Hersfeld-Rotenburg: Riesige Auswahl für Ausbildungssuchende

Wo Milch und Honig fließen: Großes Angebot auf Ausbildungsmarkt in Hersfeld-Rotenburg

Ziehen eine positive Bilanz des Ausbildungsmarktes: von links Hubert Lorenz, Ottokar Schwerd, Dirk Beulshausen, René Bieber, Julia Kossack, Waldemar Dombrowski. Im Hintergrund sind Balkendiagramme mit dem Verhältnis Bewerber-Ausbildungsstellen zu sehen. Links ist Hessen zu sehen, in der Mitte Deutschland und rechts der Landkreis, der überdurchschnittlich viele Lehrstellen zu bieten hat.
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Ziehen eine positive Bilanz des Ausbildungsmarktes: von links Hubert Lorenz, Ottokar Schwerd, Dirk Beulshausen, René Bieber, Julia Kossack, Waldemar Dombrowski. Im Hintergrund sind Balkendiagramme mit dem Verhältnis Bewerber-Ausbildungsstellen zu sehen. Links ist Hessen zu sehen, in der Mitte Deutschland und rechts der Landkreis, der überdurchschnittlich viele Lehrstellen zu bieten hat.

Wenn man sich die Statistiken anschaut, drängt sich das Bild auf: In Waldhessen fließen Milch und Honig. Zumindest für junge Ausbildungssuchende.

Hersfeld-Rotenburg – Für die heimischen Betriebe hingegen wird die Nachwuchssuche immer mehr zum Problem. Auf 100 Bewerber kamen 2020/21 ganze 160 freie Lehrstellen. Das wurde deutlich bei der Jahresbilanz der Agentur für Arbeit Bad Hersfeld-Fulda und der weiteren Akteure, die mit Ausbildung im Landkreis zu tun haben. „Wir haben keinen Corona-Jahrgang, wo die jungen Leute auf der Straße gelandet sind. Der Ausbildungsmarkt hat sich stabil gezeigt“, sagt Waldemar Dombrowski, Vorsitzender der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit,

Waldhessens Stärke

„Wir haben viele kleine und mittelgroße Betriebe, die in hohem Maße ausbilden“, sagt Ottokar Schwerd, der bei der Agentur für Arbeit Bad Hersfeld-Fulda die Berufsberatung leitet. Wenn in einem Unternehmen mit acht Angestellten zwei Lehrlinge dabei seien, sei das ein Anteil, den Großunternehmen nicht erreichen. Dombrowski fügt hinzu: „Arbeitgeber wie K+S und die Krankenhäuser sind personalintensive Unternehmen. Außerdem haben wir eine starke mittelständische Struktur im Baubereich. Die Unternehmer stellen sich ihrer Aufgabe, selbst Personal auszubilden.“ Hubert Lorenz, Co-Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft, meint: „Das Problem des Nachwuchsmangels ist bei den Betrieben angekommen. Das bedeutet auch, in vielen Fällen die Zugangsvoraussetzungen zu senken. Da reicht dann auch mal ein guter Hauptschulabschluss.“ Die Betriebe müssten sich darauf einstellen, dass nun die geburtenstarken Jahrgänge in Rente gehen.

Mehr Lehrstellen

In der Grafik, die gemeldete Ausbildungsstellen und Bewerber gegenüber stellt, gab es im Sommer 2021 keine Corona-Delle. Zuvor war das Angebot zwar von 1053 Lehrstellen im Jahr 2019 auf 925 im vergangenen Jahr gesunken, ist nun aber schon wieder auf 960 gestiegen.

Weniger Bewerber

Dem stehen lediglich 600 gemeldete Bewerber gegenüber. Der Grund für diesen Rückgang: Es gab weniger Schulabgänger. Die unübersichtliche Pandemie-Lage habe zu einem „Verbleib-im-Nest-Effekt“ geführt, so Dombrowski. Viele junge Menschen hätten also statt Studium oder Ausbildung zunächst einen höheren Schulabschluss angestrebt. „Veranstaltungen zur Berufsorientierung konnten coronabedingt nicht wie sonst angeboten werden, die Jobcoaches konnten lange Zeit gar nicht in die Schule“, erläutert Dombrowski. Praktika waren kaum möglich, ebenso wie Ausbildungsmessen. Lediglich 13 Bewerber suchen noch nach einer Ausbildungsstelle. „Übrig geblieben“ sind nicht die Schwächeren, wie man vermuten könnte. Viele dieser Personen seien schon älter, hätten schon gejobbt oder eine Lehre oder ein Studium abgebrochen – und sich in vielen Fällen erst spät gemeldet.

