Hersfeld-Rotenburg

Abschied nehmen mit Abstand: Sterben in Zeiten von Corona – Das sagen Bestatter, Pfarrer und Hospizverein

Mit Abstand trauern: Statt 120 Plätzen stehen in der Friedhofskapelle in Bad Hersfeld nur zehn vereinzelte Stühle, mehr dürfen coronabedingt nicht rein.
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Mit Abstand trauern: Statt 120 Plätzen stehen in der Friedhofskapelle in Bad Hersfeld nur zehn vereinzelte Stühle, mehr dürfen coronabedingt nicht rein.

Abschied nehmen von geliebten Menschen ist wichtig für die Hinterbliebenen – trotz und vor allem in Zeiten von Corona.

Hersfeld-Rotenburg - Das Virus nimmt darauf keine Rücksicht und so gelten bestimmte Einschränkungen auch für Trauerfeiern und Beerdigungen. Wir haben bei einem Bestatter, einem Pfarrer und im Hospizverein nachgefragt, welchen Einfluss Corona auf ihren Alltag hat.

Die aktuellen Umstände sind für niemanden leicht, vor allem nicht für Angehörige und Freunde von Verstorbenen. Besonders schwer wird es, wenn eine infizierte Person stirbt. Zu Lebzeiten stehen sie im Krankenhaus unter strenger Quarantäne und dürfen nicht besucht werden. Auch nach dem Tod darf kein Kontakt stattfinden, da weiterhin eine Ansteckung durch Körperflüssigkeiten möglich ist. Angehörige, Freunde und Nachbarn müssen also Abschied nehmen, ohne den Liebsten noch einmal zu sehen.

Die Trauerfeier ist auf dem Weg des Trauerns ein wichtiges Element, das trotz und gerade wegen der Umstände viel Würde verdient. Pfarrer Frank Nico Jaeger geht in seinen Trauerreden ganz bewusst auf die Corona-Einschränkungen ein und füllt die Abstände zwischen den Trauernden mit aufheiternden Worten: „Da sitzen die Menschen, die dabei sein möchten, aber nicht dürfen.“ „Dass die körperliche Nähe fehlt, ist mit das Schlimmste“, sagt der Pfarrer. Gerade in so schweren Zeiten mit Verlust brauchen die Hinterbliebenen das Gefühl, von Familie und Freunden gestützt zu werden. Schwierig zu Zeiten von eineinhalb Metern Mindestabstand und Masken, die das halbe Gesicht und damit den Großteil der Mimik verdecken. Die Gefühle von Verlust und Einsamkeit werden in der akutellen Situation noch einmal verstärkt, erklärt Karin Glorius vom Ökumenischen Hospizverein Bad Hersfeld. Die Seelsorge wird zu Zeiten von Corona durchaus häufiger eingeschaltet, als sonst. Aber nicht nur die Hinterbliebenen leiden unter der Situation – auch die Sterbenden haben mit den Einschränkungen zu kämpfen. Vor allem psychisch.

Pfarrer Frank Nico Jaeger hat dazu eine ganz klare Meinung: Die Menschen sterben nicht mit oder wegen, sondern an Corona. Das muss nicht immer eine Infektion mit dem Virus bedeuten. Das psychische Leid ist manchmal viel größer. Laut Jaeger sterben viele, vor allem alte Menschen, die alleine leben, daran, dass sie ihren Lebensmut in dieser schweren Corona-Zeit verloren haben. Einsamkeit und fehlende Nähe können oft genauso krank machen, wie eine physische Krankheit.

Karin Glorius wünscht sich für die Sterbenden, dass diese weiterhin besucht werden dürfen. „Sterben ist etwas sehr Individuelles“, sagt sie. „Es gibt auch Menschen, die alleine sterben möchten. Denen, die das nicht wollen, soll aber ermöglicht werden, nicht alleine sein zu müssen.“ Durch die Masken und den Mindestabstand fällt es den Ehrenamtlichen vom Hospizdienst generell schwerer, eine persönliche Bindung zu den sterbenden Personen aufzubauen. Bis auf die verschärften Hygiene-Regeln ändert sich in ihrem Arbeitsablauf aber nichts. Auch Pfarrer und Bestatter haben sich inzwischen an die Situation angepasst.

