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Ukrainerinnen in Alheim - ein Leben zwischen Angst und Hoffnung

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Sina Elsässer (links) von der Flüchtlingshilfe Alheim ist eine der zahlreichen Ehrenamtlichen, die Geflüchtete wie Iryna Venokurova bei der Eingewöhnung in Deutschland unterstützen.
Sina Elsässer (links) von der Flüchtlingshilfe Alheim ist eine der zahlreichen Ehrenamtlichen, die Geflüchtete wie Iryna Venokurova bei der Eingewöhnung in Deutschland unterstützen. © Johanna Leinweber

Zwei Ukrainerinnen berichten von ihren ersten schweren Monaten in Alheim, ihren Ängsten und Hoffnungen, und ihrem Wunsch im sozialen und medizinischen Bereich tätig zu werden.

Alheim – Sie sind vor dem Krieg geflohen, haben ihre Heimat verlassen und bauen sich in Alheim nun ein Zuhause auf: Für die Familien von Yana Mariichenko und Iryna Venokurova waren die vergangenen Monate seit dem Beginn des Angriffskrieges in der Ukraine eine gravierende Zäsur in ihrem Leben. Sie gehören zu zwei der rund 200 Familien, die seit ihrer Flucht von der Flüchtlingshilfe Alheim und dem Ukrainehilfe- und Kulturverein Bad Hersfeld-Rotenburg betreut werden. Nun möchten sie selbst im sozialen und medizinischen Bereich tätig werden.

Anfangs war daran erst mal nicht zu denken. „Die ersten Monate hier waren unfassbar schwer“, erklärt die 33-jährige Yana Mariichenko, die mit ihrem achtjährigen Sohn und ihrer Mutter in Alheim untergekommen ist, auf Englisch. Wenn sie damit nicht weiterkommt, hilft Sina Elsässer (44) von der Flüchtlingshilfe bei der Übersetzung. Die anfänglichen Gefühle der Verlorenheit und Perspektivlosigkeit, die durch die auch weiterhin vorhandene Sprachbarriere verstärkt wurden, waren für sie unerträglich. Die Männer der Familie zurücklassen zu müssen – das sorgte zudem für ein Gefühl von Machtlosigkeit. Bei jedem Aufheulen der Sirenen in der Ukraine bekam sie hier in Deutschland eine Nachricht auf ihrem Handy, weshalb sie anfangs nicht zum Schlafen gekommen sei.

Yana Mariichenko möchte eine Ausbildung zur Medizinischen Fachangestellten beginnen. Derzeit ist sie in der Asklepios-Praxis in Heinebach Praktikantin.
Yana Mariichenko möchte eine Ausbildung zur Medizinischen Fachangestellten beginnen. Derzeit ist sie in der Asklepios-Praxis in Heinebach Praktikantin. © Johanna Leinweber

Die Angst, Familienmitglieder zu verlieren und die Sorge, dass der Mann zum Militärdienst muss, ist immer noch präsent. Die Abwesenheit der Väter macht besonders den Kindern zu schaffen, deren Sicherheit an oberster Stelle steht, sagt die 42-jährige vierfache Mutter Iryna Venokurova. In der Ukraine wusste sie nicht einmal, ob es ein Morgen gibt. Umso glücklicher ist sie, dass sie sich nun hier eingelebt haben. Seit Beginn des neuen Schuljahres am Montag können die Kinder auch die Schule besuchen.

Kleinigkeiten wie Mülltrennung

Die beiden Ukrainerinnen erzählen, dass die Gewöhnung an das deutsche Gesetz und die vorherrschende Ordnung schwierig gewesen ist. Da geht es auch um vermeintliche Kleinigkeiten wie Mülltrennung und Pfand-rückgabe. Doch mittlerweile gehört diese Ordnung zu den Dingen, die die beiden Ukrainerinnen an Deutschland besonders schätzen. Besonders dankbar sind sie aber vor allem für die liebevolle Aufnahme durch die Menschen in Deutschland. Beide wüssten nicht, wie sie den schweren Weg ohne diese herzliche Hilfe durchstehen sollten. „Wir wollen uns bei allen bedanken, die für uns da sind“, sagen sie.

