Weniger Grundstücke betroffen

Bergbau-Altlasten in Richelsdorf: Neue Testergebnisse zum Arsen-Gehalt im Boden

Der Bach Weihe in Richelsdorf: Er hat das giftige Arsen von der Richelsdorfer Hütte in den Wildecker Ortsteil gespült.
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Bergbau-Altlasten in Richelsdorf: Der Bach Weihe hat das giftige Arsen von der Richelsdorfer Hütte in den Wildecker Ortsteil gespült.

Nachuntersuchungen und neue bundeseinheitliche Vorgaben bei der Beurteilung haben zu einer geänderten Einschätzung der Gefahrensituation in Richelsdorf geführt.

Richelsdorf – Zurzeit geht das Regierungspräsidium (RP) Kassel davon aus, dass nicht mehr auf 18 privaten Wohn- und Gartengrundstücken entlang des Baches Weihe eine Sanierung wegen des zu hohen Arsen-Gehalts im Boden nötig ist, sondern nur noch auf 14 privaten Grundstücken. Insgesamt hat sich die Fläche um gut ein Drittel reduziert: von zunächst angenommenen 9200 Quadratmetern auf 5860 Quadratmeter.

Die giftige Fracht stammt aus dem Bergbau der Richelsdorfer Hütte, der vor über 50 Jahren eingestellt worden ist, und war über den Bach Weihe vom Betriebsgelände in das Dorf gespült worden. Die auf allen betroffenen Grundstücken in dem Wildecker Ortsteil vorgenommenen Nachuntersuchungen gingen weiter ins Detail.

Regierungspräsidium schlägt weiterhin Bodenaustausch vor

Welche Maßnahmen jetzt konkret auf den einzelnen Grundstücken erforderlich sind, um eine Gefährdung auf Dauer auszuschließen, steht noch nicht fest. „Diese Entscheidung obliegt grundsätzlich dem jeweiligen Eigentümer“, betont das Regierungspräsidium auf Anfrage unserer Zeitung. Die Behörde schlägt den Eigentümern aber weiterhin den Austausch des Bodens vor. Das sei die nachhaltigste Sanierung. Die Kosten dafür werden auf etwa 100 Euro pro Quadratmeter geschätzt.

Hintergrund: Rechtshistorisches Gutachten ist in Arbeit

In der Diskussion darüber, wer die Kosten für die Sanierung der Grundstücke zu tragen hat, lässt das Land die historischen Archive durchforsten. Inzwischen ist präzise herausgearbeitet worden, wer zu welchen Anteilen für die Schadstoffe im Boden verantwortlich ist: die Verhüttung von Kupferschiefer und Kobalt-Nickel-Arsenverbindungen sowie die Verarbeitung von Schwerspat zur Weißpigmentproduktion. „Dies war notwendig, um die Fragestellungen für das rechtshistorische Gutachten eindeutig zu formulieren“, heißt es beim Regierungspräsidium. Deshalb war das Gutachten zunächst noch nicht in Auftrag gegeben worden. Jetzt ist der Auftrag rausgegangen. Mit dem Ergebnis ist im Frühjahr 2021 zu rechnen. Das Thema Bergbau-Altlasten in Richelsdorf wird am Mittwoch, 28. Oktober, auch erneut den Umweltausschuss des Landtags beschäftigen.

Die Gesetze sehen die Eigentümer in der Pflicht, die zum Teil erheblichen Kosten zu übernehmen, betont das Land Hessen. Die betroffenen Eigentümer haben wiederholt vehement deutlich gemacht, dass sie das Land in der Verantwortung sehen, die Kosten zu übernehmen. Neben einem Austausch des Bodens sind auch eine Versiegelung der Oberflächen oder Beschränkungsmaßnahmen möglich.

Eine wichtige Rolle bei der Einschätzung der Gefährdung spielt auch die neue Arbeitshilfe der Länderarbeitsgemeinschaft Boden (Labo), die sich mit dem Thema befasst. Ziel der Arbeitshilfe ist ein bundeseinheitliches Vorgehen in solchen Situationen. In Hessen wurde sie am 3. September 2020 eingeführt.

Konkrete Folgen für die Eigentümer sind noch unklar

Nach dem neuesten Stand müssen in Richelsdorf 14 private Grundstücke saniert werden, weil der Boden dort zu hohe Arsenwerte aufweist. Doch bis endgültig klar ist, welche Forderungen auf die einzelnen Eigentümer zukommen, brauchen die Richelsdorfer noch Geduld. Dazu die wichtigsten Fragen und Antworten.

