Arbeitslosenquote sinkt auf 3,7 Prozent

„Als gäbe es kein Corona“: Arbeitsmarkt in Hersfeld-Rotenburg ist der stabilste in Hessen

Waldhessen im Höhenflug: Spitzenwerte hatten Waldemar Dombrowski und Christina Fink-Zitzmann – hier auf dem Dach der Agentur für Arbeit in Bad Hersfeld – zum Pressegespräch mitgebracht.
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Waldhessen im Höhenflug: Spitzenwerte hatten Waldemar Dombrowski und Christina Fink-Zitzmann – hier auf dem Dach der Agentur für Arbeit in Bad Hersfeld – zum Pressegespräch mitgebracht.

Der Arbeitsmarkt in Hersfeld-Rotenburg erreicht im hessenweiten Vergleich Spitzenwerte. Grund dafür ist laut Agenturchef Dombrowski auch die Struktur der Wirtschaft im Kreis.

Hersfeld-Rotenburg - Die Frühjahrsbelebung, die Corona-Lockerungen, das Arbeitsmarktinstrument Kurzarbeit und die besondere Struktur der Wirtschaftsbranchen sind die Gründe dafür, dass der Arbeitsmarkt im Landkreis Hersfeld-Rotenburg der stabilste in ganz Hessen ist. Dieses Fazit zog Waldemar Dombrowski, Leiter der Agentur für Arbeit Bad Hersfeld-Fulda, in seinem Halbjahres-Bericht, den er am Mittwoch in der Agentur für Arbeit in Bad Hersfeld vorstellte.

Wenn ich jetzt aus dem Koma aufwachen würde und nichts von der Pandemie mitbekommen hätte, dann würde ich anhand der Arbeitslosenzahl-Entwicklung im Landkreis nicht erkennen können, dass es Corona gibt.“

Waldemar Dombrowski, Leiter der Agentur für Arbeit Bad Hersfeld-Fulda

Im Vergleich zum letzten „Vor-Corona-Juni“ 2019 hat sich die Zahl der Arbeitslosen im Landkreis gerade einmal um 2,2 Prozent erhöht. Im Vergleich zum Juni 2020 ist sie sogar um 13,8 Prozent gesunken. Verglichen mit dem Landkreis Fulda, wo die Zahl der Arbeitslosen gegenüber Juni 2019 um satte 17,3 Prozent angestiegen ist, sind das Spitzenwerte. „Wenn ich jetzt aus dem Koma aufwachen würde und nichts von der Pandemie mitbekommen hätte, dann würde ich anhand der Arbeitslosenzahl-Entwicklung im Landkreis nicht erkennen können, dass es Corona gibt“, sagt Dombrowski. Das fände man so in ganz Hessen nicht.

Insbesondere jüngere Menschen profitieren

Von der positiven Entwicklung gegenüber dem Vorjahr hätten im Landkreis Hersfeld-Rotenburg erfreulicherweise nahezu alle Personengruppen profitiert – insbesondere jüngere Menschen. Bei den unter 25-Jährigen sank die Arbeitslosigkeit binnen Jahresfrist um 28,3 Prozent auf 223. Mit einem Minus von 16,6 Prozent auf 581 fiel auch der Rückgang bei Arbeitslosen ohne deutschen Pass überproportional hoch aus. Auch das liege an der Struktur der Wirtschaftsbetriebe im Kreis, die mit vielen Logistikern, Speditionen und Lagerarbeitsplätzen einfach mehr Stellen für diesen Personenkreis böten.

Arbeitslosenquote sinkt im Juni auf 3,7 Prozent

Die Frühjahrsbelebung und die Corona-Lockerungen haben die Arbeitslosigkeit weiter sinken lassen. Zum Ende des Monats sind im Landkreis Hersfeld-Rotenburg 2379 Personen arbeitslos gemeldet. Dies sind 2,2 Prozent weniger als im Mai. Zugleich verringerte sich der Abstand zum Vorjahresmonat weiter (Minus 18,8 Prozent). Die Arbeitslosenquote sank auf 3,7 Prozent (Vormonat: 3,8 Prozent; Vorjahr: 4,3 Prozent) und liegt weit unter dem Hessendurchschnitt (5,1 Prozent).

Sorgen bereitet dem Agenturchef die während der Pandemie gestiegene Langzeitarbeitslosigkeit. Sie liegt mit 906 um fast ein Fünftel über dem Vorjahresniveau. Im Vergleich mit dem Juni 2019 sei dies allerdings relativ zu sehen. „Sie liegt im Landkreis gerade mal 4,7 Prozent höher – im Landkreis Fulda liegt dieser Wert bei plus 60,4 Prozent“, sagte Dombrowski.

