"Es ist wie eine Zeitreise" 

Faszination "Lost Place": Laura K. sucht verlassene Gebäude in Südniedersachsen

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Noch alles da: In manchen verlassenen Gebäuden, die Laura K. aus Südniedersachsen besucht, ist die Inneneinrichtung noch vorhanden und in einem guten Zustand. Aus Angst vor Vandalismus nennen Mitglieder der Szene aber nicht die Adressen der Orte. 

Solling. Laura K. aus Südniedersachsen sucht verlassene Gebäude auf - und erzählt von ihrem Hobby, den Gefahren und von gefundenen Katzenbabys. 

Wer im Wald spazieren geht oder durch abgelegenes Gelände läuft, stößt manchmal auf alte, verlassene Gebäude – so genannte Lost Places. Auch in der Region gibt es einige verwaiste Häuser. Laura K. aus Südniedersachsen, die anonym bleiben möchte, hat das Fotografieren solcher Gebäude zu ihrem Hobby gemacht und erzählt von Erlebnissen ihrer Besichtigungen.

Laura K., was fasziniert Sie so an verlassenen Häusern?

Laura K.: Die Geschichte hinter den Orten. An einigen Plätzen fühlt es sich an wie eine Zeitreise. Es gibt etwa im Solling eine alte Gaststätte, die schon vor Jahren dichtgemacht hat. Aber das Interieur ist noch dort, teilweise gut erhalten. Das ist extrem spannend. Und man erlebt natürlich auch einige Geschichten.

Was haben Sie auf ihren Touren denn schon alles erlebt?

Laura K.: Als ich in einer alten Lungenheilanstalt im Harz war, ging ich in den Keller. Und dort habe ich einen Obdachlosen getroffen. Seitdem habe ich immer etwas zu Essen dabei und manchmal auch eine Decke. In einem anderen Gebäude hatte jemand in einem geschlossenen und zum Glück nicht funktionierenden Backofen ein Katzenbaby ausgesetzt. Das habe ich mit nach Hause genommen und aufgezogen.

Gibt es im Solling und in Südniedersachsen viele solcher Orte?

Laura K.: Ja. Neulinge in der Szene bekommen immer wieder zu hören: „Haltet die Augen offen.“ Zu Beginn nervt das, weil es einem ständig erzählt wird. Aber es stimmt. Wer sich in der Region aufhält und abseits der normalen Wege läuft, wird fündig.

Wie kommt es, dass hier so viele Häuser leerstehen?

Laura K.: Ich glaube, dass das viel damit zu tun hat, dass die jungen Leute in die Städte ziehen und sich um die alten Betriebe der Eltern nicht mehr kümmern. Und Geld ist dabei oft auch ein wichtiger Faktor.

Laura K. auf Tour: Die 26-Jährige besucht alte Gebäude in der Region, will dabei aber unerkannt bleiben. 

Wie lange sind Sie schon in der Szene?

Laura K: Gebürtig komme ich aus dem Osten, da stehen noch mehr Häuser leer als in Niedersachsen – nach der Wende sind viele in den Westen gezogen und haben ihre Höfe und Betriebe sich selbst überlassen. Als Kind habe ich oft in alten Komplexen gespielt. Vor etwa vier Jahren schrieb mich ein Urbexer auf Facebook an, so kam ich in die Szene.

Urbexer?

Laura K.: So nennen wir uns. Das kommt von „Urban exploring“, also die Erde erkunden. In Südniedersachsen sind wir etwa 150 Leute, aber viele bleiben auch innerhalb der Szene anonym und geben sich nicht zu erkennen.

Wieso nicht?

Laura K.: Nun ja: Jeder, der die Grundstücke verlassener Gebäude betritt, muss wissen, dass das Hausfriedensbruch ist. Auch, wenn niemand zu sehen ist und das Haus vermeintlich keinem gehört, ist es nicht erlaubt, einfach so auf das Grundstück zu gehen.

Was passiert, wenn Sie erwischt werden?

Laura K.: Das hängt davon ab, wie der Besitzer und die Polizisten reagieren. Wenn man ihnen die Fotos zeigt und erklärt, was man macht, verlaufen manche Anzeigen im Sande. Aber darauf darf man nicht hoffen. Frauen werden übrigens auch manchmal anders behandelt und kommen glimpflicher davon. Aber generell gilt in der Szene sowieso der Grundsatz: „Leave nothing just footprints. Take nothing just photos“. Also nichts zerstören, nichts mitnehmen. Wir schießen nur Bilder und hinterlassen Fußspuren.

Und was sagen Freund und Familie zu dem Hobby?

Laura K.: Mein Freund findet es sehr spannend und kommt manchmal mit. Und die Eltern sind nun mal so, wie Eltern so sind (lacht). Sie finden das nicht genial, können aber damit leben.

Darum werden die Orte bei Lost-Places-Akteuren nicht verraten

In der Szene wird die exakte Lage eines verlassenen Gebäudes im Normalfall nicht verraten. „Wenn eine Adresse publik wird, ist die Gefahr groß, dass Leute den Ort nur besuchen, um so viele Gegenstände wie möglich zu klauen“, meint Laura K. Es sei schon vorgekommen, dass Leute mit einem Laster vorgefahren sind und diesen vollgepackt hätten.

Grundsätzlich sollten die Orte immer zu zweit oder mit mehreren Personen aufgesucht werden. „Sollte etwas passieren, kann der andere Hilfe holen.“ Wenn Orte gefährlich oder instabil wirken, sollte man das Gelände nicht betreten, rät sie. „Bevor man loszieht, muss man sich gut informieren.“

Mit dabei sollte auch immer etwas Wasser, etwas zu Essen, eine Taschenlampe mit Ersatzbatterien sein sowie feste Kleidung und gute Schuhe.

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