Joachim Reitner im Interview

Professor erklärt Einzigartigkeit der Tongrube Willershausen für die Wissenschaft

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Wahrzeichen von Willershausen: Prof. Dr. Joachim Reitner zeigt in der Geowissenschaftlichen Sammlung in Göttingen ein Stück Ton aus der Grube in Willershausen, in dem sich das drei Millionen Jahre alte Blatt einer „Comptonia“ genannten Farn-Myrthe erhalten hat. Heutige Vertreter dieser Pflanze finden sich nur noch in Nordamerika.

Göttingen. Die Tongrube von Willershausen ist in der Öffentlichkeit kaum, unter Geowissenschaftlern aber weltbekannt. Darüber sprachen wir mit Prof. Dr. Joachim Reitner, dem Leiter des Geowissenschaftlichen Museums und der Abteilung Geobiologie der Universität Göttingen.

Welche Bedeutung hat die Tongrube Willershausen für die Wissenschaft? 

Prof. Dr. Joachim Reitner: Fossilien sind oft nicht immer gut erhalten. Es ist schwierig, dann einen ursprünglichen Lebensraum zu rekonstruieren. Die Ausnahmen sind sogenannte „Fossillagerstätten“. Das sind Fenster in die Vergangenheit, durch die man einen ziemlich umfassenden Blick in die Vergangenheit erhält – in Artenvielfalt, Gesteinsbildungsprozess und Klima. Es ist natürlich gut, wenn man in den verschiedenen Erdzeitaltern solche Fossillagerstätten hat. Dann hat man für den kleinen zeitlichen Ausschnitt ein relativ realistisches Bild, wie es damals ausgesehen hat.

Wissenswert

50.000 Fossilien wurden bis heute in einer Tongrube bei Willershausen (Landkreis Northeim) gefunden. Es ist weltweit die einzige Fossil-Fundstätte, die gute Einblicke in die Zeit vor knapp drei Millionen Jahren gibt.

Das ist das Besondere an der Grube in Willershausen: Man kann hier in die Zeit vor knapp drei Millionen Jahren sehen. Das ist wichtig, weil das wohl die letzte gute Fossillagerstätte vor der Eiszeit ist.

Was sieht man denn in diesem Fenster ins Obere Pliozän? 

Reitner: Wir hatten in Willershausen ein subtropisches Klima. Es war eine recht komplexe Lebenswelt mit sehr vielen verschiedenen Organismen, darunter auch solchen, die wir heute noch kennen.

Wie sah es vor drei Millionen Jahren in Willershausen aus?

Reitner: Dort war ein See, der ungefähr so groß war wie die heutige Tongrube. Das Sediment besteht aus sehr feinkörnigen Schichten im Zentrum des Sees. Das zeigt, dass es dort kein Bodenleben gegeben hat – keine „Würmer“, die den Boden zerwühlt haben. Zählt man die Sedimentschichten, kommt man auf 300 bis 400 Jahre, in denen der Lebensraum bestanden hat.

Warum sind die Bedingungen in Willershausen so gut? 

Drei Millionen Jahre alt: In den dunklen Flecken auf solchen Maus-Fossilien aus Willershausen hat Prof. Dr. Joachim Reitner so genannte Melanosome, also Pigmentzellen der Haut, entdeckt.

Reitner: Ab einer bestimmten Tiefe wird es im See keinen Sauerstoff mehr gegeben haben. Das hat zur Folge, dass tote Organismen, die da hineinfallen und auf den Grund absinken, kaum vergammeln. Zum anderen wurde der See von unterirdischen Quellen gespeist. Das Grundwasser löste Salz und Mineralstoffe aus dem anstehenden Zechstein und das trat am Boden des Sees aus. Die Mineralien sorgten dafür, dass sich da bestimmte Bakterien angesiedelt haben, die das Mineral Dolomit produziert haben. Die Kombination aus sauerstoffarmen und salzreichem Wasser hat dafür gesorgt, dass sich die Fossilien so gut erhalten haben – und das ist eine einmalige Situation.

Dann ist die Grube für die gesamte Paläontologie wichtig?