Die verbesserte Konjunktursituation wirkt sich im Landkreis Hersfeld-Rotenburg sowohl auf den Bereich der Agentur für Arbeit, wo die Arbeitslosigkeit im Vergleich zum Vorjahr um 21,2 Prozent auf 951 Personen sank, als auch auf den Bereich der Grundsicherung aus. Die Zahl der beim Jobcenter des Landkreises registrierten Arbeitslosen ging binnen Jahresfrist um acht Prozent auf 1428 zurück.

Die Arbeitslosenquote in Hersfeld-Rotenburg und den Nachbarlandkreisen. Mit einem Klick auf die Pfeile oben rechts öffnet sich die gesamte Grafik.

Die sich stabilisierende Verfassung des Arbeitsmarktes wird durch die Zugangszahlen in Arbeitslosigkeit belegt. So meldeten sich mit 177 Personen im Juni 16 Prozent weniger aus einer Beschäftigung arbeitslos, als im Mai. Im Vergleich zum Vorjahresmonat betrug die Differenz knapp zwölf Prozent. Im Vergleich zum „Vor-Corona-Juni“ 2019 hat sie sich um 2,2 Prozent erhöht.

Auffällig großer Unterschied zwischen Männern und Frauen

Auffällig dabei ist der große Unterschied zwischen Männern und Frauen. Während bei den Männern die Arbeitslosigkeit um 4,7 Prozent anstieg, sank sie bei den Frauen sogar um knapp ein Prozent. „Hintergrund ist, dass durch Corona viele Pflege- und Sozialberufe sehr starken Personalbedarf hatten und es im Einzelhandel – durch das Kurzarbeitergeld gestützt – kaum Entlassungen gab“, erklärt Christina Fink-Zitzmann, Teamleiterin für arbeitnehmerorientierte Vermittlung bei der Agentur für Arbeit Hersfeld-Fulda. Hinzu kämen jetzt noch die Lockdown-Erleichterungen, die den Handel positiv belebten. Allesamt typische Bereiche, in denen überwiegend Frauen beschäftigt seien.

Besonders freue sie auch, dass es gelungen sei, die schon als „Corona-Generation“ bezeichnete Gruppe der unter 25-Jährigen sehr gut zu vermitteln (28,3 Prozent weniger Arbeitslose als im Juni 2020). „Hätte das jemand mit mir gewettet, hätte ich noch im Januar / Februar zu ihm gesagt: träum’ weiter“, sagt der Leiter der Agentur für Arbeit Hersfeld-Fulda, Waldemar Dombrowski. Die Entwicklung im Landkreis sei „wirklich, wirklich super gelaufen angesichts der größten Krise, die wir je hatten“.

Hätte das jemand mit mir gewettet, hätte ich noch im Januar / Februar zu ihm gesagt: träum’ weiter.“

Agenturchef Waldemar Dombrowski

Das zeige sich auch auf der anderen Seite der Medaille – dem Angebot an Stellen: Der Arbeitgeberservice der Agentur in Bad Hersfeld hat im Juni 406 Stellen akquiriert. „Das waren 130 mehr als im Mai und fast doppelt so viele wie im Vorjahresmonat – auch wenn Corona noch nicht bewältigt ist, so nimmt die wirtschaftliche Entwicklung zunehmend Fahrt auf“, sagt Dombrowski. Derzeit lägen der Arbeitsagentur im Landkreis insgesamt 1282 Stellen zur Besetzung vor.

  • Das sind die überregionalen Zahlen:
  • Deutschland: Juni 2021: 2,614 Millionen Arbeitslose, minus 73 000 gegenüber Mai 2021. Quoten: 5,7 % gegenüber 5,9 % im Mai 2021 und 6,2 % im Juni 2020.
  • Hessen: Juni 2021: 177 682 Arbeitslose, minus 4300 gegenüber Mai 2021. Quoten: 5,1 % gegenüber 5,3 % im Mai 2021 und 5,7 % im Juni 2020.

Kurzarbeit haben im Juni lediglich neun Betriebe im Landkreis angemeldet. Seit Mitte März vergangenen Jahres haben insgesamt 1606 Betriebe für 17 442 Beschäftigte Kurzarbeit angezeigt.

Der Stellenzuwachs im Landkreis liege für das erste Halbjahr bei 20 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. „Das ist ein gutes Signal – die Menschen, die Arbeit suchen, haben viele Möglichkeiten – da tut sich was, da ist Licht am Ende des Tunnels – wir hatten im Landkreis Ende 2020 mehr Beschäftigte, als Ende 2018 – das ist Stabilität und eine sehr gute Halbzeitbilanz“, sagt der Arbeitsagenturchef. Damit habe der Arbeitsmarkt im Landkreis auch für das zweite Halbjahr 2021 gute Voraussetzungen „hoffentlich ohne zu starke Auswirkungen der Corona-Deltavariante.“

Von Peter Gottbehüt

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