Bergbaualtlasten

Arsen in Richelsdorf: Weniger belastete Grundstücke können freiwillig saniert werden

Die kontaminierte Erde türmt sich auf der Halde hinter dem ehemaligen Betriebsgelände der Richelsdorfer Hütte. Dazu gehört der Boden vom Spielplatz, der bereits dorthin transportiert wurde. Auch die betroffenen privaten Grundstücksbesitzer können ihre Erde hierhin umlagern lassen. Der sehr große Haldenberg mit den Rückständen aus der Verhüttung und der Weißpigmentproduktion wird am Ende gerodet und komplett abgedeckt.
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Die kontaminierte Erde türmt sich auf der Halde hinter dem ehemaligen Betriebsgelände der Richelsdorfer Hütte. Dazu gehört der Boden vom Spielplatz, der bereits dorthin transportiert wurde. Auch die betroffenen privaten Grundstücksbesitzer können ihre Erde hierhin umlagern lassen. Der sehr große Haldenberg mit den Rückständen aus der Verhüttung und der Weißpigmentproduktion wird am Ende gerodet und komplett abgedeckt.

Richelsdorf ringt mit den Folgen des Betriebs der Richelsdorfer Hütte. Zurzeit wird viel mit Zahlen und Informationen jongliert. Wir haben nachgefragt, was tatsächlich Fakt ist. Und wie es weitergeht.

Richelsdorf – Bislang waren im Kampf mit den Bergbaualtlasten in Richelsdorf die Flächen der sogenannten Kategorie I im Blickpunkt, die besonders stark mit Arsen belastet sind. Dort liegt der Arsenanteil, der vom Körper aufgenommen wird – also die Resorptionsverfügbarkeit – bei 50 Milligramm und mehr pro Kilogramm Erde. Jetzt kommen die Flächen der Kategorie II in den Fokus, die etwas weniger belastet sind (25 bis 49 mg/kg). Das komplexe Thema und die unterschiedlichen Kategorien sorgen für Verwirrung in der Gemeinde Wildeck und bei den betroffenen Grundstückseigentümern. Wir haben beim Regierungspräsidium Kassel (RP) nachgehakt.

14 private Grundstücke sind so stark mit Arsen belastet, dass saniert werden muss

In Richelsdorf sind 14 private Grundstücke so stark mit Arsen belastet, dass sie saniert werden müssen. Betroffen ist eine Fläche von insgesamt 5863 Quadratmetern. Diese Flächen gehören zur Kategorie I. Die giftige Fracht stammt aus dem Bergbau der Richelsdorfer Hütte, der vor über 50 Jahren eingestellt worden ist, und war über den Bach Weihe vom Betriebsgelände in das Dorf gespült worden – wir berichteten.

Die Betroffenen wurden Mitte Mai über das Ergebnis des rechtshistorischen Gutachtens und das weitere Vorgehen informiert. Die ausführliche und informative Präsentation des Regierungspräsidiums an diesem Termin hat die Gemeinde Wildeck auf ihrer Internetseite wildeck-hessen.de unter „Aktuelles“ veröffentlicht.

Die betroffenen Eigentümer haben bis zum 30. September Zeit, das Angebot des RP anzunehmen, einen gemeinsamen Sanierungsplan aufstellen zu lassen, der auch Schutz- und Beschränkungsmaßnahmen enthalten kann. Bislang gab es von vier Betroffenen noch keine Rückmeldung. Die anderen haben zugestimmt. „Wir bleiben bei unserer Zusage, uns in jedem Einzelfall um zumutbare Lösungen zu bemühen“, betont das RP.

Sanierung mit der Schubkarre? Kategorie II kann Boden freiwillig austauschen

Unter die sogenannte Kategorie II fallen insgesamt 22 weitere Grundstücke mit einer Fläche von insgesamt etwa 9000 Quadratmetern. Sie sind weniger stark mit Arsen belastet. Bislang standen die Grundstücke der Kategorie I im Mittelpunkt der Untersuchungen. Jetzt rücken die Flächen der Kategorie II in den Blickpunkt. „Eine Sanierung dieser Flächen der Kategorie II ist nicht erforderlich“, betont das Regierungspräsidium Kassel. Auf die Eigentümer dieser Flächen kommen keinerlei Kosten zu. Es sei denn, sie nutzen das Angebot des Landes, ihren Boden auf freiwilliger Basis austauschen zu lassen.

Arbeitshilfe soll für bundeseinheitliche Regeln sorgen

Grund dafür, dass auch die Kategorie II genauer untersucht wird, ist die von der Bund/Länder-Arbeitsgemeinschaft Bodenschutz (LABO) erarbeitete Arbeitshilfe für die Untersuchung von Böden und Grundwasser. Sie gilt seit September 2020 auch in Hessen und soll für ein bundeseinheitliches Vorgehen sorgen.

Die Arbeitshilfe sieht vor, dass nicht nur die aktuelle Nutzung eines Standorts zu betrachten ist, sondern auch die sensibelste planungsrechtlich zulässige Nutzung. Für Hausgärten wäre demnach grundsätzlich anzunehmen, dass intensives Kinderspiel stattfinden kann und der Hausgarten somit als Kinderspielfläche mit einem Prüfwert von 25 mg/kg Arsen und nicht als Wohngebiet (Prüfwert 50 mg/kg) zu bewerten wäre.