„Gutes Arbeitsklima“

Durch die Fürsorge der Flüchtlingshilfe und der Menschen in Deutschland blicken Yana Mariichenko und Iryna Venokurova wieder hoffnungsvoll in die Zukunft. Mariichenko hat nun seit Juni einen Praktikumsplatz in der Arztpraxis Asklepios MVZ Heinebach, in der sie sich sehr wohl fühlt. Das Arbeitsklima gefalle ihr sehr und vor allem schätze sie den rücksichtsvollen Umgang. Sie erzählt, dass ihr Mann in der Ukraine Arzt ist – einen Bezug zu medizinischen Themen hat sie also schon. „Ich freue mich vor allem darüber, dass ich dabei viel Umgang mit Menschen habe und helfe. So kann ich etwas zurückgeben“, sagt sie. Nun hofft die 33-Jährige, dort auch eine Ausbildung als medizinische Fachangestellte machen zu können, und hat dafür bereits das Einverständnis der Praxis. Ankommen wird es dabei nun noch auf die Behörden.

Auch Venokurova, die in der Ukraine zunächst im juristischen Bereich tätig war, sich aber auch dort im sozialen Bereich engagierte, hofft darauf, bald eigenes Geld verdienen zu können. Sie möchte mit beeinträchtigten Kindern arbeiten.

Notfalls von ganz unten anfangen

Die beiden Frauen wollen Jobs im sozialen und im medizinischen Bereich – dort gibt es bekanntlich Bedarf. „Die Ukrainerinnen möchten arbeiten“, beteuert Sina Elsässer und erklärt, dass viele sogar dafür wieder von ganz unten anfangen würden. „Die Garantie einer guten Zukunft für ihre Kinder stellen sie dabei an die erste Stelle.“ Damit das aber geschehen kann, brauche es Unterstützung und sie sei deshalb unter anderem dankbar für die Hilfe des Jobcenters und alle anderen Stellen, die dabei behilflich seien. Wichtig ist dabei auch die Betreuung in Kitas – nur so können auch die Mütter von jüngeren Kindern arbeiten. Außerdem brauche man viel mehr Sprachkurse, betont Sina Elsässer. Möglichst gutes Deutsch sei natürlich eine weitere Grundlage für die Integration in den Arbeitsmarkt. Yana Mariichenko und Iryna Venokurova verstehen schon Einiges, haben aber noch keinen Kurs gemacht. „Der Bedarf ist weiterhin sehr groß“, sagt Sina Elsässer.

Regelmäßige Treffen als Angebot

Bei der Eingewöhnung in Deutschland brauchen die Geflüchteten Hilfe. Die bekommen sie unter anderem bei der Flüchtlingshilfe Alheim. Sina Elsässer berichtet, dass es viel Zeit bedürfe, es den ukrainischen Familien so angenehm wie möglich zu machen.

Dabei ist die Flüchtlingshilfe besonders beim Ausfüllen deutscher Unterlagen und der dazu notwendigen Übersetzung gefragt. Zusätzliche Aktionen, Ausflüge oder Kurse sind weiterhin im Programm. Im Heinebacher Haus der Generationen werden beispielsweise regelmäßige Treffen veranstaltet, bei denen man bei Kaffee und Kuchen zusammenkommt und so einen Austausch ermöglicht. „Das ist ein 24-Stunden-Job“, sagt Elsässer, die hauptberuflich beim Klinikum Bad Hersfeld-Rotenburg angestellt ist und derzeit im HKZ arbeitet.

Kontakt: Flüchtlingshilfe Alheim Tel. 0174/98 30 60 6, Ukraine Hilfe- und Kulturverein 0 66 23/91 57 44 7, ukrainevereinrofhef@gmail.com

(Johanna Leinweber)

Zu den Personen

Yana Mariichenko (33) ist nach ihrer Flucht seit Ende März zusammen mit ihrer Mutter und ihrem Sohn (8 Jahre) zuerst in der Rotenburger Jugendherberge untergekommen und lebt nun in Heinebach. In der Ukraine wohnte sie mit ihrem Mann und ihrem Sohn in der Stadt Dnipro. Sie hat einen Abschluss als Finanzbeamtin und Ökonomin und absolviert seit Juni ein Praktikum in der Arztpraxis Asklepios MVZ Heinebach, wo sie auch die Ausbildung machen möchte.

Iryna Venokurova (42) kam nach ihrer Flucht Ende Juli zusammen mit ihrer Mutter und ihren vier Kindern (10, 10, 9 und 8 Jahre) in Niedergude unter. In der Ukraine lebte sie in Kiew, wo sie Jura studierte, anschließend promovierte und als Dozentin an der Universität arbeitete. Sie war außerdem als Projektleiterin im Bereich der Modernisierung von Unternehmen tätig und wechselte dann zum Jugendamt. In Deutschland möchte sie gerne im sozialen Bereich arbeiten.

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