KZ-Gedenkstätte Moringen will mit Museen in Friedland, Teistungen und Nordhausen kooperieren

Gedenkstätte im Torhaus: Im KZ Moringen wurden von 1933 bis 1945 zumeist Frauen und Jugendliche inhaftiert. Archivfoto: nik

Moringen. Unter dem Motto „Zeitgeschichte im Zentrum“ will die KZ-Gedenkstätte Moringen künftig mit dem Grenzdurchgangslager Friedland, dem Grenzlandmuseum Eichsfeld bei Teistungen und der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora bei Nordhausen kooperieren. Darüber haben wir mit Dr. Dietmar Sedlaczek , Leiter der Moringer Gedenkstätte gesprochen.

Als KZ-Gedenkstätte arbeiten Sie künftig mit einem DDR-Grenzmuseum zusammen. Das klingt erstmal überraschend.

Dr. Dietmar Sedlaczek: Wir arbeiten auch mit einer weiteren KZ-Gedenkstätte und dem Grenzdurchgangslager Friedland zusammen. Der Hintergrund ist, dass die Gegenwart stark von der Geschichte des Zweiten Weltkriegs geprägt ist. Dazu gibt es in der Region verschiedene museale Einrichtungen. Für die Besucher wollen wir zwischen ihnen eine Verbindung herstellen.

Wie ist die Kooperation entstanden und was ist geplant?

Sedlaczek: Die Idee gibt es schon länger. Im Herbst haben wir dann endgültig beschlossen, zusammenzuarbeiten. Als erstes Zeichen haben wir jetzt einen gemeinsamen Flyer zu Geschichte und Arbeit der vier Einrichtungen vorgestellt. Als nächstes wollen wir inhaltlich überlegen, wie wir gemeinsame Veranstaltungen und einen Austausch zu Fragen der Geschichtsvermittlung organisieren können. Konkrete Projekte gibt es noch nicht. Im Bereich Forschung gibt es mit einer der Einrichtungen aber schon einen Austausch.

Welchen Vorteil hat die Zusammenarbeit inhaltlich?

Dr. Dietmar Sedlaczek , Leiter der Moringer Gedenkstätte

Sedlaczek: Die Themen der einzelnen Einrichtungen sollen zusammen betrachtet werden. Es gibt viele gemeinsame Bezüge und eine inhaltliche Nähe. Zum Beispiel sind junge Sinti und Roma erst im Jugend-KZ-Moringen inhaftiert und dann nach Auschwitz deportiert worden. Von da gelangten einige ins KZ Mittelbau-Dora. Im Moringer Frauen-KZ waren viele Zeuginnen Jehovas, die später auch in der DDR verfolgt wurden. In Friedland geht es um die Flucht in ein sicheres Land. Darauf waren auch viele ehemalige KZ-Häftlinge angewiesen.

Aber besteht nicht die Gefahr, dass durch diesen Zugang Schicksale vermischt oder relativiert werden?

Sedlaczek: Das glaube ich nicht. Es soll deutlich werden, dass es um den historischen Kontext und einen Vergleich geht, nicht um ein Gleichsetzen. Durch die Geschichte ziehen sich rote Fäden der Verfolgung. Wir in Moringen wollen besonders auf die NS-Ideologie und ihre späteren Auswirkungen aufmerksam machen.

Was erhoffen Sie sich von dem Projekt – auch finanziell?

Sedlaczek: Wir wünschen uns in der Öffentlichkeit eine stärkere Wahrnehmung der Zeitgeschichte. Es gibt dazu vier tolle Einrichtungen in der Region, das soll unser Netzwerk deutlich machen. Wir wollen nicht nur die einzelnen Orte, sondern die Region als Region der Erinnerung in den Vordergrund stellen. Im Moment gibt es noch keine finanziellen Überlegungen. Aber alle werden davon profitieren, gemeinsam wahrgenommen zu werden.

Werden bald Besucher mit dem neuen Flyer von Moringen über Friedland nach Nordhausen und Teistungen pilgern?

Sedlaczek: Das gibt es wirklich! Wir bekommen bald Besuch von einer Gruppe Niederländer, die gezielt zu Gedenkstätten reisen. Vielleicht können wir durch die Kooperation spezielle Angebote für solche Gruppen schaffen. Aber unser Angebot richtet sich auch an Einzelbesucher oder Schulklassen.

Die Projektpartner kommen aus Niedersachsen und Thüringen. Erschwert das die Arbeit?

Sedlaczek: Es ist immer etwas schwierig, über Bundesländergrenzen hinweg zu arbeiten. Aber die Geschichte macht auch nicht vor Grenzen halt. Um die Geschichte dieser historischen Region vorzustellen, nehmen wir die Herausforderung gerne in Kauf.

Von Friederike Steensen

Zur Person

Dr. Dietmar Sedlaczek (53) leitet seit 1999 die KZ-Gedenkstätte in Moringen. Er hat zahlreiche wissenschaftliche Aufsätze und Bücher zu den Konzentrationslagern in Moringen veröffentlicht und ist Mitglied im Sprecherrat der Interessengemeinschaft niedersächsischer Gedenkstätten und Initiativen zur Erinnerung an die NS-Verbrechen. Der Kulturwissenschaftler ist verheiratet und lebt in Göttingen. (fst)

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