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„Studium ist nicht der einzige Weg“

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Von: Josefin Schröder

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Für ihn ist das Handwerk mehr als nur ein Job: Zimmerer Max Pülm bei der Arbeit.
Für ihn ist das Handwerk mehr als nur ein Job: Zimmerer Max Pülm bei der Arbeit. © Josefin Schröder

Bei jedem Wetter auf der Baustelle stehen, dreckig werden und mit den Händen arbeiten – für viele junge Menschen unvorstellbar. Immer weniger Schulabgänger entscheiden sich aktuell für eine Ausbildung.

Northeim – den Handwerksbetrieben fehlt der Nachwuchs, und es scheint, als ob ein Studium für die meisten das Nonplusultra ist. Wir haben mit der Meisterschülerin Charlotte Keil und Zimmerer Max Pülm von der Firma Mönnig Bau in Elvershausen über ihre Begeisterung für das Handwerk gesprochen.

Frau Keil, Herr Pülm warum haben Sie sich für das Zimmerer-Handwerk entschieden?

Keil: Nach meinem Abitur 2017 habe ich ein Praktikum in einem Bauplanungsbüro gemacht. Der Chef war viel auf Baustellen, was ich cool fand. Damals dachte ich, dass ich unbedingt studieren müsste, und konnte mir die Studiengänge Architektur oder Bauingenieurwesen vorstellen. Das für den Studienplatz erforderliche Praktikum habe ich bei der Firma Mönnig Bau gemacht. Zehn Wochen habe ich dabei die Arbeit der Maurer, Zimmerer, Dachdecker und Tischler kennengelernt.

Am Ende wurde mir dann ein Ausbildungsplatz angeboten. Ich habe mich für die Zimmerei entschieden, weil mir die Arbeit mit Holz am meisten Spaß macht. Und ich würde mich immer wieder dafür entscheiden.

Pülm: Mein Vater und mein Opa sind Handwerker, weshalb ich schon immer viel auf Baustellen war und viel mit den Händen gemacht habe. Nach meinem Abi habe ich ein Semester Lehramt in Göttingen studiert und schnell gemerkt, dass es nicht das Richtige ist. Dann habe ich das gemacht, worauf ich schon immer Lust hatte, und bin Zimmerer geworden.

Durch ein Praktikum entdeckte sie ihre Liebe zu Holz und zum Handwerk: Zimmerin und zukünftige Meisterin Charlotte Keil.
Durch ein Praktikum entdeckte sie ihre Liebe zu Holz und zum Handwerk: Zimmerin und zukünftige Meisterin Charlotte Keil. © Josefin Schröder

Fiel Ihnen die Entscheidung für eine Ausbildung und gegen ein Studium schwer?

Keil: Dadurch, dass ich meine ganze Schullaufbahn gedacht habe, ich gehe studieren, habe ich tatsächlich damit gehadert.   Meine Eltern haben mich dann unterstützt und mir gesagt, dass ich auch später noch studieren kann, wenn ich das möchte.

Pülm: Obwohl ich hinter meiner Entscheidung stand, habe ich auch erlebt, wie eine ehemalige Lehrerin zu mir sagte: „Dafür hättest du kein Abi machen müssen.“ Ich finde, den Jugendlichen müsste schon in der Schule gezeigt werden, dass ein Studium nicht der einzig richtige Weg ist.

Was macht Ihnen am Handwerk am meisten Freude?

Pülm: Die Teamarbeit. Wenn du eine gute Truppe hast, macht das Arbeiten großen Spaß und du kannst viel von den Kollegen lernen. Mir gefällt, dass man den ganzen Prozess erlebt – vom Dachstuhl bis zum Innenausbau eines Hauses.   Manchmal unterstützt man bei anderen Gewerken, wobei man auch viel lernt. Wenn du mit einem Stück Eiche arbeitest, das 400 Jahre alt ist, bekommst du außerdem ein anderes Verständnis für Ressourcen – das ist schön.

