Eine bewegende Geschichte

„Ich bin einfach glücklich“: Wie ein Torwarttrainer im Rollstuhl Handball-Profis ausbildet

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Trainiert seit 2012 die Torhüter beim Drittligisten NHC: Stephan Klein (44) aus Angerstein.

Seit 2012 trainiert Stephan Klein die Torhüter des Northeimer HC mit Erfolg. Seine Geschichte ist bewegend - wir haben ihn beim Training besucht.

Mittwoch, 19.30 Uhr. In der Northeimer Schuhwallhalle trainiert die 1. Herren-Mannschaft des Northeimer Handball-Clubs (NHC). Zack zack zack, Trainer Carsten Barnkothe treibt seine Drittliga-Jungs an. In einem kleineren, abgeteilten Teil der Halle geht es etwas ruhiger zu. Stephan Klein (44) aus Angerstein trainiert die beiden Torhüter Marcel Armgart und Roman Althans. Doch etwas passt erst mal nicht ins Bild: Der Trainer sitzt im Rollstuhl, kann nicht laufen und auch nicht werfen.

Klein, früher selbst erfolgreicher Handball-Torwart, unter anderem stand er zweimal in der deutschen Nationalmannschaft der A-Junioren und wurde zweimal mit seinem Stammverein, der HSG Plesse, norddeutscher Vizemeister, ist seit einem Verkehrsunfall querschnittgelähmt.

Es war der 18. Januar 1995, der das Leben von Stephan Klein für immer verändern sollte. Mit seiner Freundin ist er zwischen Bilshausen und Bodensee im Auto unterwegs, als er plötzlich auf den Seitenstreifen gerät und danach in den Straßengraben schleudert. Durch den Aufprall und eine unglückliche Bewegung, wird er an der Halswirbelsäule verletzt.

Ein Bild aus aktiven Zeiten: Zweimal spielte Klein in der Nationalmannschaft der A-Junioren.

Während seine Freundin unverletzt bleibt und auch am Auto kaum ein Schaden sichtbar ist, merkt der damals 20-jährige Stephan Klein sofort, dass etwas nicht stimmt: „Mir war klar, das war es jetzt. Ich werde nie wieder laufen können“, sagt er. „Die zehn Sekunden da im Auto haben mein Leben für immer verändert“.

Bei vollem Bewusstsein erlebt er den Rettungseinsatz an der Unfallstelle. „Ich habe über meine sportliche Karriere nachgedacht. Und über meinen Beruf. Und ich wusste, dass das alles mit einem Schlag vorbei ist“.

Er sollte recht behalten: Sieben Monate Klinikaufenthalt mit Operationen und Rehabilitation folgen. Dann wird Stephan Klein entlassen. In ein neues Leben mit Rollstuhl. Seinen Beruf als Elektroinstallateur kann er nicht mehr ausüben. Handball? Daran ist gar nicht mehr zu denken.

Doch von Wehmut oder Trauer spürt man bei Stephan Klein nichts, wenn er heute über sein „altes“ Leben spricht. „Ich habe damals gleich gesagt, mein Leben geht weiter. Jetzt eben nicht mehr auf zwei Beinen“. Geholfen habe ihm dabei vor allem sein Kampfgeist aus sportlichen Zeiten. „Ich habe mich einfach nicht hängen lassen“.

Als er 2012 an einem 20-Jahre-Revival-Treffen seiner früheren, erfolgreichen Mannschaft der HSG Plesse teilnimmt, trifft er auch seinen damaligen Mitspieler Marc-Oliver „Ollo“ Wode wieder, der noch heute als Torhüter in der 2. Mannschaft beim NHC aktiv ist. „Er fragte mich, ob ich Lust hätte, beim NHC das Torwart-Training zu übernehmen. Ich habe nicht gezögert und gleich ja gesagt“, erinnert sich Klein.

Schubkarre - Training für die Arme: Von links Trainer Stephan Klein, vorn Roman Althans aus der 2. Mannschaft, hinten Torhüter Marcel Armgart von den 1. Herren.

Seit 2012 gehört er nun fest zum Trainerstab. Heute gehören neben Marcel Armgart auch Lennart Gobrecht und die Nummer eins im NHC-Tor, Frederik Stammer, zu seinen Schützlingen.

Stammer, der gerade verletzt ist und nur beim Training zugucken kann, gibt zu, dass er beim ersten Aufeinandertreffen mit seinem Torwart-Trainer erst mal überrascht ist. „Ich habe gedacht, wie soll das denn gehen“, so der 22-Jährige. Dass „es“ geht, merkt er ziemlich schnell. „Stephan hat echt viel Erfahrung und Wissen. Jeder von uns Torhütern ist individuell, darauf hat er sich super eingestellt. Stephan kann zwar nicht hinter dem Ball her rennen oder werfen, aber er kann uns in der Theorie super viel vermitteln. Das zählt. Ich habe echt großen Respekt vor Stephan“.

Den zollt ihm auch Trainer Carsten Barnkothe: „Stephan hat ein riesiges Fachwissen, er bereitet sich auf jedes Training und Spiel, intensiv vor. Wir sind froh, dass wir ihn haben. Dass er Rollstuhlfahrer und kein aktiver Sportler mehr ist, ist uns völlig egal“.

Viele nette Worte – das freut natürlich auch Stephan Klein. Auf die Frage, ob er trotzdem manchmal mit seinem Schicksal hadert, antwortet er mit einem glaubhaften „Nein“.

„Ich habe Freunde, Hobbys, Arbeit, fahre Auto und rolle mehrmals pro Woche zum Sport“, sagt er mit einem Grinsen. „Ich bin ganz einfach glücklich“.

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