Klaus-Ulrich Battefeld vom Umweltministerium unter Beschuss

Erhitzte Gemüter beim Wolf-Forum in Licherode – eine Einordnung

+
Wurde heftig unter Beschuss genommen: Wolfsexperte Klaus-Ulrich Battefeld vom Hessischen Umweltministerium (rechts). Neben ihm steht UBZ-Geschäftsführer Ahmed Al Samarraie, der die Veranstaltung moderierte. 

„Darf ich ausreden?“ – Erneuter Zwischenruf. „Gut, dann lassen wir es.“ So endete das Wolf-Forum am Freitagabend am Licheröder Expo-Pavillon.

Das Thema polarisiert nicht nur, es sorgt auch für jede Menge Emotionen. Und obwohl die meisten der Teilnehmer der vom Umweltbildungszentrum (UBZ) organisierten Veranstaltung danach sagten, dass man auf Antworten und Lösungen weiterhin wartet – das Treffen war ein Erfolg.

Das Team um UBZ-Geschäftsführer Ahmed Al Samarraie hatte fünf Vorträge organisiert. Doch spätestens mit Beginn der anschließenden Diskussion wurde klar, warum ein Großteil der Gäste (viele davon Hobby-, Nebenerwerbs- oder Haupterwerbs-Landwirte und Jäger) da war: Sie nahmen Klaus-Ulrich Battefeld, Artenschutzreferent vom Hessischen Umweltministerium, unter Beschuss. Schon während seines Vortrags „Der Wolf aus Sicht des Hessischen Umweltministeriums“ gab es mehrere Zwischenrufe.

Mit dem Wolf ist jederzeit zu rechnen

Endlich mal Fakten nennen und Zahlen auf den Tisch – die Formulierung fiel häufiger und zielte meist darauf ab, dass das Ministerium nach wie vor nur von einzelnen Wölfen auf der Durchreise spricht, was sowohl von Jägern als auch von Tierhaltern im Publikum angezweifelt wurde. „Dass sich ein Wolf ortsfest niedergelassen hat, davon sprechen wir erst, wenn es über ein halbes Jahr Nachweise dafür gibt. Das ist bisher hier nicht der Fall. Wir haben die Region aber im Auge und würden es sofort kommunizieren, wenn sich ein Rudel niederlassen würde“, sagte Battefeld. Klar sei aber schon jetzt: Man müsse jederzeit mit Wölfen rechnen.

Die Genproben

Große Vorbehalte herrschen außerdem gegenüber dem Senckenberg-Institut, das für die Auswertung der Genproben zuständig ist, wenn DNA-Abstriche bei Rissen genommen werden. Zwei Gäste forderten, B-Proben anzufertigen.

Der Beutekonkurrent

Mehrere Jäger, wie zum Beispiel Werner Rehwald, bezeichneten den Wolf als Beutekonkurrenten. Rehwald sagte, er könne beweisen, dass in seinem Revier bei Kathus seit einigen Wochen signifikant weniger Rehe leben würden. Darauf antwortete Battefeld, es sei genug Wild in den Wäldern – viele Bestände hätten sich im Vergleich zu den 30-er Jahren vervielfacht. Und: „Ein Jäger hat zwar das Jagdrecht, aber das Wild in seinem Revier ist nicht sein Eigentum.“

Elektrozäune

Bezüglich der Umzäunung betonte Battenfeld die Wichtigkeit von Elektrozäunen. „Nicht, weil sie so ein guter Schutz sind, sondern weil der Wolf dadurch lernt: Schaf – Zaun – Schmerz.“ In den Fällen, wo ein Wolf Schafe gerissen habe, sei fast nie ein ordnungsgemäß aufgestellter Elektrozaun vorhanden gewesen. Wenn ein Wolf aber solche Hindernisse überwinde, müsse er entnommen werden. Entnahme – das ist das behördendeutsche Wort für Töten.

Die Nöte der Hobby- und Nebenerwerbsschäfer

Mehr als deutlich wurde ein Kernproblem der Gäste, die sich in der Diskussion zu Wort meldeten: Der Herdenschutz für Hobby- und Nebenerwerbsschäfer ist oft kaum zu gewährleisten, sagten viele – wegen des Aufwandes, aber auch aus finanziellen Gründen. Der Licheröder Hobbyschäfer Martin Fritsch, bei dem es im März den ersten bestätigten Wolfsriss von Nutztieren in Hessen dieses Jahres gegeben hatte, berichtete, dass er mit seiner Weidefläche von wenigen Hektar für die meisten Fördermittel nicht in Frage käme.