Was haben die Nachuntersuchungen ergeben?
Die Proben und chemischen Analysen sind ausgewertet. 14 Grundstücke müssen saniert werden. Bei den Untersuchungen ging es darum, den Gehalt an Arsen im oberflächlichen Bereich des Bodens festzustellen. Geprüft wurde auch, wie hoch in jedem Einzelfall die Resorptionsverfügbarkeit ist. Sie gibt an, welcher Anteil der Schadstoffe maximal vom Körper aufgenommen werden könnte. Beim Verschlucken von Bodenpartikeln wird nur ein Teil des darin enthaltenen Arsens aufgenommen und biologisch wirksam.
Sind die betroffenen Eigentümer über die Ergebnisse der Nachuntersuchungen bereits informiert?
Die Eigentümer sind über die Ergebnisse informiert. Die Zahlen und Werte liegen ihnen vor. Was diese für sie bedeuten, wissen sie aber noch nicht. Anhand der neuen Erkenntnisse wird das Regierungspräsidium jetzt jeden Einzelfall bewerten. Dabei müssen unter anderem folgende Fragen geklärt werden: Wie zugänglich ist der Boden? Wie werden die Wohngebiete einschließlich Haus- und Kleingärten aktuell genutzt?
Wie sieht die sensibelste planungsrechtlich zulässige Nutzung (Kinderspielfläche) aus?
Diese Bewertung des Handlungsbedarfs für jeden Einzelfall soll im Frühjahr 2021 abgeschlossen sein. Wenn diese abschließende Beurteilung fertig ist, werden die Eigentümer über die Beurteilung und die Folgen für sie informiert. Dann wird das Regierungspräsidium mit ihnen die Frage klären, wie die bestehende Gefahr für Menschen – auch durch Aufnahme betroffener Nutzpflanzen – auf Dauer abgewehrt werden kann. Das teilte Pressesprecherin Katrin Walmanns auf Anfrage mit.
Was besagen die neuen Vorgaben der Länderarbeitsgemeinschaft Boden?
In der Arbeitshilfe der Länderarbeitsgemeinschaft Boden (Labo) geht es unter anderem um die Frage, wie zugänglich der Boden ist (Expositionsabschätzung). Sie wurde von der Umweltministerkonferenz beschlossen und in Hessen am 3. September 2020 eingeführt. Die Arbeitshilfe hat das Ziel, ein bundeseinheitliches Vorgehen bei der Expositionsabschätzung im Rahmen solcher Untersuchungen einzuführen. „Die Arbeitshilfe sieht vor, nicht nur die aktuelle Nutzung, sondern auch die sensibelste planungs-rechtlich zulässige Nutzung eines Standortes zu betrachten“, berichtet die Sprecherin des Regierungspräsidiums.
Für Hausgärten wäre demnach grundsätzlich anzunehmen, dass intensives Kinderspiel stattfinden kann und der Hausgarten somit als Kinderspielfläche und nicht als Wohngebiet zu bewerten wäre. Allerdings wird die Schadstoffaufnahme aus dem Boden neben der tatsächlichen oder möglichen Nutzung vor allem durch die Gestaltung der Fläche bestimmt.
Die Arbeitshilfe betont, dass Kinder vor allem bei offenen Böden gefährdet sind. Bei einer geschlossenen Grasnarbe geht die Arbeitshilfe bereits von einer fünffach niedrigeren Bodenaufnahme aus.
„Auf Grundlage der intensiven Untersuchung der Situation in Richelsdorf wird die pauschale Bewertung der Flächen im Wohngebiet und den Nutzgärten als Kinderspielfläche für nicht erforderlich gehalten, wenn beispielsweise eine vorhandene, geschlossene Vegetationsdecke dauerhaft erhalten bleibt oder andere entsprechende beständige Sicherungsmaßnahmen vorgesehen werden“, heißt es beim Regierungspräsidium.
Was bedeuten die neuen Vorgaben und Erkenntnisse für die betroffenen Flächen der Gemeinde Wildeck?
Die Fläche der Gemeinde mit dem Kinderspielplatz wurde bereits als „Kinderspielfläche“ bewertet. Die drei weiteren Flächen – Minigolfplatz, Backhaus und Wohnhaus – sind bisher als Wohngebiet oder Freizeitanlage bewertet worden. Da für alle öffentlichen Flächen ein genehmigter Sanierungsplan mit Bodenaustausch vorliegt, werden die Vorgaben der Labo-Arbeitshilfe für die planungsrechtlich sensibelste Nutzung als Kinderspielfläche für alle Flächen der Gemeinde in vollem Umfang erfüllt.
Wurden bei den neuen Untersuchungen auch Altlasten anderer Art entdeckt?
Punktuell wurden auch die Schwermetalle Zink und Cadmium im Boden gefunden. Die Werte waren allerdings so gering, dass sie keinerlei Gefahr für die Menschen darstellen.

Von René Dupont

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