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Waldbrand in Sachsen: HNA-Redakteur spricht über die Löscharbeiten vor Ort

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Von: Konstantin Mennecke

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Seit knapp zweieinhalb Wochen herrscht in Teilen der Sächsischen Schweiz der Ausnahmezustand. Wir haben die Einsatzkräfte bei ihrer Arbeit begleitet.

Bad Schandau/Pirna – Zufahrtsstraßen sind durch die Polizei gesperrt, überall stehen unzählige Einsatzfahrzeuge, pausenlos kreisen Hubschrauber in der Luft: In der Grenzregion von Sachsen nach Tschechien, genauer in der Sächsischen Schweiz gilt in Teilen auch heute noch Katastrophenalarm. 250 Hektar sind vom Waldbrand betroffen – und das nur auf deutscher Seite.

Für die 90 Feuerwehrkräfte aus Niedersachsen, darunter rund 30 Ehrenamtliche aus dem Landkreis Northeim, war die Fahrt am Montagmorgen eine ins Ungewisse. Erst am Sonntag waren sie über den Einsatz ab Montag informiert worden – bis zum gestrigen Donnerstag mussten nicht nur die Arbeitgeber, sondern auch ihre Familien auf ihre Liebsten verzichten.

Waldbrände in Sachsen: Auch Helfer aus Niedersachsen im Einsatz

Waldbrände im Nationalpark Sächsische Schweiz
In der Sächsischen und der benachbarten Böhmischen Schweiz kämpfen zwischenzeitlich fast 2000 Einsatzkräfte aller Hilfsorganisationen inklusive 14 Hubschraubern gegen verheerende Waldbrände. © Robert Michael/dpa

Die knapp fünfstündige Fahrt als Fahrzeugkolonne verlief am Montag reibungslos. Schon auf dem Weg zur Unterkunft, einem Berufsschulzentrum, stehen immer wieder Bürger an den Gartenzäunen und winken. Sie winken den Rettungskräften, die als Unterstützung, teils als Ablöse für die Männer und Frauen kommen, die bereits in der dritten Woche gegen die Flammen kämpfen.

Alles wird bei der Ankunft dokumentiert – wie viele Personen aus welchen Einheiten, wer ist im Notfall zu verständigen, alles hat seine Ordnung. Das Schulzentrum selbst wirkt wie ein Basislager. Die Johanniter geben Feldbetten und mehr raus, geschlafen wird in Klassenräumen.

Der Ernst der Lage verdeutlicht sich bei der Fahrt ins Waldbrandgebiet. Das, was als Sächsische Schweiz vielen als landschaftlich eindrucksvolles Reiseziel bekannt ist, wird hier eine echte Herausforderung. Steile Klippen, schwer zugängliches Gelände und schier unendlich lange Wege erschweren die Arbeit.

Brandgeruch als ständiger Begleiter - Waldbrände in Sachsen verlangen alles von den Helfern

Die Flammen konnten sich schnell ausbreiten: Ende Juli kam es im tschechischen Nationalpark Böhmische Schweiz zu einem Vollfeuer, wie die Einsatzkräfte es beschreiben. Die Flammen konnten sich so schnell in den benachbarten Nationalpark Sächsische Schweiz ausbreiten. Bis heute sind Rettungskräfte dort im Einsatz.
Die Flammen konnten sich schnell ausbreiten: Ende Juli kam es im tschechischen Nationalpark Böhmische Schweiz zu einem Vollfeuer, wie die Einsatzkräfte es beschreiben. Die Flammen konnten sich so schnell in den benachbarten Nationalpark Sächsische Schweiz ausbreiten. Bis heute sind Rettungskräfte dort im Einsatz. © Robert Michael/DP

Eben diese Arbeit will der Bund erleichtern. Er hat in den vergangenen Jahren Hunderte Löschgruppenfahrzeuge für den Katastrophenschutz beschafft. Unzählige von ihnen sind hier anzutreffen. Diese Fahrzeuge gilt es nun passgenau über enge Wege hoch in den Wald zu manövrieren. „Unsere Sicherheit hat oberstes Gebot. Keine falsche Scham, wer mit den Kräften am Ende ist“, ist immer wieder zu hören. Und darauf wird auch viel Wert gelegt.

Seit Wochen hat es im Katastrophengebiet nicht nennenswert geregnet, der Mund wird schon auf der Fahrt durch den aufgewirbelten Staub trocken, ein latenter Brandgeruch begleitet die Retter auf ihrem Weg. An Lotsenpunkten werden die durchfahrenden Fahrzeuge erfasst, im Einbahnstraßenprinzip geht es an die Brandorte, die hier Einsatzabschnitte genannt werden. Ein sogenannter Begegnungsverkehr ist meist nicht möglich.

Dankbarkeit: Viele Bürger haben Plakate aufgehängt.
Dankbarkeit: Viele Bürger haben Plakate aufgehängt. © Konstantin mennecke

Waldbrände in Sachsen: Statt Wald nur noch eine Mondlandschaft

Angekommen am Einsatzort, wirkt die Situation surreal. Das, was einmal Wald war, sieht aus wie eine Mondlandschaft. Schwarzer Ruß überzieht den Boden, verkohlte Baumstämme liegen auf der Erde, Rauch steigt auf. „Wir haben es überwiegend mit Bodenfeuern zu tun, viele Wurzeln sind geschwächt, Bäume können umstürzen“, mahnt Jan-Eric Loy, der in dieser Woche die Führung der Einsatzkräfte aus dem Landkreis Northeim übernimmt.