Trauerfeiern finden in der Regel nur in kleinem Rahmen statt. Gesungen werden darf wegen der Aerosole nicht. Dabei ist gerade das Singen laut Jaeger ein so wichtiger Bestandteil der Trauerfeiern. „Beim Singen können die Trauernden zwischendurch mal an etwas anderes denken und die Gedanken schweifen lassen.“ Die Menschen suchen bei den Beerdigungen in diesen Zeiten zwei Mal Trost, sagt der Pfarrer: einmal für den Verlust und einmal für die schwere Corona-Zeit.

Für Anna Lieberum vom Bestattungsinstitut Kessler in Bebra kommen zu den gewohnten Aufgaben noch weitere hinzu: Sie muss sich etwa um Desinfektionsmittel kümmern und Teilnehmerlisten für das Gesundheitsamt erstellen. Außerdem muss sie Trauernde von der Feier ausschließen, die aufgrund der begrenzten Personenanzahl nicht dabei sein dürfen. Leicht fällt der 27-Jährigen das nicht, es gehört aber in diesen Zeiten zu ihren Pflichten, um das Ansteckungsrisiko so gering wie möglich zu halten.

Mehr als zehn Personen müssen angemeldet werden

Große Trauerfeiern an verschiedenen Orten im Landkreis haben in den vergangenen Wochen immer wieder für Irritationen und Anrufe besorgter Leser geführt. Eine pauschale Maximal-Zahl an Gästen gibt es derzeit allerdings nicht, sie hängt vielmehr von den Bedingungen vor Ort ab. In Bad Hersfeld etwa hat kürzlich eine große Trauerfeier auf dem Hauptfriedhof das Ordnungsamt auf den Plan gerufen, nachdem Anrufer sich zunächst vor allem über die zugeparkte Straße am Friedhof beklagt hatten. Als die Mitarbeiter des Ordnungsamtes daraufhin die Situation vor Ort kontrollieren wollten, befand sich die Feier laut Stadtsprecher Meik Ebert allerdings schon in der Auflösungsphase. „Das Thema ist bekannt, wird weiter verfolgt und gegebenenfalls auch geahndet“, so Ebert. Zwar seien allem Anschein nach die geltenden Regeln nicht eingehalten worden, ein tatsächlicher Verstoß müsse aber geprüft und belegt werden.

Kontrollen bei Trauerfeiern wird es vorerst wohl noch öfter geben. Denn: Seit dem 23. Januar müssen Zusammenkünfte von mehr als zehn Personen spätestens zwei Werktage vorher beim zuständigen Ordnungsamt angemeldet werden. Diese Regelung greift grundsätzlich auch für Bestattungen und Trauerfeierlichkeiten. In der Praxis zeigen die Bestatter solche Fälle meist bei der Friedhofsverwaltung an, die diese dann weitergibt. Das berichtet so auch Anita Henniger vom gleichnamigen Bestattungshaus. Während manchen Kommunen allerdings ein Anruf reiche, müsse die Meldung anderswo schriftlich erfolgen.

Weitergegeben werden diese Anzeigen dann auch an die Polizei und den Landkreis, sodass mögliche Verstöße im Vorfeld schon erkannt und verhindert werden können, wie Annika Ludwig, Sprecherin der Stadt Rotenburg, erläutert. Beschwerden oder Verdachtsfälle seien dem Leiter des dortigen Ordnungsamtes, Ulf George, bislang aber nicht bekannt. Dass auch tatsächlich kontrolliert wird, hat Anna Lieberum vom Bestattungsinstitut Kessler in Bebra schon erlebt. Mehr als zehn Personen sind in den üblichen Kapellen und Trauerhallen derzeit ohnehin nicht gestattet, in besonders kleinen sind es noch weniger. Draußen unter freiem Himmel dürfen sich mit Abstand auch deutlich mehr Menschen aufhalten, je nachdem, wie es die örtlichen Gegebenheiten zulassen, so Ebert. Der neue „Meldezwang“ bei mehr als zehn Trauergästen gelte allerdings für drinnen wie draußen.

Von Lea-Sophie Mollus und Nadine Maaz

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