Digitales Gegensteuern

Weil der persönliche Kontakt häufig unmöglich war, haben die Agentur für Arbeit und ihre Kooperationspartner auf neue digitale Wege gesetzt. So haben zum Beispiel seit Oktober 2020 rund 550 Videoberatungen in den Kreisen Hersfeld-Rotenburg und Fulda stattgefunden. Ebenso wurden als Großveranstaltung digitale Berufsorientierungen angeboten. Fulda-Bad Hersfeld war dabei eine von drei Modellagenturen bundesweit. Auch für die Eltern gab es digitale Angebote sowie im April und Oktober dieses Jahres digitale Bildungsmessen. Mittlerweile werden die Angebote zur Ausbildungsorientierung auch wieder vor Ort in Schulen angeboten – das digitale Netzwerk kann dabei natürlich ergänzend weiterhin genutzt werden.

Schwächere Bewerber

40 Personen aus dem Landkreis absolvieren derzeit keine Ausbildung sondern Umschulungen. Sie werden in Bad Hersfeld und Bebra angeboten. Dabei geht es um schwächere Bewerber, die so für eine Lehre im nächsten Ausbildungsjahr fit gemacht werden sollen. In der Gruppe sind 15 Frauen und 25 Männer zwischen 24 und 50 Jahren. Jeweils 14 von ihnen werden umgeschult zur Bürokraft beziehungsweise für Metall- und Elektroberufe oder Bau. Weitere acht werden fürs Gesundheitswesen oder Erziehung umgeschult. „Das ist eine große Chance für Schwächere. Wir helfen bei der Herstellung der Ausbildungsreife“, sagt René Bieber, Fachbereichsleiter Arbeit und Migration beim Landkreis. Dirk Beulshausen vom Staatlichen Schulamt fügt hinzu: „Für viele junge Menschen mit Migrationshintergrund ist Deutsch als Bildungssprache natürlich eine große Hürde. Dafür bieten wir Zusatzkurse an.“

Plus bei der IHK

Die Betriebe der Industrie- und Handelskammer (IHK) im Landkreis haben dieses Jahr sogar ein leichtes Plus von drei Prozent bei den abgeschlossenen Ausbildungsverträgen zu verzeichnen. Es sind dieses Jahr 579. Das führt Julia Kossack, Leiterin des IHK-Servicezentrums Hersfeld-Rotenburg, auf das große Engagement der Betriebe zurück. Unter anderem gab es die Kampagne „Woche der Ausbildung“. Auch die Ausbildungs-Hotline der IHK sei stark frequentiert gewesen. Ein Plus von 37 Ausbildungen verzeichnet die IHK allein im Baubereich. Hinzu kommen 20 Systemgastronomen, die von einem lokalen vietnamesischen Unternehmer angeworben worden sind.

Minus beim Handwerk

Nicht ganz so gut sieht es bei der Kreishandwerkskammer aus. Die Zahl der Ausbildungsverträge ist um etwas über zehn Prozent auf 159 gesunken. „Die duale Ausbildung muss kämpfen. Wir erklären den Jugendlichen und Eltern, dass ihr Kind mit einer Lehre nach einem Realschulabschluss die Abiturienten schnell überholen kann“, sagt Hubert Lorenz. Mit 20 Jahren könne man Meister sein oder einen Bachelor Professional absolviert haben. Bevor Studenten erstmals Geld verdienten, seien sie wesentlich älter. Eine Ausbildung sei keine Sackgasse – man könne immer wieder aufsteigen oder später noch studieren. Probleme gibt es laut Lorenz vor allem im Elektro- und im Sanitärbereich, außerdem bei den Lebensmitteln und Friseuren. Gerade letztere seien durch Corona besonders arg gebeutelt worden.

Hilfsprogramm

Das Programm „Ausbildungsplätze sichern“ hilft Unternehmen dabei, trotz der Pandemie-Einschränkungen Lehrstellen anbieten zu können. Knapp 350 Anträge dazu kamen bislang aus Waldhessen. Grund für die Hilfe: sinkende Umsätze, Zusatzkosten für hygienekonformes Arbeiten und Homeoffice-Ausstattung. (Christopher Ziermann)

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