Hund, Katze und Co.

Tiermediziner schlagen Alarm: Geplantes Antibiotika-Verbot kann für Tiere den Tod bedeuten

Manchmal kann eine Spritze mit Antibiotika für ein Tier lebensrettend sein, doch vielleicht dürfen Veterinäre bald diese Medikamente nicht mehr einsetzen. (Symbolfoto)
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Manchmal kann eine Spritze mit Antibiotika für ein Tier lebensrettend sein, doch vielleicht dürfen Veterinäre bald diese Medikamente nicht mehr einsetzen. (Symbolfoto)

Die EU prüft derzeit ein weitreichendes Antibiotika-Verbot für die Behandlung von Tieren. Laut der Tierärzteschaft Northeim wäre das eine Katastrophe.

Northeim – „Für die Gesundheit der Tiere wäre es eine Katastrophe, weil wir die Tiere nicht optimal oder gar nicht medizinisch versorgen können“, bringt Alexandra Diekgerdes, Kreisstellenvorsitzende der Tierärzteschaft Northeim, die Bedenken der Tierärzte wegen des neuen auf EU-Ebene geplanten weitreichenden Antibiotika-Verbotes auf den Punkt.

Denn sollte das Gesetz Mitte September verabschiedet werden, gäbe es für zahlreiche Erkrankungen bei Tieren keine Behandlungsmöglichkeit mehr und es bliebe nur noch die Möglichkeit, das Tier von seinem Leid zu erlösen.

Hund, Katze und Pferd: Viele Tiere wären von dem Antibiotika-Verbot betroffen

Betroffen seien davon Hunde, Katzen ebenso Pferde und Nutztiere mit schweren bakteriellen Erkrankungen, bei denen die nach der Verabschiedung des Gesetzes noch erlaubten Medikamente nicht wirken würden. Somit wären die Tiere dem Tod geweiht. Besonders betroffen seien auch Kaninchen, Meerschweinchen, Reptilien, Frettchen und Exoten, für deren Behandlung einer bakteriellen Infektion dann gar kein funktionierendes Antibiotikum mehr zur Verfügung stünde. Denn diese Tiere vertragen die dann nur noch erlaubten Antibiotika nicht, erklärt Diekgerdes. Sie und ihre Kollegen hätten Angst davor, in Zukunft vielleicht den Tierhaltern sagen zu müssen: „Tut mir leid, ich könnte ihr Tier behandeln, aber ich darf es nicht, weil der Einsatz des Medikamentes verboten ist.“

Alexandra Diekgerdes

Damit würde man auch gegen den im Grundgesetz verankerten Tierschutz verstoßen, gibt sie zu bedenken. Darin sei geregelt, dass man den Tieren helfen und ihnen Leid und Schmerz nehmen müsse. Doch wie können die Tierärzte das tun, wenn ihnen die Medikamente genommen werden, fragt sie sich. Betroffen seien von der Neuregelung, falls sie verabschiedet würde, nicht nur Haustiere, sondern auch Nutztiere.

Der Bundesverband Praktizierender Tierärzte fordert Tierhalter auf, sich an einer Online-Petition gegen den Gesetzesentwurf auszusprechen. Aktuell sind 219.500 Unterschriften eingegangen, doch 500.000 bis zum 8. September sind das Ziel, so Diekgerdes.

Tierärzte machen sich Sorgen: Antibiotika wichtig bei der Behandlung

Schon jetzt würden die Tierärzte gezielt Antibiotika einsetzen, so Alexandra Diekgerdes. Die jetzt zur Diskussion stehenden sogenannten Reserveantibiotika kämen in der Regel erst nach einem Resistenztest, das heißt, wenn andere Antibiotika nicht mehr helfen, zum Einsatz. Als Beispiel nennt sie eine chronische Blasenentzündung beim Hund nach einer Blasensteinentfernung, hier müsse das Tier rund vier Wochen mit Antibiotika nach einem Resistenztest behandelt werden. Es gebe einfach Fälle, bei denen der Einsatz dieser Medikamente zwingend erforderlich sei, um das Leben des Tieres zu retten.

