Polizistinnen aus dem Landkreis Northeim üben ihren Beruf mit Leidenschaft aus

Vor 40 Jahren wurden in Niedersachsen die Weichen für Frauen in der Schutzpolizei gestellt

Vier Frauen, die ihre Arbeit im Polizeidienst als ihre Berufung sehen: Polizeioberkommissarin Cornelia Klausch, (von links), Polizeikommissarin Sabrina Torke, Kriminalhauptkommissarin Susanne Becker und Polizeioberkommissarin Simone Köhler.
+
Vier Frauen, die ihre Arbeit im Polizeidienst als ihre Berufung sehen: Polizeioberkommissarin Cornelia Klausch, (von links), Polizeikommissarin Sabrina Torke, Kriminalhauptkommissarin Susanne Becker und Polizeioberkommissarin Simone Köhler.

In der Polizeiinspektion Northeim liegt die Frauenquote aktuell bei 24,1 Prozent. Selbstverständlich arbeiten heute Männer und Frauen hier gleichberechtigt und in allen Abteilungen zusammen. Doch das war nicht immer so.

Landkreis Northeim - In den 1960er und 1970er Jahren gab es zwar Frauen im Kriminaldienst, aber nicht bei der Schutzpolizei.

Dafür wurden erst 1980 die Weichen gestellt. Der damalige Niedersächsische Innenminister Dr. Egbert Möcklinghoff kündigte damals an, dass im Jahr darauf im Rahmen eines Modellversuchs Frauen in den Vollzugsdienst der niedersächsischen Polizei eingestellt werden sollten. Vorangegangen war eine zehnjährige Diskussion, ob Frauen bei der Schutzpolizei eingesetzt werden könnten.

Möcklinghoff begründete damals, laut einer Pressemitteilung des Niedersächsischen Innenministeriums, das Umdenken unter anderem damit, dass mögliche Nachwuchsprobleme bei der Polizei besser bewältigt werden könnten. Zudem gab er an, dass Frauen in anderen Ländern bereits bewiesen hätten, dass die „Integration von Frauen in den schutzpolitischen Vollzugsdienst auf keinerlei offenkundige rechtliche, polizeitaktische oder medizinisch Bedenken stoßen.“ Vielmehr lobte er, dass Frauen Stress mindestens genauso, wenn nicht sogar besser als Männer aushalten könnten und sie dank ihrer Besonnenheit und ihres Einfühlungsvermögens aggressive Situationen eher entschärfen könnten.

Zu den ersten 50 Frauen, die am 1. April 1981 ihre Ausbildung bei der Polizei aufnahmen, gehört Cornelia Klausch. Sie ist heute Leiterin des Polizeikommissariats in Uslar. Sie bewarb sich damals auf Drängen ihrer Mutter bei der Polizei. „Sie hat mich besser gekannt, als ich mich selbst“, sagt Klausch heute im Rückblick, denn sie selbst sei wohl nicht auf die Idee gekommen, hätte aber bis heute nie die Entscheidung bereut.

Ihre Laufbahn startete mit der Ausbildung für den mittleren Dienst an der Landespolizeischule Niedersachsen in Hann. Münden. Sie gehörte somit zu den ersten Frauen in Niedersachsen, die hier ihre Ausbildung zur Schutzpolizistin absolvierten.

Es sei schon gewöhnungsbedürftig gewesen, denn in der Polizeischule sei es zugegangen wie in einer Kaserne, mit Zimmerkontrolle und Fahrt zu der Familie nur am Wochenende. Am Anfang sei es hart gewesen, aber es hätte sich auch eine gute Gemeinschaft gebildet.

Doch Klausch biss sich durch, wurde im Anschluss selbst die erste Ausbilderin von Schutzpolizeibeamten. „Wir wollten immer alles machen wie die Männer“, betont sie im Rückblick. Wenn Zweifel aufgekommen seien, ob Frauen zum Beispiel beim Nachtmarsch mitgehen könnten, habe man sehr darauf bestanden, alles, was die Männer in der Ausbildung absolvieren mussten, auch mitzumachen. Der Unterricht fand eh auch damals schon in gemischten Klassen statt.

Dem pflichtet auch Susanne Becker bei, die 1982 ihre Ausbildung bei der Kriminalpolizei angefangen hat. Als sie 1989 zur Polizeiinspektion nach Northeim kam, war sie die erste Frau im Haus.

Mit den Kollegen hätte es aber nie Akzeptanzprobleme gegeben. Natürlich hätte es hin und wieder mal einen Spruch gegeben, berichten die beiden Frauen, aber da sei man selbstbewusst genug gewesen. „Man hat nie das Gefühl gehabt, dass man sich was erkämpfen musste, aber natürlich durfte man in dem Job nicht zu zart besaitet sein“, so Becker.

Auch die Bedenken, dass es Probleme geben könnte bei einem Einsatz von Frauen im Streifendienst, wenn es zum Beispiel zu einer Situation mit Gewalt kommt, hätten sich schnell zerschlagen. „Frauen können viele Situationen verbal regeln“, sagt Becker und so haben sich die Frauen nach und nach ihren Platz im Streifenwagen erobert.

Heute ist es ganz selbstverständlich, dass Frauen rausfahren, weiß Simone Köhler, die 2003 zur Polizei kam. Bevorzugt werden gemischte Teams eingesetzt, aber auch reine Frauenbesetzungen gibt es durchaus bei den Streifenwagenteams.

Darüber, dass für Klausch und Kolleginnen erst mal Dienstkleidung, die nicht immer sehr funktional war, angeschafft werden musste, schüttelt die junge Kollegin Sabrina Torke, die seit Oktober 2019 in Northeim ist, nur den Kopf. Heute ist man bei der Polizei selbstverständlich auf die Kleidergrößen der Frauen eingerichtet,

Auch die Berichte über das Kasernenleben kennt die junge Polizistin nur aus Erzählungen der älteren Kollegen. Heute studiert man an der Polizeiakademie in Hann. Münden. Da hat sich einiges in den vergangenen 40 Jahren im Polizeidienst geändert.

Besonders vorteilhaft habe sich der Polizeidienst auch im Hinblick auf die Vereinbarkeit von Familie und Beruf entwickelt. 2008 hätte es das erste Audit dazu gegeben, erklärt Köhler.

Was für die vier Frauen aus unterschiedlichen Generationen im Gespräch mit der HNA alle gleich ist, dass sie ihren Beruf bei der Polizei mit Leidenschaft ausüben. Etwas anderes könnten sie sich nicht vorstellen zu tun. Perspektivisch wünschen sie sich aber noch mehr Frauen in Führungspositionen.

Weibliche Polizeiarbeit seit 1903

Bereits 1903 gab es erste Polizeiassistentinnen in der Polizei des Deutschen Kaiserreichs. Nach dem Ersten Weltkrieg ermittelten in einigen Städten erste Beamtinnen der Weiblichen Kriminalpolizei (WKP). Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es in Niedersachsen nach britischem Vorbild nicht nur Polizistinnen bei der Kriminalpolizei, sondern auch bei der Schutzpolizei. Doch als die Briten sich zurückzogen, mussten die Schutzpolizistinnen ihre Arbeit bis 1981 wieder aufgeben.

(Rosemarie Gerhardy)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.