Seit mehr als einem Jahr ist Loy mit der Feuerwehrbereitschaft 1 nahezu wöchentlich in seinem Heimatlandkreis unterwegs, um genau das auszubilden, was hier gefordert ist: die Fertigkeit, Wald- und Flächenbrände mit Spezialwerkzeug bekämpfen zu können. Das Ganze teils 30 bis 40 Zentimeter tief im Boden.

Verheerende Waldbrände in der sächsischen Schweiz - eine Grenzerfahrung für Helfer

Bei Temperaturen von um die 30 Grad ist das für die Retter nicht nur schweißtreibend, sondern eine Grenzerfahrung, der sie sich wie selbstverständlich trotzdem stellen. „Wir haben hier viele Kameraden, die seit zwei Wochen gegen die Flammen kämpfen. Die gehen schlicht auf dem Zahnfleisch“, sagt Loy. Genau diese Retter sind überall im Wald, unter anderem am Wegesrand verteilt.

Alleine der Wassertransport über knapp 30 Kilometer Schlauchleitung ist eine logistische Meisterleistung. Feldbetten neben den Feuerwehrpumpen machen deutlich, dass viele Kräfte, gezeichnet von den Strapazen und mit Ruß im Gesicht, wohl selten den Weg nach Hause gefunden haben.

Ihren Humor haben sie trotz aller Umstände aber nicht verloren – ein Einsatzfahrzeug, das sich im Gelände fast festfährt, sorgt für gemeinschaftliches Lachen. „Wir geben nicht auf, auch wenn das Wetter überhaupt nicht mitspielt“, sagt ein junger Feuerwehrmann aus dem Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge. Er fasst in Worte, was hier vor Ort zum Erfolg wird: ein grenzenloser Teamgeist.

Für etwas Pause: Einsatzkräfte haben sich eine Hängematte gebaut.
Für etwas Pause: Einsatzkräfte haben sich eine Hängematte gebaut. © Konstantin Mennecke

Unterstürzung aus der Luft: Bis zu 14 Hubschrauber unterstützen die Löscharbeiten in Sachsen

Dieses Gefühl des Zusammenhalts merkt man nicht nur bei den Einsatzkräften, die mit Löschrucksäcken, Strahlrohren, speziellen Hacken und mehr von morgens bis abends arbeiten. Man merkt es auch in der Bevölkerung. Immer wieder säumen Plakate mit „Danke an alle Helfer“ und „Ihr seid unsere Helden“ den Weg. Die Bevölkerung ist auch im Krisenmodus dankbar – und das, obwohl die zahlreichen Betriebe aus dem touristischen Bereich unter den aktuellen Einschränkungen zu leiden haben.

Im Wald selbst setzt sich dieser Zusammenhalt fort. Helfer aus allen Arten von Rettungsorganisationen sind vor Ort. Unterstützung gibt es auch aus der Luft: Bis zu 14 Hubschrauber sind im Einsatz, um die Lage zu überblicken und Wasser abzuwerfen. Wirklich helfen würde leichter, länger anhaltender Regen. Der ist aber weiter nicht in Sicht. Entmutigen tut das aber niemanden. Wie selbstverständlich machen die Rettungskräfte weiter und arbeiten auch mit wildfremden Menschen Hand in Hand. (Konstantin Mennecke)

Zahlen, Daten und Fakten zum Waldbrand in der Sächsischen und Böhmischen Schweiz

Der Waldbrand im Elbsandsteingebirge beschäftigt Einsatzkräfte in der Sächsischen Schweiz, dem einzigen Nationalpark des Landes Sachsen, sowie in der Böhmischen Schweiz in Tschechien. Alleine im tschechischen Teil waren zuletzt 1000 Kräfte der Feuerwehr im Einsatz, in Sachsen waren es rund 800.

Nach ersten Informationen sollen auf deutscher Seite rund 250 Hektar Wald von den Feuern betroffen sein. Noch dramatischer ist es bei den Nachbarn. Auf tschechischer Seite sollen mehr als 1000 Hektar Wald den Flammen zum Opfer gefallen sein. Im Einsatz sind in der Sächsischen Schweiz bis zu 14 Hubschrauber, die Waldflächen mit Wasser kühlen und befeuchten sowie eine Lageübersicht aus der Luft ermöglichen. Ergänzend sind in den Morgenstunden Drohnen im Einsatz.

Die Aufgaben der aus Niedersachsen entsandten Einsatzkräfte sind vielfältig. Sie wurden unter anderem zum Löschen von Bodenfeuern mittels Hacken und Strahlrohren, zum Wassertransport mittels der über 30 Kilometer Schlauchleitung und zur Sicherstellung des Brandschutzes in Bad Schandau eingeteilt. Die niedersächsischen Kräfte aus dem ersten Abmarsch wurden am Donnerstag teils abgelöst.

Die Dankbarkeit der Menschen aus der Region ist unterdessen ungebrochen groß. Selbst die Jüngsten sind aktiv und malen Bilder, unter anderem mit der Aufschrift „Unsere Helden“, Kinder packen Frühstückstüten mit Dankesbotschaften und statten damit Unterkünfte und Feuerwehrhäuser aus.

Auch im Raum Kassel kommt es durch die anhaltende Trockenheit zu Wald- und Flächenbränden – Ende Juli mussten die Feuerwehren zu einem Großeinsatz an der A44 bei Breuna eilen.

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