Reitner: Ja. Die Fossiliensammler haben in der Zeit, als die Grube noch aktiv war, Unmengen von Fossilien gesammelt. Wir haben mehr als 10.000 Stück davon, hauptsächlich Pflanzenreste, Insekten, Fische. Es gibt auch Mäuse und Vogelreste sowie Riesensalamander, die man heute noch aus Japan kennt.

Sammlung und Führungen

Fossilfunde aus Willershausen liegen im Geowissenschaftlichen Museum der Universität Göttingen, Goldschmidtstraße 5. Öfnungszeiten: Mo-Fr, 9 bis 17 Uhr, und So, 10 bis 16 Uhr. Der Eintritt ist frei. Führungen am 1. Sonntag im Monat zwischen 10 und 16 Uhr sowie nach Vereinbarung unter Tel. 0551/39 79 98. www.geomuseum.uni-goettingen.de

Führungen durch die Tongrube: Heiko Jäckel, Heimatverein Willershausen, Tel. 0 55 53/49 63, E-Mail: vorstand@willershausen-harz.de. Kosten: 30 Euro (bis zehn Personen), jeder weitere Erwachsene drei Euro, Kinder zwei Euro.

www.willershausen-harz.de

Das Ganze wurde aber einfach gesammelt, oft ohne wissenschaftlichen Sinn und Verstand. Ich will die Alten nicht schlecht machen, die haben die Fossilien der Wissenschaft zur Verfügung gestellt. Aber sie haben die Funde oft nicht fachgerecht am Fundort dokumentiert. Das ist zugegeben auch schwer in einem aktiven Ton-Abbau, da muss man nehmen, was man kriegt.

Wie soll es mit der Erforschung weitergehen?

Reitner: Man muss erstmal alles Vorhandene dokumentieren. Derzeit versucht man in der Wissenschaft, die großen Sammlungen und Archive der Weltgemeinschaft zugänglich machen. Dazu gibt es große Digitalisierungsprojekte. Dafür müssen die Funde gut fotografiert und beschrieben werden.

Auch müsste man sich mit der Chemie der Sedimente beschäftigen, damit man überhaupt versteht, was da eigentlich abgelaufen ist. Das hat bis jetzt noch keiner gemacht. Das Hauptziel ist natürlich, ein vernünftiges Bild von der damaligen Zeit zu bekommen.

Fotos: Forschungen zur Tongrube Willershausen

Forschungen zur Tongrube Willershausen

Erwarten Sie noch Funde in Willershausen? 

Reitner: Gerade durch Zufall haben der Kollege Mike Reich und seine Mitarbeiter im März noch etwas Neues gefunden: Kleine Muschelkrebse, die man aus Willershausen noch überhaupt nicht kannte. Trotz intensiver Sammelei ist vieles übersehen worden, und zwar vor allem die kleinen Sachen, die nicht so ins Auge fallen.

Blick in die Zeit - Vom Lebensraum zum Touristenziel

vor über 3 Millionen Jahren: Über 500 Tier- und Pflanzenarten lebten an und in einem kleinen See nahe dem heutigen Willershausen. Ihre Überreste wurden im Tonsediment versteinert. Mit der Eiszeit änderte sich das Klima radikal.

16. Jahrhundert: Der Tonabbau zur Produktion von Backsteinen und Ziegeln beginnt.

1914: Hugo Wegele veröffentlich seine Doktorarbeit, das erste Buch über Fossilien aus Willershausen. Kurze Zeit später fällt er im Ersten Weltkrieg.

1920er Jahre: Erste Hochphase der Erforschung durch Geowissenschaftler Prof. Hermann Schmidt (Göttingen). Man entdeckt Teile eines Mastondons, eines elefantenartigen Tiers. Schmidts Schüler Adolf Straus bleibt 60 Jahre lang die Triebfeder der Tongruben-Forschung.

1977: Der Tonabbau wird beendet, das Gelände fällt an den Landkreis Northeim.

Seit 2007: Das Gelände, mittlerweile Naturdenkmal, wird für Besucher erschlossen.

2012: Die Tongrube wird Teil des Geoparks Harz-Braunschweigerland-Ostfalen.

März 2014: Ein Team um Geowissenschaftler Mike Reich (Göttingen) entdeckt zufällig erstmals kleine Muschelkrebse in Willershausen.

Von Friederike Steensen

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