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Wege aus der Schuldenfalle

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Von: Rosemarie Gerhardy

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Awo-Schuldnerberaterin Gabriele Wesche berät kostenfrei Menschen, die in finanzielle Schieflage gekommen sind.
Awo-Schuldnerberaterin Gabriele Wesche berät kostenfrei Menschen, die in finanzielle Schieflage gekommen sind. © Rosemarie Gerhardy

Corona hat vielen Menschen wegen des Kurzarbeitergeldes weniger Geld in die Haushaltskasse gebracht, doch die Kosten laufen weiter. Zudem steigen in allen Bereichen die Preise. Das macht es auch Beziehern von Sozialleistungen schwerer, über die Runden zu kommen. So geraten immer mehr Leute in finanzielle Schieflage, berichtet Schuldnerberaterin Gabriele Wesche von der Arbeiterwohlfahrt (Awo).

Landkreis Northeim – Bei den diesjährigen Fallzahlen machten sich die Auswirkungen der aktuellen Preisentwicklungen bisher noch nicht bemerkbar. „Wir betrachten die Situation aber mit Sorge und erwarten einen steigenden Beratungsbedarf, insbesondere im Hinblick auf einkommensschwache Haushalte“, so Leonard Driehorst, Schuldnerberater beim Diakonischen Werk Leine-Solling in Uslar. Durch den „Verzögerungseffekt“ würden die tatsächlichen Auswirkungen vermutlich erst in den kommenden Monaten deutlich sichtbar. Aktuell würden viele Menschen noch ihre finanziellen Reserven wie Coronahilfen aufbrauchen, um ihre Lebenshaltungskosten zu tragen, aber bei weiter ansteigenden Preisen werde sich schnell ein finanzielles Defizit auftun.

Schuldnerberater  Leonard Driehorst vom Diakonischen Werk Leine-Solling
Schuldnerberater Leonard Driehorst vom Diakonischen Werk Leine-Solling © Diakonie Leine-Solling/nh

Rechtzeitig Hilfe holen

Wesche und Driehorst empfehlen, sich möglichst frühzeitig an eine Schuldnerberatung zu wenden, damit rechtzeitig der Schuldenfalle entgegengesteuert werden könne. Wenn Rechnungen nicht mehr bezahlt werden können, vielleicht bereits erste Zahlungsaufforderungen von Inkassounternehmen ins Haus kommen oder sogar schon der Gerichtsvollzieher vor der Tür steht, dann sollte man sich unbedingt an eine kostenfreie Schuldnerberatung bei einem Wohlfahrtsverband wenden, so ihre Empfehlung. Die Schuldnerberater helfen, einen Überblick über die Finanzen zu bekommen, aber auch dabei mit Gläubigern Lösungen für eine Rückzahlung der Schulden zu finden. Ratenzahlungen oder Stundungen könnten oft erreicht werden. Vollstreckung und Mahnbescheide sollten, wenn möglich verhindert werden, denn sie hätten weitere Kosten zur Folge, die noch weiter belasten würden.

Insolvenzverfahren

2020 suchten 163 Menschen die Schuldnerberatung des Diakonischen Werks Leine-Solling in Uslar auf, 2021 waren es 214. Die deutliche Steigerung sei aber auf das Abarbeiten aufgeschobener Insolvenzanträge zurückzuführen, so Schuldnerberater Leonard Driehorst.

2021 ist ein Gesetz zur Novellierung des Insolvenzverfahrens in Kraft getreten. Es beinhaltet eine Verkürzung der Verfahrensdauer von sechs auf drei Jahre. Da die Novellierung bereits 2020 angekündigt worden war, wurde die Beantragung vieler Insolvenzverfahren verzögert. Dementsprechend wurden weniger Fälle abgeschlossen, erklärt er, der seit einem Jahr die Schuldnerberatung in Uslar betreut. Das Diakonische Werk unterhält weitere Beratungsstandorte in Northeim und in Einbeck sowie eine Nebenstelle in Bad Gandersheim.

Die Schuldnerberatung der Arbeiterwohlfahrt (Awo) in Northeim suchten 2019 und 2020 jeweils rund 210 Klienten für eine Erstberatung auf, berichtet Schuldnerberaterin Gabriele Wesche. Im vergangenen Jahr waren es 220. Davon waren gleichermaßen viele Frauen wie Männer in der Beratung. Vermehrt haben 31- bis 50-Jährige die Schuldnerberaterin aufgesucht. Im ersten Quartal 2022 haben sich 49 Personen an Wesche gewandt. Bei den Jugendlichen seien immer noch Handyverträge, die mehrfach oder gar für andere abgeschlossen würden, ein weitverbreitetes Problem. Am wenigsten hätten Menschen über 60 Jahren die Beratung beansprucht, berichtet sie. Wesche rechnet aber wie Driehorst mit einem stärkeren Anstieg, wenn die Preise weiter steigen. Die Beratung bei den Wohlfahrtsverbänden ist kostenfrei. Dabei werden nicht nur Fragen zu allen Bereichen der Ver- oder Überschuldung aufgegriffen, sondern es werde auch bei der Prüfung der Forderungen und bei Verhandlungen mit den Gläubigern geholfen.

Pfändungsschutzkonto

Wichtig ist auch, dass die Beratungsstellen einen erhöhten Freibetrag des Pfändungsschutzkontos aufgrund von Unterhaltsverpflichtungen bescheinigen können, betonen Driehorst und Wesche. Sollte es erforderlich sein, helfen die Berater auch beim Insolvenzverfahren. Dafür werde alles vorbereitet, dann müsse der Antrag nur noch unterschrieben und beim Gericht eingereicht werden. (Rosemarie Gerhardy)

Beratungsstellen der Awo und der Diakonie

Awo und Diakonisches Werk Leine-Solling bieten als Wohlfahrtsverbände kostenfreie Schuldnerberatungen an. Die Awo-Schuldnerberaterin ist nach Terminabsprache (awo-hi.de, E-Mail schuldnerberatung@awo-hi.de, 0 55 51/9 0821 91) in Northeim zu erreichen. Das Diakonische Werk bietet offene Sprechstunden in Northeim, Uslar und Einbeck an. Zudem gibt es Beratungen nach Terminvereinbarung in Präsenz oder online. (schuldnerberatung-northeim.de). (rom)

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