psychisch krank. Aber weil ihm die Einsicht in seine Erkrankung fehlt, wird er nicht behandelt.

Dabei fürchtet sie, dass ihr 42-Jähriger Sohn, der nach ihren Worten unter psychotischen Wahnvorstellungen leidet, für seine Familie oder sich selbst zur Gefahr werden könnte. 

Um sich und die gemeinsamen Kinder zu schützen, hat seine Partnerin ihn bereits vor die Tür gesetzt. Mehrfach war er zuvor aus der Rolle gefallen und hatte herumgebrüllt, allerdings ohne gewalttätig zu werden. 

„Er weiß nicht, dass er krank ist“, sagt Renate Kolberg über ihren Sohn. Nach ihren Worten hat er weitgehend den Bezug zur Realität verloren. Einerseits fühlt er sich verfolgt, andererseits bildet er sich aber auch ein, der Eigentümer des Unternehmens zu sein, in dem er als Facharbeiter beschäftigt ist. 

Sein Arbeitgeber, bei dem der 42-Jährige durch sein Verhalten ebenfalls schon aufgefallen ist, hat ihn mit der Aufforderung nach Hause geschickt, sich Hilfe zu suchen. „Muss er erst sich selbst oder seinen Kindern etwas antun, ehe er behandelt wird?“, fragt die besorgte 60-Jährige. 

Weder der Sozial-psychiatrische Dienst des Landkreises Northeim noch ein niedergelassener Psychiater oder dessen Kollegen in Kliniken sahen einen Grund dafür, den 42-Jährigen gegen seinen Willen in einer geschlossenen Psychiatrie unterzubringen.

Zwang ist nur selten zulässig

In Fragen und Antworten erläutern wir, an welche Voraussetzungen eine Behandlung eines psychisch Kranken gegen den Willen – wie des Sohnes von Renate Kolberg –möglich ist?

Unter welchen Bedingungen ist eine Behandlung gegen den Willen des Patienten möglich?

Es muss eine Gefährdung des Patienten selbst oder von anderen Personen vorliegen – und das nicht theoretisch irgendwann, sondern akut, teilt der sozial-psychiatrische Dienst des Landkreises mit. Zur Begründung verweist Landkreis-Pressesprecher Dirk Niemeyer auf das Niedersächsische Gesetz über Hilfen und Schutzmaßnahmen für psychisch Kranke (NPsychKG). Demnach muss die Gefährdung erheblich sein, also Leib und Leben bedroht sein.

Folglich reicht beispielsweise die einfache Ankündigung eines psychisch Kranken „Ich bring´ mich um“ allein nicht aus. Es muss weitere Hinweise dafür geben, dass der mögliche Suizid tatsächlich in Kürze bevorsteht.

Gilt auch Verwahrlosung als Eigengefährdung?

Nein. Sollte sich jemand aufgrund seiner psychischen Erkrankung und mangelnder Einsicht darin in seiner Gesundheit gefährden, beispielsweise durch Alkohol- und Drogenmissbrauch, aber auch durch den Verlust der Wohnung ist eine Zwangsbehandlung nicht möglich.

Allerdings, so teilte Niemeyer mit, könne unter besonderen Voraussetzungen in solchen Fällen eine Betreuung eingerichtet werden. Dann übernimmt ein gerichtlich bestellter Betreuer die notwendigen Rechtsgeschäfte für den Betroffenen, stellt beispielsweise Anträge auf Sozialhilfe, kümmert sich um Mietzahlungen und so weiter.

Unter welchen Voraussetzungen ist eine Unterbringung in einer psychiatrischen Klinik gegen den Willen des Betroffenen möglich?

Am Ende ist dafür eine richterliche Entscheidung notwendig. Dem voraus geht eine ärztliche Untersuchung, in der die Notwendigkeit der Unterbringung festgestellt werden muss.

Warum sind die Hürden für eine psychiatrische Behandlung so hoch?

Das hat mehrere Gründe. Zum einen haben auch psychisch kranke Personen ein Recht auf Selbstbestimmung. Laut NPsychKG ist das Ziel aller psycho-sozialen Hilfsangebote, den betroffenen Personen ein möglichst selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen.

Zum anderen spielt auch die deutsche Geschichte eine Rolle: Sie habe gezeigt, „dass staatlich ausgeübte Zwangsmaßnahmen nicht immer zum Wohle der Betroffenen sein müssen“, erklärt Niemeyer. „Aus diesem Grunde hat der Gesetzgeber sehr strenge Gesetze diesbezüglich erlassen.“ 

Wie ist eine Behandlung unter diesen Voraussetzungen überhaupt möglich?

Liegt eine unmittelbarer Eigen- oder Fremdgefährdung nicht vor, geht ohne die Einwilligung des psychisch Erkrankten nichts. Der sozialpsychiatrische Dienst ist nach Niemeyers Worten bei seiner Arbeit sehr auf die Freiwilligkeit und Mitarbeit der Betroffenen angewiesen.

Die Herausforderung liege bei den Menschen, die sich ihrer psychischen Erkrankung nicht bewusst sind, darin, Vertrauen aufzubauen und langsam bei ihnen ein Verständnis für die eigene Krankheit zu entwickeln, um so Einsicht in die Behandlungsnotwendigkeit zu erzeugen.

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