Patienten verunsichert und aggressiv

Impfberechtigungen sorgen in den Arztpraxen für viel Gesprächsstoff

Eine Impfberechtigungen, die das Sozialministerium von den Krankenkassen an viele Versicherte hat verschicken lassen.
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Die Impfberechtigungen, die das Sozialministerium von den Krankenkassen an viele Versicherte hat verschicken lassen, ist kein Garant für eine schnelle Impfung. Offenbar unberechtigt verschickte Schreiben werfen bei Patienten und Ärzten eine Reihe von Fragen auf.

Die verschickten Impfberechtigungen sorgen bei den Hausärzten im Landkreis Northeim für Verdruss.

Northeim – Zu viele Patienten, so ihre Beobachtungen, haben über ihre Krankenkasse das Schreiben des niedersächsischen Sozialministeriums erhalten, dass sie nun impfberechtigt seien, obwohl es aus medizinischer Sicht keinen Grund gibt, ihnen bevorzugt ein Vakzin gegen Corona zu spritzen.

Diese Briefe sorgten bei den einen für Verunsicherung, so Dr. Martin Schünemann (Nörten-Hardenberg). Diese Patienten sorgten sich, dass sie möglicherweise deutlich kränker seien als sie bisher selbst glaubten. Dass es ihnen so schlecht geht, dass sie nun bevorzugt gegen Covid-19 geimpft werden sollen, hätten sie nicht gedacht.

Bei anderen, so Rüdiger Englert, Hausarzt in Katlenburg, erzeuge das zweieinhalbseitige Schreiben die Erwartung, nun aber auch kurzfristig die erste Spritze mit Vakzin zu bekommen. Tatsächlich sei damit aber nur die Möglichkeit gegeben, sich um einen Impftermin bemühen zu können – vornehmlich im Impfzentrum, aber auch in einer impfberechtigten Arztpraxis. In dem Brief werde auf die zentrale Telefonnummer für die Reservierung eines Impftermins, 0 800/99 88 66 5, und das Onlineportal impfportal-niedersachsen.de hingewiesen.

Die Absage, dass ein solcher Wunsch auf eine schnelle Impfung wohl unerfüllt bleiben wird, habe auch schon zu heftigeren Diskussionen mit Patienten geführt, berichtet Englert. Schünemann berichtet von aggressiven Reaktionen von Patienten, denen er keine kurzfristige Impfung zusagen konnte. „Es ist schwer zu erklären, dass es trotzdem noch eine Priorisierung gibt“, sagt der Allgemeinmediziner.

Dass sich unter den Patienten, die jetzt eine Impfberechtigung erhalten haben, zahlreiche Personen befinden, die zwar chronisch krank sind, aber deswegen trotzdem kein erhöhtes Risiko auf einen schweren Coronaverlauf haben, habe Englert zur Vermutung gebracht, alle sogenannten multimorbiden Patienten hätten von ihren Krankenkassen das Schreiben des Sozialministeriums erhalten – darunter auch solche, deren Dauererkrankungen das Risiko bei Corona nicht erhöhen. Als multimorbide galten nach seinen Worten bei den Krankenkassen alle Patienten, die mindestens drei Dauererkrankungen haben.

Doch diese Theorie weist der Sprecher des Spitzenverbandes der Gesetzlichen Krankenkassen, Florian Lanz, auf Anfrage zurück. Die Sprecherin der AOK Niedersachsen, Ulrike Serbent, und die Sprecherin des Sozialministeriums in Hannover, Anne Hage, verweisen darauf, dass die Auswahl der Personen, die nun Impfberechtigungen erhalten haben, auf Basis ärztlicher Diagnosen erfolgt sei. Serbent betont, dass die Liste der Diagnosen, die eine Impfberechtigung begründen, aus 2800 Positionen besteht.

Sollte es „in Einzelfällen“ zu Benachrichtigungen von Personen gekommen sein, die keine entsprechenden Vorerkrankungen haben, sollten diese mit der Anmeldung zu einem Impftermin noch warten, bittet Ministeriumssprecherin Hage.

Den im Zusammenhang mit dem Hinweis auf die ärztlichen Diagnosen aufgekommenen unterschwelligen Verdacht, Ärzte könnten in der Vergangenheit bei den Kassen falsche Diagnose abgerechnet haben, um teurer abrechnen können, weist Mediziner Englert als haltlos zurück. So ließen sich die medizinisch nicht begründeten Impfberechtigungen nicht erklären.

Die ärztliche Vergütung erfolge nicht anhand von Einzeldiagnosen, sondern auf Basis von Fallpauschalen, betont er. Ob bei einem Patienten ein grippaler Infekt oder eine Krebserkrankung diagnostiziert werde, mache keinen Unterschied. (Olaf Weiss)

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