HNA-Volontärin machte Selbstversuch

Waschen, füttern, stützen: Reportage aus dem Pflegealltag

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Unterstützung im Alltag: HNA-Volontärin Margarete Leissa (links) hilft Elise Lillig im Seniorenheim Auetal in Echte, aus dem Bett aufzustehen.

Echte. In den Pflegeberufen werden gut ausgebildete Fachkräfte dringend gesucht. HNA-Volontärin Margarete Leissa hat einen Tag lang im Seniorenheim Auetal in Echte mitgearbeitet.

In dem verdunkelten Zimmer riecht es nach abgestandener Luft. „Was soll ich alles ausziehen?“, fragt mich die kleine, runzelige Frau mit zitternder Stimme. Überrumpelt kann ich nur stottern: „Ich glaube, alles.“ Gehorsam, aber sichtlich verlegen, streift sie sich das Unterhemd über den Kopf. Eigentlich müsste ich ihr dabei helfen, aber ich arbeite zum ersten Mal in einem Pflegeheim und bin noch gehemmt.

Hinter mir kommt Pflegedienstleiterin Kerstin Stolle ins Zimmer. Die Arme voller Handtücher ruft sie der Seniorin munter zu: „Guten Morgen! Na, dann wollen wir Sie mal schnell duschen!“ Die Ansagen sind knapp, die Handgriffe bestimmt. „Halten Sie sich bitte fest!“ - die alte Frau steht in der Duschkabine unsicher auf ihren Beinen - „Vorsicht, ich dusche Ihnen jetzt über den Kopf. Ja, Haare müssen wir auch waschen.“

Mir ist unwohl dabei, fremde Menschen zum Waschen überreden zu müssen. Aber es ist notwendig, denn die Bewohner von Haus Clausberg sind nicht nur pflegebedürftig, sondern auch dement.

Spazieren ohne Sackgassen 

Auf dem Weg durch die Gänge zu den Wohnzimmern bleibt die Pflegeleiterin alle paar Meter stehen, um einige Worte mit den Senioren zu wechseln. Viele spazieren schier unermüdlich durch die Gänge, die im Haus Clausberg einer Acht gleichen, damit der Spaziergang nicht in einer Sackgasse endet.

Unter Aufsicht: Anneliese Körber wird von Margarete Leissa zu ihrem Zimmer begleitet.

Eine Dame läuft schnurstracks auf Wände und Mobiliar zu, bleibt kurz vor ihnen stehen und orientiert sich dann neu.

„Sie läuft praktisch den ganzen Tag, bis zur Übermüdung“, meint Kerstin Stolle, als sie mein Interesse bemerkt. Sie zum Sitzen zu bewegen, habe das Pflegepersonal mittlerweile aufgegeben, das mache sie unglücklich.

Als wir sie ansprechen, bricht die Frau auch prompt in Tränen aus. Stolle ist sofort an ihrer Seite, erkundigt sich nach dem Wohlbefinden. So schnell die Tränen kamen, so schnell sind sie auch wieder versiegt. Ohne sich um uns zu kümmern, setzt die Seniorin ihren Spaziergang fort. „Das passiert manchmal“, sagt Stolle müde lächelnd.

Alltag in der Pflege 

Es ist traurig und fröhlich zugleich auf der Demenzstation. Der Wechsel von Gelächter in Jammer ist oft abrupt und für Außenstehende nur schwer nachzuvollziehen.

Die heilende Wirkung des Lachens ist sowohl für die Bewohner als auch für die Pfleger besonders wichtig. „Sonst trägt man alles mit in das Privatleben hinaus“, begründet es Schwester Anne. Man wolle aber auch den Bewohnern helfen, wenn es ihnen schlecht geht.

„Wir sind oft näher als die Familie“, erklären mir die Pflegerinnen während einer Pause. Je kränker die alten Menschen werden, desto seltener kommen Angehörige zu Besuch. Schnell merke ich, dass der Beruf nicht nur stressig, sondern auch eine körperliche Herausforderung ist.

Während meines Tagespraktikums begleite ich die Bewohner durch die Flure, helfe bei der medizinischen Versorgung und beim Ankleiden der Senioren, muss einige sogar füttern. Die Muskeln in meinen Armen schmerzen, als ich einer Schwester dabei helfe, einen Mann in sein Bett zu heben.

Peinlich berührt stehe ich daneben, während sie ihm die Inkontinenzeinlage wechselt. Nach acht Stunden Arbeit fühle ich mich völlig gerädert, dabei habe ich als Praktikantin nur einen Bruchteil der täglichen Pflegearbeit erledigt.

Pro Schicht kümmern sich sechs Pflegekräfte um die 52 Bewohner des Seniorenheims Auetal. Mangelndes Interesse an dem Beruf gebe es nicht, meint Pflegedienstleiterin Kerstin Stolle. Die meisten Probearbeiter würden aber nach den ersten Arbeitstagen nicht wiederkommen.

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