Für Richelsdorf hat das nach Angaben des RP allerdings keine Folgen. In den betroffenen Wohngärten dort könne man zwar intensives Kinderspiel nicht ausschließen, die Erde sei aber auf keiner Fläche offen zugänglich. Eine Einstufung der Flächen im Wohngebiet und der Nutzgärten als Kinderspielfläche sei deshalb aktuell nicht erforderlich. Bedingung sei allerdings, dass die vorhandene Rasenfläche dauerhaft erhalten bleibe oder durch andere entsprechende Sicherungsmaßnahmen ersetzt werde. Eigentümer der Grundstücke der Kategorie II müssen sich dann in einem öffentlich-rechtlichen Vertrag festlegen, dauerhaft für die Sicherung zu sorgen – zum Beispiel durch eine geschlossene Vegetationsdecke wie Bodendecker, Steinschüttung, Kunstrasen oder Gummimatten. Auch Teilflächen auf Grundstücken der Kategorie I sind davon betroffen.

Auf vier dieser Grundstücke wurde schon untersucht, wie groß die Resorptionsverfügbarkeit des Arsens ist. Dort liegt der resorptionsverfügbare Anteil bei 25 bis 49 mg/kg. Bei 18 weiteren Grundstücken – 17 privaten und einem Gemeindegrundstück – hat das RP den Eigentümern angeboten, ebenfalls die Verfügbarkeit zu untersuchen. Nach Angaben des RP kann es sein, dass es sich dabei herausstellt, dass die Werte geringer sind und die Flächen aus der Kategorie II herausfallen, und sie damit nicht mehr dauerhaft gesichert werden müssen. Das sei eine Chance, betont das RP. Sehr unwahrscheinlich, aber nicht auszuschließen, sei, dass die Werte höher sind, und die Flächen in die Kategorie I rutschen.

Die Resorptionsverfügbarkeit gibt an, welcher Anteil der Schadstoffe maximal vom Körper aufgenommen werden könnte. Beim Verschlucken von Bodenpartikeln wird lediglich ein Teil des darin enthaltenen Arsens resorbiert und biologisch wirksam. Das Regierungspräsidium hat auch diesen beiden Gruppen von Grundstücksbesitzern Informationstermine angeboten – und zwar Mitte Juni.

Nach Angaben von Bürgermeister Alexander Wirth haben sich bereits einige der Grundstücksbesitzer der Kategorie II entschieden, ihre Grundstücke sanieren zu lassen – auch wenn sie das nicht müssten.

Das kostet die Grundstückssanierung

14 private Grundstücke mit einer Fläche von insgesamt 5863 Quadratmetern müssen in Richelsdorf saniert werden. Das Regierungspräsidium empfiehlt dringend den Austausch des Bodens. Denkbar sind aber auch andere Varianten. Das Land hat die Kosten geschätzt – anhand von aktuellen Ausschreibungsergebnissen:

  • Der Bodenaustausch: Kosten von 60 bis 80 Euro pro Quadratmeter. Dazu gehören die Einrichtung der Baustelle, die Vorbereitung der Erdarbeiten, der Transport und der Boden zum Auffüllen, das Auffüllen selbst und auch der Landschaftsbau. Das entspricht dem Sanierungsplan der Gemeindegrundstücke. Zu der genannten Summe von 60 bis 80 Euro/m² kommt das Land so: Die Kosten werden auf 100 Euro/m² geschätzt. Sie reduzieren sich um etwa 20 Euro/m² dadurch, dass sich das Land Hessen bereit erklärt hat, den Sanierungsplan für die Betroffenen erstellen zu lassen, die Container kostenlos bereitzustellen und zu transportieren und die Umlagerung auf die Halde zu bezahlen. Darüber hinaus hat die Gemeinde Wildeck signalisiert, dass der notwendige Austauschboden den Betroffenen kostenfrei zur Verfügung gestellt werden könnte, sodass sich die geschätzten Kosten um weitere 20 Euro/m² reduzieren würden. Unter Einhaltung des notwendigen Arbeitsschutzes wird es den Betroffenen außerdem ermöglicht, „in gewissem Umfang Eigenleistungen zu erbringen“. Diese „Ausführung in Eigenregie“ würde die Kosten ebenfalls weiter senken. Die Betroffenen können eine Spezialfirma beauftragen oder schippen die belastete Erde selbst in Schubkarren und kippen sie in die Container. Und auch das Wiederauffüllen übernehmen sie selbst. Bei kleinen Grundstücken ist das praktikabel, bei größeren nicht.
  • Der Staubschutz: Kosten von 45 bis 50 Euro/m² durch das Aufbringen von Rollrasen.
  • Maschendrahtzaun in einer Höhe von 1,25 Meter: 50 bis 60 Euro/m². Ein Zaun würde die Zugänglichkeit einschränken.
  • Verbund-Pflasterung: 100 bis 130 Euro/m².

Denkbar sind also die Sanierung (der Bodenaustausch), Schutz- und Beschränkungsmaßnahmen (zum Beispiel eine Umzäunung) oder Sicherungsmaßnahmen (zum Beispiel Pflasterung). Die Entscheidung, welche der möglichen Maßnahmen umgesetzt wird, liegt in der Verantwortung der Grundstückseigentümer. Die Maßnahmen müssen allerdings mit dem Regierungspräsidium Kassel abgestimmt und von ihm genehmigt werden. (René Dupont)

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