Längst kein Geheimtipp mehr

Müllproblem und Lebensgefahr wegen Erdfällen am Niederellenbacher See

Der Niederellenbacher See war einst als Ausflugsziel ein Geheimtipp von Auswärtigen. Er befindet sich in einer Senke direkt neben dem Dorf. 

Was eigentlich eine Idylle ist, ist für die Niederellenbacher Einwohner und die Gemeinde Alheim zum Ärgernis geworden.

Das Gelände rund um den Niederellenbacher See, das man laut zahlreichen Verbotsschildern nicht mal betreten darf, wird an heißen Sommertagen teils von mehreren hundert Menschen bevölkert. Das Hauptproblem dabei: Ihren Müll lassen die Gäste häufig liegen.

Als vor ungefähr 13 Jahren die ersten Gäste an den See kamen, der in einem ehemaligen Gipssteinbruch entstanden ist, stellte die Gemeinde Schilder auf – um auf die angestrebte Wiederherstellung des Naturraums hinzuweisen. Dessen ungeachtet lassen die Gäste, die eigentlich bewusst diese natürliche Idylle statt eines Schwimmbads besuchen, dort Tampons, Einweggrills, Luftmatratzen und vieles mehr liegen.

Als der Andrang immer größer wurde, stellte die Gemeinde Mülleimer und zeitweise gar Müllcontainer auf. „Das hat dazu geführt, dass die Leute dort ihren Hausmüll entsorgt haben“, sagt Jörg Moritz vom Ordnungsamt. Nun gibt es keine Mülleimer mehr. Der Bauhof muss teilweise mehrmals in der Woche zum Müll aufsammeln kommen – doch das ist nun erst mal vorbei. Die Gemeinde teilte gestern via Facebook mit, dass das Regierungspräsidium Kassel in einem Gutachten festgestellt habe, dass beim Betreten des Geländes erhöhte Lebensgefahr bestehe – also auch für die Bauhofmitarbeiter. Die springen zwar nicht, wie manch ein Besucher, von den Klippen in den See, doch das teils lose Gestein ist für alle Besucher gefährlich. 

Das Ausmaß des Risikos sei bisher nicht bekannt gewesen, so Bürgermeister Georg Lüdtke – nun gibt es aber ein aktuelles Gutachten der beim Regierungspräsidium Kassel angesiedelten Bergbehörde. „Der See und das Gelände sind Erdfallgebiet. Illegale Badegäste können jederzeit von herabfallendem Gestein getroffen werden“, sagt Lüdtke. Deswegen reagiert die Gemeinde und plant nun kurzfristig einen neuen Zaun am See und neue Schilder, die auf die außerordentliche Gefahr hinweisen.

Den Müll erst mal liegen zu lassen, hat auch der Bebraer Ranger Jürgen Rieger der Gemeinde geraten. „Die Menschen wollen nicht in ihrem eigenen Müll am See liegen. Das kann zu einem Umdenken führen“, erklärt Bürgermeister Georg Lüdtke die Idee. „Man muss ehrlich eingestehen: Alles, was wir bisher versucht haben, ist von den Naturraumbesuchern ignoriert worden und somit gescheitert.“

Mit den finanziellen und personellen Mitteln der Gemeinde ist es auch schlicht nicht möglich, den Hunderten von Besuchern Herr zu werden. Deswegen holte sich die Gemeinde Hilfe. Bebras Bürgermeister Uwe Hassl hat sich damit einverstanden erklärt, dass Bebras Ranger Rieger sich nun auch um den Niederellenbacher See kümmert. Gemeinsam mit einer freiwilligen Hilfskraft aus Alheim schaut er am See nach dem Rechten. „Er bekommt die Kompetenz, Platzverbote zu erteilen, wenn sich jemand daneben benimmt“, sagt Lüdtke. Die Gemeinde sucht nach weiteren Freiwilligen – idealerweise ein pensionierter Polizist und Naturfreund, der ordnungsbehördliche Angelegenheiten regeln könnte. Also etwa Knöllchen verteilen. Denn nicht nur der Müll ist für die Anwohner ein Problem.