EU will Gefahr von Resistenzen reduzieren

Die neue EU-Tierarzneimittelverordnung wurde 2019 verabschiedet, unter anderem mit dem Ziel, die Bildung von Antibiotika-Resistenzen beim Menschen zu verhindern. Nun muss festgelegt werden, welche Antibiotika künftig nur den Menschen vorbehalten werden sollen. Ein von Experten erarbeiteter Entwurf liegt vor, doch dieser geht einigen Abgeordneten nicht weit genug. Sie fordern nun ein weitreichendes Anwendungsverbot von Reserveantibiotika für Tiere. (rom)

Sorgen macht ihr und den Kollegen auch die künftige Behandlung von Zoonosen. Das sind Infektionskrankheiten, die zwischen Tier und Mensch übertragen werden können. Dazu gehören zum Beispiel Salmonellen, Multiresistente Keime und E-Coli-Keime. Wenn diese nicht entsprechend beim Tier behandelt würden, könnten sie die Menschen gefährden, betont Diekgerdes. Ihr Mann, Großtierarzt Josef Diekgerdes, sorgt sich um die medizinische Versorgung von Nutztieren.

Bei denen sei der Einsatz von Antibiotika sowieso schon sehr eingeschränkt und nur nach Resistenztest erlaubt, sagt er. Doch im Notfall, zum Beispiel bei einer schlimmen Euterentzündung, sei die Verabreichung lebensrettend. „Wir gehen schon sehr verantwortungsvoll mit dem Einsatz um und orientieren uns immer am Tier und nicht am Landwirt, falls es auch um die Produktivität der Tiere geht“. Der Tierschutz sei ein hohes Gut, dass nun infrage gestellt werde.

Kritik an Petition: Antibiotika-Verbot soll Einsatz in Massentierhaltung einschränken

Martin Häusling (Bad Zwesten), agrarpolitischer Sprecher der Grünen/EFA im Europäischen Parlament und Mitglied im Umweltausschuss erklärt dazu in einer Mitteilung an die HNA, dass die vom Bundesverband praktizierender Tierärzte gestartete Unterschriftenkampagne vollständig an dem vorbeigehe, was im Umwelt- und im Gesundheitsausschuss des Europäischen Parlamentes beschlossen worden sei.

Tatsächlich wollten laut Häusling die Ausschussmehrheiten den Einsatz von Reserveantibiotika in der Tiermast begrenzen, also in Ställen der Massentierhaltung. Es gehe nicht um Tiere in Einzelhaltung. Hier wolle man den zukünftigen Einsatz von Reserveantibiotika auf die Einzelbehandlung von akut kranken Tieren beschränken und in der Massentierhaltung die vorsorgliche Gabe an gesunde Tiere verhindern.

Fehlende Wirksamkeit von Antibiotika für Menschen ein Problem

Jährlich sterben nach Angaben von Häusling 33.000 Menschen in Europa an fehlender Wirksamkeit von Antibiotika. Um der weiteren Verschärfung dieser medizinischen Entwicklung vorzubeugen, sollten Reserveantibiotika dem Menschen vorbehalten bleiben, begründet er. Der Auftrag des Parlamentes an die Europäische Kommission laute daher, den seit Jahren auf viel zu hohem Niveau verabreichten Mengen an Reserveantibiotika wirksame Grenzen zu setzen.

Gerade in der Geflügelmast, bei der zehntausende Tiere in einem Stall mit Antibiotika vorsorglich behandelt würden, sei die Antibiotikagabe in den letzten Jahren auf hohem Niveau verblieben. Trotz diverser Versuche der Begrenzung würden weiterhin auch Reserveantibiotika über Tränken großzügig an alle Tiere verabreicht, auch wenn nur einzelne Tiere erkrankt seien. Diese Entwicklung drohe die Wirksamkeit von Reserveantibiotika in den nächsten Jahren gefährlich zu senken, so Häusling. (Rosemarie Gerhardy)

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Auch im Kreis Kassel klagen Tiermediziner: Die Praxen seien überlaufen, mögliche Nachfolger gebe es kaum. Das gleiche Problem haben ebenfalls die Tierärzte im Kreis Hersfeld-Rotenburg.

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