22 Lispenhäuser erlebten den Guß der neuen Glocke für den Friedhof

Andächtig vor der Glut

Aufmerksam lauschen die Lispenhäuser dem Fachmann fürs Glockengießen. Bevor sie die Firma Rincker aufsuchten, hatten sie das Deutsche Glockenmuseum auf Burg Greifenstein besichtigt. Fotos: Schaake

SINN/LISPENHAUSEN. Die Bronze – 78 Prozent Kupfer und 22 Prozent Zinn – brodelt im großen Ofen. Der macht einen ohrenbetäubenden Lärm. Die Besucher warten gespannt.

„Frisch gemauert in der Erden, steht die Form aus Lehm gebrannt.“ So, wie es Friedrich Schiller in der berühmten „Glocke“ beschreibt, erleben es die Gießerei-Besucher. Der Ofen wird jedoch nicht mit Holz vom Fichtenstamme angefeuert, sondern mit Gas.

„Jetzt Gesellen, frisch, prüft mir das Gemisch. Ob das Spröde mit dem Weichen, sich vereint zum guten Zeichen. Wohl! Nun kann der Guß beginnen, schön gezacket ist der Bruch, doch bevor wir‘s lassen rinnen, betet einen frommen Spruch.“

Es wird still in der Halle des 1590 gegründeten Unternehmens, das bisher 19 887 Glocken gegossen hat. Pfarrer Alexander Riedel und alle anderen beten: „Dreieiniger Gott! Wir stehen vor Dir voller Spannung und Vorfreude. Du hast uns bewegt und wir haben uns in Bewegung setzen lassen. Viele haben mit Engagement und Einfallsreichtum dazu beigetragen, dass heute die Glocke gegossen wird, durch die das Geläut von Lispenhausen vollständig erklingen und den Menschen Trost und Hilfe werden kann. Die Glocke möge ein Zeichen der Gemeinschaft unseres Dorfes und des Vertrauens auf Dich werden.“

„Dann wollen wir in Gottes Namen gießen“, sagt Gießereichef Hanns Martin Rincker (50), der das Unternehmen mit seinem Bruder in der 13. Generation leitet. Es ist ein einmaliges Erlebnis, wenn das rot glühende, brodelnde Erz wie ein Lavastrom in der Form im Untergrund verschwindet. Beim Glockenguss muss absolute Ruhe herrschen, damit die Gießer hören, wenn die Form voll ist.

Die Glockenspeise zischt wie ein zäher Brei. Sie speit Feuer und Flamme. Funken stieben. Mit der Lava entweicht Qualm. Die Männer, die den Bronze-Strom regulieren, gießen Musikinstrumente zu Ehren Gottes. Immer freitags, dem Sterbetag Jesu Christi.

Bierchen verdient

„Vom Guß her gut gelungen“, sagt Rincker nach ein paar Minuten. Und ruft den Gießern zu: „Ihr habt Euch Euer Bierchen verdient.“ Doch für die Gießer bleibt noch viel Arbeit. „Schwingt den Hammer, schwingt, bis der Mantel springt. Wenn die Glock´ soll auferstehn, muss die Form in Stücke gehn“, beschreibt Schiller das Herausnehmen aus der Form. Erst dann – in dieser Woche – steht fest, ob der Guß auch von Klang her gelungen ist.

„Bronze hält ewig, ist fast unzerstörbar“, sagt Rincker: „Ich wünsche, dass Glocken nie wieder zu Kriegszwecken abgehängt werden.“ Schiller wünschte: „Freude dieser Stadt bedeute, Friede sei ihr erst‘ Geläute.“

Von Manfred Schaake

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