Der See befindet sich in einer Senke und ist vom Dorf und von den umliegenden Straßen aus nicht zu sehen. Auch deswegen kennen ihn viele alteingesessene Waldhessen noch gar nicht. Aber: Die Gäste parken mit ihren Autos entlang der Feldwege und teilweise auch mitten im Dorf – zugeparkte Einfahrten sind ein häufiges Ärgernis. Auch Rettungswege sind mitunter von den Autos versperrt und die Wirtschaftswege für die Landwirte kaum nutzbar. Nun werden – nach einer Begehung mit Polizei und Unterer Verkehrsbehörde – Halteverbots-Schilder aufgestellt. Die gelten dann aber auch für die Niederellenbacher und ihre Gäste.

So sieht es am See an heißen Sommertagen aus.

„Die Probleme mit dem See nehmen einfach Überhand“, sagt Ortsvorsteher Wolfgang Gaber. Weil bisher alle Maßnahmen nichts genutzt haben, haben manche Bewohner schon vor ihren Häusern mit Flatterband verbundene Stühle auf die Straße gestellt, damit dort niemand parkt. Erlaubt ist das eigenmächtige Absperren allerdings nicht. „Ich kann den Ärger der Einwohner verstehen. Aber es wäre schön, wenn sich die Dorfgemeinschaft mit der Situation arrangiert und gemeinsam mit der Gemeinde, dem Ranger und auch den weiteren Behörden an einer Lösung arbeitet“, sagt Lüdtke. Mit dem Ranger soll nun ein Konzept für den nächsten Sommer geschrieben werden.

„Dass die Menschen im Sommer das kühle Nass suchen, will ich gar nicht beanstanden“, sagt Bürgermeister Lüdtke. „Das gilt aber ausdrücklich nicht für Orte, wo es Verbotsschilder mit klaren Regelungen gibt.“ Die Auswüchse am Niederellenbacher See seien nicht akzeptabel. Auf Hinweise von anderen Besuchern und Einwohnern, den Müll wieder mitzunehmen oder keine Wege zuzuparken, würde teils sogar aggressiv reagiert. „Es ist das Mindeste, dass jeder den See so hinterlässt, wie er ihn vorgefunden hat.“

So entstand der Niederelllenbacher See

Der See ist eine Folge des Gipsabbaus. Das Gelände gehörte bis 2012 der Melsunger Firma Knauf, die aber schon mehrere Jahre zuvor den Abbau eingestellt hatte. Wo bis dahin nur eine größere Pfütze war, entstand durch Grund- und Regenwasser der Niederellenbacher See. Schon bevor die Gemeinde das 13,5 Hektar große Gelände kaufte, wurde diskutiert, wie es einmal aussehen solle. Neben der nun erfolgten Renaturierung des Steinbruchs stand auch zur Debatte, dort ein Biotop entstehen zu lassen, das für Menschen nicht zugänglich ist – laut Bürgermeister Georg Lüdtke wäre etwa eine hohe Schwarzdornhecke rund um den See denkbar gewesen. Die Jagdgenossenschaft Niederellenbach protestierte jedoch, dort wollte man laut Lüdtke keine Verminderung der Jagdfläche. So wurde aus dem Gebiet ein frei zugänglicher Naturraum, den auch Menschen nutzen können. Vor ungefähr 13 Jahren wurde der See zum Geheimtipp unter den Schülern der Landesfinanzschule. „Die kamen noch vor den Einheimischen hierher“, sagt der Bürgermeister. Über Mund-zu-Mund-Propaganda und Fotos im Internet wurde der Niederellenbacher See schnell bekannt. Bei Facebook, Instagram und Google gibt es zahlreiche Bilder – von sonnenbadenden Menschen in herrlich idyllischer Landschaft. Und jeder Menge Müll.

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