Verschwörungstheoretiker sind stolz auf ihre alten Reichsausweise

Pantoffeln und irre Ideen

Bitteschön: Volker Köhne mit seinem Ausweis. Foto:  Niesen

Uslar. Stolz zeigte der 73 Jahre alte Volker Köhne aus Celle seinen „Personenausweis“ der „Exilregierung 2. Deutsches Reich“ am Mittwochabend in einem Tagungszimmer des Uslarer Hotels Menzhausen herum. Er schob ein DIN A4 Blatt hinterher, auf dem der Ausweis noch einmal kopiert war und auf dem stand, dass die Oberlandesgerichte Stuttgart und Braunschweig ihn als „rechtskräftig“ und „gültig“ anerkannt hätten: „Damit können wir unsere tatsächliche Staatsangehörigkeit Deutsches Reich durch Ersatzausweis nachweisen“.

„Blödsinn!“, kommentierte gestern Ingo Groß, Richter und Pressesprecher am Oberlandesgericht Braunschweig, kurz und bündig.

Köhne, der mit Schlips, hellem Hemd und Sakko, aber nackten Füßen in Filzpantoffeln bekleidet geflissentlich darüber hinweg sah, dass sein „Reichsausweis“ bereits am 31.12. 2010 abgelaufen ist, war einer der zumeist älteren Gäste in einer rund 35 Köpfe zählenden Runde aus selbst ernannten Weltenrettern und Verschwörungstheoretikern aus Südniedersachsen, Hannover, Nordhessen und dem angrenzenden Nordrhein-Westfalen. Gastgeber war der nach eigenen Angaben eingetragene Verein „Zentralrat Deutscher Staatsbürger - Deutsches Zentrum für Menschenrechte“ mit dem Uslarer Statthalter Reiner Borchert an der Spitze.

Der reguläre bundesdeutsche Personalausweis ist für den Verein das Symbol einer Firma, die von den Alliierten nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges geschaffen und nach dem Zerfall der DDR zur „BRD GmbH“ zusammengewürfelt worden sei. Dass dem so sei, will Borchert mit einem Einspielfilmchen beweisen, in dem der Fraktionsvorsitzende der Grünen, Jürgen Trittin, die schwarz-gelbe Bundesregierung als Firma bezeichnet hat.

Für Borchert und seine Mitstreiter ist es ein Unding, dass der persönliche Name im Personalausweis mit Großbuchstaben geschrieben wird. „Damit wird aus einer natürlichen Person aus Fleisch und Blut eine Sache und deshalb kriegt man vor Gericht kein Recht mehr. Damit hat man uns alle zu Sklaven auf eigenen Wunsch gemacht.“

Für den Verein, der auf seinem Briefpapier als „Gerichtsstand: Internationaler Gerichtshof für Menschenrechte ICHR/ IZMR- Sektion Deutschland, Bielfeldtweg 26, D-21682 STADE“ angibt, gilt nach den Worten Borcherts, dass sich seine Mitglieder als Bürger des Deutschen Reichs von 1871 betrachten: „Es gibt bis heute keinen Friedensvertrag mit den Alliierten.“

Gegen Atomkraft

Der Verein engagiert sich auch gegen Atomkraft und hält eine Empfehlung bereit, um sich vor Radioaktivität zu schützen. Der „Mediale Heiler und Geistige Chirurg“, Nyrvano Wilhelm Diekmann, Betreiber der Lichtquell-Praxis für ganzheitliche Heilweisen in Uslar, rät dafür auf seinen ausgelegten Faltblättern zum Auflegen „göttlicher Blaupausen“. Er sei dafür „von der geistigen Welt authorisiert“ worden. Stückpreis pro Blaupause: 100 Euro.

Wie sagte doch der 73-jährige Volker Köhne in seinem Fazit. „Sie müssen alles mit einem bisschen Spaß machen.“ Bleibt zu fragen, ob Spaß das richtige Wort für groteske Ideen ist.

Von Hans-Peter Niesen

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