Verein für Gewässerschutz hat kontrolliert

Zu viel Nitrat in der Leine

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Die Leine zwischen Sudheim und Hillerse: Die deutlich zu hohe Nitratfracht, die der Fluss aus seinem Quellgebiet in Thüringen mitbringt, ist hier schon deutlich verdünnt, aber nach Ansicht von Gewässerschützern immer noch zu hoch.

Northeim. Eine zu hohe Belastung der Leine mit Nitrat kritisiert der Verein VSR-Gewässerschutz. Er fordert deshalb weitere Renaturierungsmaßnahmen in seinem Einzugsbereich.

„Eine Verringerung der Nährstoffeinträge in die Nordsee wird scheitern, wenn nicht bereits die Zuflüsse wie die Leine im Binnenland eine geringere Nitratbelastung aufweisen“, sagt die VSR-Vorsitzende Susanne Bareiß-Gülzow. „Insbesondere Ackerflächen mit einer hohen Düngeraufbringung führen zu einer Erhöhung der Nährstoffbelastung in der Leine. Die Messwerte belegen, dass Naturschutzflächen zu einer Verbesserung der Wasserqualität führen.“

Der Verein hat nach eigenen Angaben im März dieses Jahres Nitrat-Messungen vom Quellgebiet der Leine im Obereichsfeld bis zu ihrer Mündung bei Schwarmstedt in die Aller vorgenommen. Besonders die Situation im Oberlauf bereitet den Gewässerschützern Sorge. In Leinefelde liegt die Nitratbelastung laut VSR bei 68 Milligramm Nitrat pro Liter (mg/l).

Im Mittellauf ergaben die Messungen in Friedland 34 mg/l Nitrat, in Göttingen 28 mg/l und in Höckelheim 22 mg/l. „Diese Werte stellen immer noch eine viel zu hohe Belastung dar“ urteilt der VSR. Dabei verweist der Verein darauf, dass laut Oberflächengewässerverordnung zukünftig nur noch 12,3 mg/l Nitrat über die Weser in die Nordsee eingeleitet werden dürfe.

In Northeim kommt es laut VSR der Zufluss der Rhume mit einer Nitratkonzentration von neun mg/l zu einer erheblichen Verdünnung des belasteten Leinewassers. Die Rhume und ihre Zuflüsse führen im Vergleich zur Leine durch Gebiete, die weniger intensiv landwirtschaftlich genutzt werden und einen hohen Waldanteil besitzen.

Untersuchung: Harald Gülzow vom VSR im Labormobil des Vereins bei der Analyse einer Wasserprobe.

Im weiteren Verlauf bis Salzderhelden durchfließt die Leine das Naturschutzgebiet des Leinepolders. Hier stellten die Gewässerschützer mit 12,6 mg/l die geringste Nitratkonzentration fest. Bis Alfeld steigt die Nitratbelastung wieder auf 14,1 mg/l an. Bis Nordstemmen verringert sich – trotz des Zuflusses der mit 22 mg/l Nitrat belasteten Saale – die Nitratkonzentration in der Leine auf 13,1 mg/l.

Der Grund laut VSR: Dort liegt das Naturschutzgebiet Leineaue, wo ein hoher Anteil der Flussauen erhalten geblieben ist. Diese seien natürliche Flächenkläranlagen, die dem Wasser Nährstoffe entziehen.

Von Neustadt am Rübenberge bis zur Mündung in die Aller weist die Leine dann kontinuierlich 14,5 mg/l auf. Die Wiesenlandschaften an ihrem Unterlauf verhindern, dass es durch die landwirtschaftlich intensiv genutzten Flächen zu einer stärkeren Belastung kommt, urteilen die Gewässerschützer. Trotzdem sei die Nährstoffkonzentration an der Mündung immer noch zu hoch, betont der VSR.

Zuviel Stickstoff im Wasser ist Gift

Hier in Fragen und Antworten weitere Erläuterungen zu den Ursachen, der Bedeutung für die Umwelt und den Möglichkeiten, dagegen vorzugehen.

Wie ist der vom VSR genannte Grenzwert für Nitrat in Oberflächengewässern zu beurteilen? 

Laut niedersächsischem Umweltministerium gibt es keinen Grenzwert für die Einleitung von Nitrat über Flüsse in die Nordsee, sondern lediglich einen für die Gesamteinleitung von Stickstoff in die Nordsee. nämlich 2,8 Milligramm/Liter (mg/l). Der vom VSR genannte Nitratwert von 12,3 mg/l sei vermutlich daraus umgerechnet worden. Nitrat hat laut Ministerium den größten Anteil an den in Oberflächengewässern enthaltenen Stickstoffverbindungen.

Für Trinkwasser gilt ein Nitratgrenzwert von 50 mg/l. Wieso ist die Nitratbelastung bei Bächen und Flüssen schon bei weniger als einem Viertel problematisch? 

Der Grenzwert des Trinkwassers orientiert sich laut Ministerium an den gesundheitlichen Risiken. Er soll vor allem sicherstellen, dass insbesondere eine Gefährdung von Säuglingen ausgeschlossen ist. Nitrat kann im Körper zu Nitrit umgewandelt werden, das bei Säuglingen die lebensbedrohliche sogenannte Blausucht auslösen kann. Gewässerökologisch ist der Nitrat-Wert von 50 mg/l zu hoch. In Binnengewässern können zu hohe Stickstoff-Gehalte giftig für Organismen im Wasser sein. Gelangt dieses zu nährstoffreiche Wasser in die Nordsee, kann es laut Umweltministerium dort zu einer drastischen Veränderung der dort existierenden Lebensgemeinschaften von Pflanzen und Tieren führen.

Bezweifelt das Ministerium die vom VSR ermittelten Nitratwerte in der Leine? 

Nein. Der Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) kontrolliert im Rahmen des Gewässerüberwachungssystems Niedersachsen auch die Wasserqualität der Leine. Die dabei festgestellten Werte zwischen der Landesgrenze nach Thüringen und der Mündung liegen in einem ähnlichen Bereich, waren beispielsweise im Jahresdurchschnitt 2014 etwas höher als die Werte des VSR vom März 2017.

Wie kommt das Nitrat in Oberflächengewässer? 

Zum einen wird Stickstoff aus Gülle und Mineraldünger, die auf die Felder ausgebracht wurden, bei starkem Regen in Bäche und Flüsse gespült. Zum anderen, so betont der Leiter der Landwirtschaftskammer-Bezirksstelle Northeim, Dr. Karsten Möller, gelangt Nitrat auch mit dem geklärten Wasser aus Kläranlagen in die Flüsse.

Wie soll die Nitratbelastung in Bächen und Flüssen reduziert werden? 

Um einen effizienteren Einsatz von stickstoffhaltigen Düngemitteln zu erreichen, setzt das Umweltministerium in Hannover nach eigenen Worten bereits seit 2010 auf Gewässerschutzberatungen für Landwirte. Es erhofft sich außerdem eine positive Wirkung der in diesem Sommer in Kraft getretenen neue Düngemittelverordnung. Sie schreibt beispielsweise vor, dass je nach Ausbringungsmethode und Feldneigung zum Gewässer ein Streifen mit einer Breite von einem bis zu fünf Metern nicht gedüngt werden darf.

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