Keil: Für mich ist die Vielseitigkeit der Zimmerei entscheidend. Kein Tag gleicht dem anderen. Mal ist man auf zwei Wochen auf Montage in ganz Deutschland unterwegs, mal arbeitet man an einem Tag auf drei verschiedenen Baustellen mit immer wechselnden Kollegen. In der Meisterschule belege ich nicht nur Fächer wie Statik, sondern ich lerne auch das Zeichnen am Computer oder Holzbaukonstruktionen zu erstellen. Später kann ich dann zum Beispiel zu 50 Prozent im Büro und die andere Hälfte der Zeit auf der Baustelle arbeiten.

Wie läuft ein typischer Tag ab?

Pülm: Los geht es morgens um 6 Uhr in der Firma, dann wird aufgeladen. Das heißt, wir laden das Material ein, das für den Tag gebraucht wird. Nach 9,5 Stunden auf der Baustelle ist gegen 17 oder 18 Uhr Feierabend. Der Arbeitstag ist lang und anstrengend, das muss man wissen. Aber es macht einfach Bock. Es ist kein Job, bei dem nach acht Stunden der Stift fallen gelassen wird. Die Arbeit ist Leidenschaft und lässt mich mit anderen Augen durch die Welt gehen.

Frau Keil wie geht es Ihnen als Frau im Handwerk?

Keil: In der Ausbildung war ich die einzige Frau in meiner Klasse. In der Meisterschule sind wir drei Frauen. Überall wurde ich offen aufgenommen. Ich kann allen Frauen sagen, dass man während der Ausbildung stärker wird. Sie sollen sich von der körperlichen Arbeit nicht abschrecken lassen. Um Frauen im Handwerk zu fördern, hilft es natürlich, wenn Frauen in Gewerken sichtbarer werden. Aber grundsätzlich braucht das Handwerk einen Imagewechsel.

Pülm: Ich finde, das Image wird langsam besser, aber es braucht einfach mehr Nachwuchs – egal welchen Geschlechts.

Was muss sich verbessern, um den Nachwuchs im Handwerk zu fördern?

Pülm: Ausbildungsberufe müssen präsenter in der Schule sein. Es muss überall ankommen, dass es im Handwerk vielseitige und interessante Tätigkeiten gibt. Es ist keinesfalls stumpf, schließlich bauen wir ganze Häuser.

Keil: Außerdem müssen die Weiterbildungsmöglichkeiten bekannter werden. Viele wissen nicht, dass man anschließend seinen Meister oder Techniker machen oder auch Restaurator werden kann. Mittlerweile ist vielen klar, dass es nicht ohne Handwerker geht, aber Handwerksberufe werden trotzdem nicht gleichwertig angesehen. Die Leute, die sagen „Es ist nur eine Ausbildung“ oder „Es ist nur ein Handwerk“ haben nichts verstanden. Betriebe müssen alles dafür tun, dass sie die Angestellten binden und zusätzlich für Azubis attraktiver werden. Viele Kräfte wandern in die Industrie ab, weil sie dort mehr Geld und andere Arbeitszeiten erwarten.

Welche Voraussetzungen sollten junge Menschen mitbringen, die sich für einen Handwerksberuf interessieren?

Pülm: Interesse, Willen und Durchhaltevermögen. Sie dürfen sich nicht davon abschrecken lassen, dass es anstrengend ist.

Keil: Sie sollten eine hohe Motivation mitbringen und vor allem nicht blauäugig an die Sache rangehen. Am besten macht man vorab ein Praktikum, was mindestens vier Wochen geht. Ich bin der Meinung, dass man handwerkliches Geschick lernen kann, aber teamfähig sollte man schon sein.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft des Handwerks?

Keil: Ich wünsche mir, dass mehr junge Leute den Schritt gehen und es ausprobieren. Viele wissen vielleicht gar nicht, dass ein Handwerksberuf etwas für sie wäre.

Pülm: Also angucken, ausprobieren und einfach machen. (Josefin Schröder)

Zu den Personen

Charlotte Keil (23) kommt aus Kalefeld und hat ihre Ausbildung zur Zimmerin von 2018 bis 2020 bei dem Bauunterunternehmen Mönnig Bau in Elvershausen gemacht. Zurzeit besucht sie die Meisterschule in Kassel.

Max Pülm (24) hat in Osterode Abitur gemacht. Seit seiner Zimmerer Ausbildung bei Mönnig Bau arbeitet er dort als Geselle. Nebenbei hat er auch ein kleines Sägewerk, in dem er Auftragsarbeiten ausführt. jos

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