Streit ums Tierwohl

Versuchsgut: BUND kritisiert Neubaupläne der Universität Göttingen in Relliehausen

Dirk Augustin, Leiter der Versuchswirtschaften der Uni Göttingen, steht auf dem Gelände des Versuchsguts in Relliehausen.
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Dort soll das Schweinekompetenzzentrum entstehen: Dirk Augustin, Leiter der Versuchswirtschaften der Uni Göttingen, steht auf dem Gelände des Versuchsguts in Relliehausen.

Als in der Konzeption veraltet und nicht dem Tierwohl entsprechend hat der Kreisverband des Bundes für Umwelt- und Naturschutz (BUND) das von der Universität Göttingen in Relliehausen im Solling geplante Kompetenzzentrum für Tierwohl kritisiert.

 Relliehausen / Göttingen – Die Kritik des BUND und die Stellungnahme des Leiters der Versuchswirtschaften der Universität, Dr. Dirk Augustin, geben wir in Fragen und Antworten wieder.

Worum geht es bei dem Streit um die Haltungsform im Versuchsgut Relliehausen?

Vorwurf: Der BUND kritisiert, dass eine zweiteilige Anlage gebaut werden soll. Den Bereich mit Betonspaltenböden lehnt er ab. „Anscheinend hat es sich bis in die Göttinger Wissenschaftsetagen noch nicht herumgesprochen, dass eine Tierhaltung auf blanken Betonspalten über den stinkenden Extrementen in keiner Weise artgerecht ist und damit auch keinem Tierwohl dienen kann“, heißt es in einem offenen Brief, der unter anderem an den Dekan des landwirtschaftlichen Fachbereichs und Versuchsgutleiter Augustin gerichtet ist.

Erwiderung: Die Schweinhaltung in geschlossenen Ställen ist aus Sicht der Universität keineswegs überholt. Im Bereich der geschlossenen Haltungssysteme, so Versuchsgutleiter Augustin, der nach seinen Worten zurzeit mindestens 95 Prozent der Schweinehaltung ausmacht und weltweit nach wie vor steigt, gebe es gerade in jüngster Zeit eine Vielzahl von neuen Konzepten, denen sich die international ausgerichtete Universität nicht verstellen sollte.

Warum lehnt der BUND auch den Bau eines Stalls mit Außenbereich ab?

Vorwurf: Nach seiner Ansicht haben Landwirte, die ihre Schweine in unterschiedlichen Stallformen halten, schon lange bewiesen, dass das die angemessene Haltungsform ist. Das geplante Kompetenzzentrum im Solling hinke somit Jahre hinterher. Sein Bau hätte vor 25 oder 30 Jahren richtungsweisend sein können. Nun, so urteilt der BUND, wirke es wie hilfloser Aktionismus mit wissenschaftlichem Anstrich.

Erwiderung: Der Bau von Schweineställen mit Außenhaltung sei häufig nicht möglich, halten die Agrarwissenschaftler dagegen. Aus Immissionsschutzgründen seien solche Ställe an den meisten bisherigen Standorten baurechtlich nicht realisierbar, betont Augustin. „Auch das Versuchsgut Relliehausen wird am Ort des alten Stalls keinen entsprechenden neuen Stall genehmigt bekommen.“

Es werde in Zukunft darauf ankommen, aus beiden Bereichen – Stallhaltung und Außenhaltung – im Austausch Erkenntnisse zur Erreichung der Ziele Tierschutz, Klimaschutz und Nachhaltigkeit zu gewinnen und in die Praxis zu tragen. Dafür eigne sich ein Schweinekompetenzzentrum in einer vieharmen Region wie Südniedersachsen in Verbindung mit der breiten fachlichen Aufstellung der Fakultät für Agrarwissenschaften ganz besonders, betont Augustin.

Wieso ist der Neubau aus Sicht des BUND sonst noch überflüssig?

Vorwurf: Der BUND nimmt Bezug darauf, dass die Uni unter anderem plant, in Relliehausen die Ursache für das Schwanzbeißen zu untersuchen. Dazu bedürfe es keines neuen Stalles, meint er. „Inzwischen ist weit über Fachkreise bekannt, dass eine wesentliche Ursache in der Unterbindung eines arttypischen Verhaltens liegt: Schweine brauchen Material zum Schnüffeln, Wühlen, Spielen und Raum für Bewegung“, heißt es in dem offenen Brief. „Zu wenig Platz in Betonbuchten mit Spalten ohne Einstreu führen nicht nur aus Langeweile dann zum Biss in den Schwanz der Artgenossen.“ Im Übrigen sei die Uni Göttingen an einem Projekt des Landwirtschaftlichen Bildungszentrums Echem (Landkreis Lüneburg) beteiligt, wo bereits genau zu diesem Thema geforscht werde.

Weite Teile der Stallanlagen waren im August vergangenen Jahres niedergebrannt. An ihre Stelle soll nun der Neubau entstehen.

Erwiderung: Trotz vielfältiger Forschungsergebnisse ist aus Sicht von Versuchsgutleiter Augustin das Ziel des gesetzlich verankerten Kupierverzichts bei Schweinen noch in der Umsetzungsphase und müsse weiterhin wissenschaftlich begleitet werden.   Auch sei das landwirtschaftliche Bildungszentrum Echem vordergründig keine wissenschaftliche Forschungseinrichtung. Dort stehe die überbetriebliche Aus- und Weiterbildung für Tierhaltung im Vordergrund.

Ist der Vorwurf der Geldverschwendung gerechtfertigt?

Vorwurf: Angesichts seiner Kritikpunkte hält die Natur- schutz- und Umweltschutzorganisation den Neubau in Relliehausen für überflüssig und damit für Geldverschwendung.

Erwiderung: „Die Versuchswirtschaften der Universität Göttingen tragen sich durch ihre landwirtschaftliche Tätigkeit, sodass von Geldverschwendung keine Rede sein kann“, betont Augustin. (Olaf Weiss)

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