Weidetierprämie

Diesbezüglich verwies Battefeld darauf, dass die hessische Landesregierung im Koalitionsvertrag vereinbart habe, eine an die Zahl der Weidetiere gekoppelte Prämie notfalls auch mit Landesmitteln einzuführen, wenn dies nicht auf Bundesebene geschieht – der Bundesrat hatte sich just am Freitag für eine Prämie von 30 Euro pro Mutterschaf und -ziege ausgesprochen. Ob dieser Vorschlag weiterverfolgt wird, liegt an der Bundesregierung.

Battefelds Resümee

Dass Tierhalter mit kleinen Beständen in der Wolfsfrage nicht genügend berücksichtigt werden, war einer von zwei Punkten, die Battefeld von der Veranstaltung als Anregung mitnahm, sagte er unserer Zeitung nach der Diskussion. Allerdings: Dabei gehe es um eine politische Entscheidung, die Battefeld als Behördenmitarbeiter nicht treffen könne. Der andere Punkt: Die Jäger – naturgemäß die, die am ehesten die Auswirkungen von Wolfspräsenz bemerken und die Tiere sichten – fühlen sich nicht genügend eingebunden. Die Kommunikation zwischen Jägerschaft und Politik sowie Behörden sei „gruselig“ und müsse besser werden. Ein Appell an beide Seiten.

Das Fazit

Und daran knüpft auch die Einschätzung an, dass die Veranstaltung ein Erfolg war: Endlich wurde miteinander geredet. Doch warum hatten die Nutztierhalter und Jäger im Kreis erst jetzt die Möglichkeit, auf einer solchen Plattform ihre Fragen an das Umweltministerium zu richten, das schon 2015 davon ausging, dass „in nächster Zeit mehr Wölfe den Weg nach Hessen finden werden“? Nur durch Gespräche kann man Vorbehalte abbauen und gemeinsam Lösungen finden.

Die Vorträge

Über die Biologie und Ökologie des Wolfs referierte Stefan Ross vom UBZ. Ein Wolf kann rund 70 Kilometer in einer Nacht zurücklegen. Ross charakterisierte den Wolf als „fleischorientierten Allesfresser“. Zur Nahrung gehören also auch Schafe, wenn sie „einfach zu bekommen“ sind. 

Mit „Wolf in Deutschland: Zahlen, Daten, Fakten“ war der Vortrag von Dr. Wolfgang Fröhlich, Leiter des Wildparks Knüll, überschrieben. Er rechnete vor, dass ein Rudel pro Quadratkilometer eines Reviers rund 44 Kilo Fleisch pro Jahr benötige – das entspreche zwei Rehen. Die Landschaft im Knüll und Waldhessen biete für Wölfe einen guten Lebensraum. 

Thilo von und zu Gilsa – Schlossbesitzer von Ludwigseck, einer der größten privater Waldbesitzer Hessens und passionierter Jäger – berichtete darüber, wie in Weißrussland mit dem Wolf umgegangen wird. Dort würde sich der Bestand trotz massiver Bejagung nicht verringern. Er schlug vor, den Wolf in Deutschland in ausgewiesenen Gebieten zuzulassen und anderswo zu schießen. Die FFH-Richtlinie der EU lasse das aber nicht zu, antwortete Ministeriumsmitarbeiter Battefeld darauf. 

Er berichtete in seinem Vortrag über die Sicht des Hessischen Umweltministeriums von zahlreichen Falschmeldungen und Fälschungen über angebliche Wolfspräsenz. Wenn die derzeit in Waldhessen vorkommenden Wölfen sich hauptsächlich von Schafen ernähren würden, müssten weitaus mehr tote Tiere gefunden werden, führte er außerdem an. 

Über die Sicht der hessischen Schafhalter sprach der stellvertretende Verbandsvorsitzende Hubertus Dissen. Er betonte die Verdienste der Weidetierhaltung um den Naturschutz. „80 Prozent vom Naturschutz findet auf bewirtschafteten Flächen statt“, sagte er. Um allen Vorgaben zum Herdenschutz zu entsprechen, müsste er eine zusätzliche Arbeitskraft einstellen, so der Berufsschäfer. Das sei aber nicht finanzierbar.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.