Austausch mit betroffener Gemeinde in Bayern

Arsenbelastung: Wildecker Ortsteil Richelsdorf kämpft weiter

Richelsdorf wird keine Ruhe geben: Bei einer Demonstration Mitte Juli gingen 250 Bürger auf die Straße und machten ihrem Unmut gegenüber dem Land Hessen Luft.
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Richelsdorf wird keine Ruhe geben: Bei einer Demonstration Mitte Juli gingen 250 Bürger auf die Straße und machten ihrem Unmut gegenüber dem Land Hessen Luft.

Es gibt Kommunen, die trifft es noch viel härter als das arsengeplagte Richelsdorf. Die Bürgerinitiative des Wildecker Ortsteils will von ihnen lernen - und fährt dazu nach Bayern.

Wildeck/Schonungen – Der 3000-Einwohner-Ort Schonungen bei Schweinfurt in Bayern gehört zweifellos zu den Kommunen, die es noch härter getroffen hat als Richelsdorf. 16 Jahre hat das Drama dort seinen Lauf genommen. 2015 war die Sanierung abgeschlossen. Unglaubliche 20 Meter an Akten haben sich dazu im Archiv der Gemeinde angesammelt. 50 Millionen Euro kostete die Sanierung und Wiederherstellung der Flächen und Gebäude in Schonungen.

Am morgigen Samstag wird eine Delegation der Richelsdorfer Bürgerinitiative „Arsen“ in einen Kleinbus steigen und nach Bayern fahren. Dabei geht es nicht um einen gemütlichen Ausflug, sondern um den Austausch äußerst wichtiger Informationen. In Schonungen musste ein komplettes Wohngebiet entgiftet werden, das auf dem Gelände einer ehemaligen Chemiefabrik entstanden war.

Auf die Idee, sich mit den Leidensgenossen auszutauschen, ist Dr. Kurt Schreiner gekommen, der Gemeindevertreter in Wildeck ist und Mitglied der Bürgerinitiative in Richelsdorf. Das Dorf ringt mit den Altlasten aus dem Betrieb der Richelsdorfer Hütte. Das Land Hessen hat seit 1991 schon etwa zehn Millionen Euro ausgegeben für die Sicherung der Bergbau-Altlasten und die Untersuchung der Folgen. Die Gemeinde Wildeck hat das Umweltdesaster bisher etwa 750 000 Euro gekostet.

Bürgerinitiative hat es geschafft, „das Land in die Pflicht zu nehmen“

„Noch müssen aber betroffene Richelsdorfer Bürger – gerade mit größeren Grundstücken – davon ausgehen, dass nicht zu leistende finanzielle Forderungen bei der Sanierung auf sie zukommen“, sagt Schreiner. Die genauen Kosten stehen noch nicht fest. Zurzeit werden die letzten Untersuchungen ausgewertet. Die Ergebnisse werden im Oktober erwartet. „Erschwerend kommt hinzu, dass das Land Hessen extremen Druck aufbaut und die Deponie für belastete Erde nur bis 2023 offen halten will“, betont Dr. Kurt Schreiner.

Auch das Land Bayern sei im Fall Schonungen zunächst sehr zurückhaltend gewesen, was die Finanzierung angeht. „Die Bürgerinitiative dort hat es aber geschafft, das Land in die Pflicht zu nehmen“, sagt Schreiner. Deshalb fahre die Richelsdorfer Initiative nach Schonungen zum Gedankenaustausch. Dabei sein wird auch der Vorsitzende der Richelsdorfer Initiative, Dirk Köhler.

In Schonungen mussten 210 Tonnen Arsen entsorgt werden

In Schonungen musste ein komplettes Wohngebiet entgiftet werden – eine Fläche von zwölf Hektar, also etwa 17 Fußballfelder groß. Es war auf dem Gelände der ehemaligen Chemiefabrik Sattler entstanden, die bis 1930 dort produziert hatte. Kurz nach Schließung der Fabrik wurde das Wohngebiet aufgebaut.

