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Unternehmen im Kreis Northeim haben Angst um Mitarbeiter und Lieferketten

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Von: Olaf Weiss, Axel Gödecke, Niko Mönkemeyer, Rosemarie Gerhardy

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Die russische Fahne auf ukrainischen Hoheitsgebiet: Was auf diesem Archivbild aus dem Jahr 2014 noch eine Propagandaaktion der Separatisten in Luhansk war, ist seit gestern zur brutalen Wirklichkeit eines Krieges geworden.
Die russische Fahne auf ukrainischen Hoheitsgebiet: Was auf diesem Archivbild aus dem Jahr 2014 noch eine Propagandaaktion der Separatisten in Luhansk war, ist seit gestern zur brutalen Wirklichkeit eines Krieges geworden. © Rogulin Dimiry/dpa

Was bedeutet der russische Angriff für die Wirtschaft im Landkreis Northeim?

Landkreis Northeim – Die Betriebe im Kreis Northeim blicken mit unterschiedlicher Sorgen auf den Kriegsausbruch in der Ukraine. Das ergab eine Umfrage in den Chefetagen einiger Firmen .

Indusrie

Die Firma ETT Verpackungstechnik in Fredelsloh hat zwar sowohl in der Ukraine als auch in Russland schon Anlagen gebaut, aber aktuell sind diese beiden Länder aufgrund des Kursverfalls schon länger kein Absatzmarkt mehr für das sogenannte Direktgeschäft des Unternehmens. Das sagte Geschäftsführer Nils Reich auf HNA-Anfrage.

Porträtfoto Nils Reich
Nils Reich © ETT

„Aufgrund der Tatsache, dass wir aber bei der Konstruktion unserer Anlagen mit einem Ingenieurbüro in der Ukraine schon seit Längerem sehr gut zusammenarbeiten, befürchten wir allerdings doch Auswirkungen auf unsere Produktion“, sagt Reich. Diese würden die durch die Corona-Krise verursachten Lieferengpässe, die in vielen Bereichen der Wirtschaft bereits dramatische Ausmaße angenommen hätten, noch einmal verstärken.

Porträt Christoph Böhnisch
Christoph Böhnisch © Piller

Die Moringer Firma Piller Blowers & Compressors GmbH beobachte die aktuelle Entwicklung in der Ukraine mit großer Sorge, teilten die Geschäftsführer Stephan Merkel und Christoph Böhnisch auf HNA-Nachfrage mit. Russland zähle zu einem der wichtigen Märkte für Prozessgasventilatoren.

„Die Herausforderung und Erwartungshaltung unsererseits an die Politik ist, alle möglichen Sanktionen so auszuprägen, dass nur diejenigen davon getroffen werden, die auch tatsächlich sanktioniert werden sollen“, so die beiden Geschäftsführer. Deutsche Firmen sollten nicht darunter leiden müssen, zum Beispiel durch Zahlungsausfälle.

Porträtfoto Stefan Merkel
Stefan Merkel © Piller

Der größte Arbeitgeber in Northeim, die zur Continental AG in Hannover gehörende Contitech-Gruppe, möchte sich zu politischen Themen grundsätzlich nicht äußern, betont Continental-Pressesprecherin Antje Spormann. Sie verrät aber, dass Continental in Russland rund 1300 Mitarbeiter beschäftige. In der Ukraine habe Continental keinen Standort.

Porträtfoto Antje Spormann
Antje Spormann © Continental

Auf die Frage, ob der Krieg Auswirkungen auf das Konzerngeschäft habe, betonte Spormann, dass der Anteil des Geschäfts in Russland und der Ukraine am Gesamtumsatz der Continental zusammen weniger als ein Prozent betrage.

Landwirtschaft

Das Saatgutunternehmen KWS in Einbeck, das auch in Russland präsent ist, sorgt sich derzeit vor allem um seine 169 Mitarbeiter in der Ukraine. „Als Unternehmen tun wir alles, um Kolleginnen und Kollegen, die von der Krisensituation bedroht sein könnten, zu unterstützen“, betont Unternehmenssprecherin Sina Barnkothe. Das umfasse Maßnahmen zur Sicherstellung der Kommunikation, Angebote zu einem Umzug und finanzielle Unterstützung.

Porträtfoto Manuel Bartens
Manuel Bartens © Landvolk Northeim-Osterode

Das Unternehmen stehe in engem Kontakt mit seinen Mitarbeitern in den betroffenen Regionen, um Unterstützung zu leisten. Alle seien darüber informiert, dass ihre Sicherheit an erster Stelle stehe und niemand die Arbeitsstätten aufsuchen müsse, sofern eine Gefahr damit verbunden sein könnte. Die Arbeit ruhe weitgehend.

Für die Bauern befürchtet Manuel Bartens, Leiter der Verbandsorganisation beim Kreisbauernverband Northeim-Osterode einen massiven Anstieg der Energiepreise. „Dies betrifft vor allem Diesel-, Dünger- und Trocknungskosten, was besonders für die Schweinehalter zu einer weiteren enormen Belastung führen wird“, sagt er. Die Preise für Schweinefleisch seien schon seit Langem nicht mehr kostendeckend gewesen und hätten zu einer Aufgabe von Schweinehaltungsbetrieben geführt.

Beim Preis für Getreide sei ein Anstieg zu erwarten, so Bartens. Die bereits vorher hohen Preise dürften durch zu erwartende Sanktionen, Exportbeschränkungen oder zumindest Exportunterbrechungen weiter stark anziehen. „Russland und die Ukraine sind große Exporteure für Getreide und Ölfrüchte“, gibt Bartens zu bedenken.

Darüber hinaus sei damit zu rechnen, dass durch verringerte Erdgas-Lieferungen, die für die Stickstoff-Herstellung notwendig seien, nicht mehr ausreichend Dünger hergestellt werden könne. „Stickstoff ist unter den verbrauchten Düngemittel klar die Nummer 1 und macht mehr als die Hälfte der eingesetzten Düngemenge aus“, sagt Bartens. „Wird dieser Einsatz drastisch verringert, so wirkt sich das auf die Erntemenge und zum Teil auch auf die Qualität aus.“

Energiesektor

Die Gasversorgung im Zusammenhang mit dem aktuellen Russland-Ukraine-Konflikt stellt grundsätzlich kein lokales Problem dar, erklärt Dirk Schaper, Geschäftsführer der Stadtwerke Northeim (SWN). Dementsprechend werde die aktuelle Lage von den zuständigen Behörden in Deutschland und Europa und von der Gas-Wirtschaft sehr genau beobachtet und regelmäßig neu bewertet. Hierbei sei von großer Bedeutung, dass Deutschland Erdgas auch während der Wintermonate kontinuierlich aus zahlreichen unterschiedlichen Lieferländern beziehe.

Porträtfoto Dirk Schaper
Dirk Schaper © Roland Schrader

Neben Russland sind hier laut Schaper Norwegen und die Niederlande zu nennen. Zudem gebe es auch Lieferungen aus der Erdgas-Förderung in Deutschland. Die SWN verfügten über langfristige Bezugsverträge mit Großhändlern, auch dies stärke die Versorgungssicherheit, so Pressesprecher Lars von Minden. Zudem gebe es momentan keine Anzeichen dafür, dass es zu Engpässen in der Gasversorgung kommen werde. (Niko Mönkemeyer, Rosemarie Gerhardy, Olaf Weiss, Axel Gödecke)

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