In der Fabrik war das hochgiftige „Schweinfurter Grün“ hergestellt worden. Anfang 2001 waren im Boden bei Untersuchungen Arsen-Konzentrationen festgestellt worden, die den erlaubten Wert fast um das 400-Fache überschritten, im Grundwasser sogar zum Teil um das 3000-Fache. Der Boden des Wohngebiets war bis in eine Tiefe von neun Metern mit Arsen, Blei, Kupfer und Chrom verseucht. Auch das Grundwasser war extrem belastet.

Die Altlastensanierung galt wegen der engen Wohnbebauung als eine der schwierigsten in Deutschland. Drei Jahre lang – von 2012 bis 2015 – war Schonungen eine Großbaustelle. Insgesamt wurden 185 000 Tonnen Bodenmaterial ausgebaggert und neu aufgefüllt. Unter dem ausgebaggerten Material befanden sich 210 Tonnen Arsen, 160 Tonnen Blei, 80 Tonnen Kupfer und 29 Tonnen Chrom. Fünf Häuser mussten abgerissen werden.

Die Bürger hatten Angst um ihre Gesundheit. „Gleich zu Beginn wurden sie auf freiwilliger Basis auf ihre Arsen- und Bleibelastung untersucht. Das Ergebnis war zum Glück, dass die Bürger nicht belastet sind“, berichtet Theo Kohmann, der Vorsitzende der Bürgerinitiative. Dann rückten die enormen Kosten in den Mittelpunkt, die auf die betroffenen Eigentümer zukamen. Deshalb wurde die „Solidargemeinschaft umweltbewusster Bürger“ gegründet, die für die Bewohner der Sattler-Altlast eintrat. Und das mit Erfolg.

„Es ist ein großes Unrecht, wenn Bürger für etwas bezahlen müssen, für das sie nicht verantwortlich sind“, betont Schreiner. Dasselbe gelte für die Gemeinde Wildeck. „Wir fordern, dass Land und Bund alle Kosten für die Sanierung und Wiederherstellung der Grundstücke bezahlen.“ Vor Kurzem hatte die Bürgerinitiative eine Postkartenaktion gestartet. Schreiner „Weitere spektakuläre Aktionen werden folgen. Wir werden nicht kleinbeigeben.“

„Wir standen überall auf der Matte“

Die Sanierung der Altlasten der Chemiefabrik Sattler in Schonungen kostete 44 Millionen Euro. Den Großteil trug das Land. Die Neugestaltung des Geländes kostete weitere sechs Millionen Euro. „Die privaten Grundstücksbesitzer mussten insgesamt 230 000 Euro bezahlen“, berichtet Theo Kohmann, der Vorsitzende der Bürgerinitiative. „Ein verschwindet geringer Betrag im Vergleich zu den ursprünglichen Forderungen.“

32 private Grundstücke mussten saniert werden und 14 Grundstücke der Gemeinde. 77 weitere belastete Grundstücke wurden nicht saniert, werden aber weiter überwacht.

Die Initiative schaffte es, dass Verträge zwischen den Eigentümern und dem Land Bayern geschlossen wurden. Sie legten fest, dass die privaten Eigentümer pro Quadratmeter nur 13,33 Euro für die Sanierung zahlen müssen. Die Kosten für die Wiederherstellung der Gärten und abgerissenen Häuser übernahm das Land. „Das haben wir erkämpft. Das Land wollte zunächst gar keine Kosten übernehmen“, sagt Kohmann. Die Verträge mit der Gemeinde sehen anders aus. Für sie gab es sehr hohe Zuschüsse.

Um das alles zu erreichen, hatte die als Verein eingetragene Initiative zahllose Aktionen gestartet, zum Beispiel eine Petition an den Landtag und den Bundestag sowie Demos bei Auftritten von Politikern. Sie engagierte zwei Anwälte und einen geologischen Berater. Wichtig war auch eine Projektgruppe mit einem neutralen Mediator – dabei waren Betroffene und Behörden. „Wir standen immer und überall auf der Matte“, sagt Kohmann. (René Dupont)

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