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Verfolgt und ermordet: Stolpersteine in Schenklengsfeld erinnern an jüdische Familie

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Der Künstler Gunter Demnig hat in Schenklengsfeld die ersten neun Stolpersteine verlegt. Sie erinnern an die zur NS-Zeit verfolgte und ermordete Familie Löwenberg
Der Künstler Gunter Demnig hat in Schenklengsfeld die ersten neun Stolpersteine verlegt. Sie erinnern an die zur NS-Zeit verfolgte und ermordete Familie Löwenberg © Jan-Christoph Eisenberg

Der Künstler Gunter Demnig hat in Schenklengsfeld die ersten neun Stolpersteine verlegt. Sie erinnern an die zur NS-Zeit verfolgte und ermordete Familie Löwenberg

Schenklengsfeld – „Juden und Christen waren in Schenklengsfeld Nachbarn, aber sie haben sich nicht wirklich gekannt. Wir müssen uns besser kennenlernen, um zu verhindern, dass sich die Vergangenheit in der Gegenwart noch einmal wiederholt“ – mit diesem Zitat von Martin Löwenberg beschloss der frühere Gemeindepfarrer Dietmar Preis als letzter Redner am Mittwochmorgen eine Feierstunde an der Landecker Straße.

Der 1914 in Schenklengsfeld geborene und 2004 in Davis/Kalifornien gestorbene Hans Löwenberg war das zweite von sieben Kindern der Familie des Landhändlers Sally Löwenberg, an deren Schicksal seit gestern neun Stolpersteine erinnern. 79 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der NS-Diktatur verlegte der aus Berlin stammende Künstler Gunter Demnig die neun Quader, deren Messing-Oberseite mit den Lebensdaten versehen sind, im Beisein zahlreicher Vertreter des öffentlichen Lebens im Pflaster des Gehwegs vor der Hausnummer 22, dem letzten Wohnhaus der Familie.

Initiiert worden war die Stolperstein-Verlegung von der Gesamtschule Schenklengsfeld und dem Förderkreis jüdisches Lehrerhaus. Weitere Steine für jüdische Einwohner, die zur Zeit des Nationalsozialismus verfolgt und ermordet wurden, sollen in den kommenden Jahren folgen. Eingeladen waren zu der Zeremonie auch Angehörige der Familie Löwenberg, die von einer Teilnahme wegen der aktuellen politischen Situation im Nahen Osten aber abgesehen hatten.

Im Vorfeld hatten Schülerinnen und Schüler der Gesamtschule mit ihrer Lehrerin Janina Bing die Biografien der Familie Löwenberg recherchiert und zeichneten die Lebensläufe nach: Sally Löwenberg und seine Frau Klara flüchteten 1938 nach Fulda, wurden 1941 mit den beiden jüngsten Söhnen, den Zwillingen Kurt und Fritz, ins Ghetto Riga deportiert, 1943 nach Auschwitz verschleppt und dort ermordet. Bertha, Hans und Margt Löwenberg gelang 1935 beziehungsweise 1938 die Flucht, Eva und Martin Löwenberg gelangten nach Inhaftierung in mehreren KZs und dem Todesmarsch nach Kiel 1945 über die Rettungsaktion „Weiße Busse“ nach Schweden.

Zeichneten die Biografien der jüdischen Einwohner nach: Schülerinnen und Schüler der Gesamtschule gestalteten die Stolperstein-Verlegung vor dem ehemaligen Wohnhaus der Familie Löwenberg an der Landecker Straße mit.
Zeichneten die Biografien der jüdischen Einwohner nach: Schülerinnen und Schüler der Gesamtschule gestalteten die Stolperstein-Verlegung vor dem ehemaligen Wohnhaus der Familie Löwenberg an der Landecker Straße mit. © Jan-Christoph Eisenberg

„Wir bekennen uns zu unserer Verantwortung unserer eigenen Geschichte gegenüber, welche uns durch die grausamen Verbrechen und menschenverachtenden Systeme der Nazi-Diktatur auferlegt wurde“, hatte Schulleiter Karsten Vollmar in seiner Begrüßungsansprache betont. Von der Verlegung der Stolpersteine müsse das Signal ausgehen, zur Demokratie und ihren wesentlichen Grundpfeilern wie Wahlen, Pluralismus, Parteien und Freiheitsrechten zu stehen, sagte Vollmar an seine Schülerinnen und Schüler gewandt.

„Gerade in der heutigen Zeit, wo Hass, Terror und insbesondere Judenhass wieder offen kundgetan werden, ist es umso wichtiger, an die Schrecken von damals zu erinnern, unterstrich auch Bürgermeister Andre Wenzel, für den die Stolpersteine zugleich Mahnung zur Wachsamkeit sind: „Sie lassen uns stolpern, auch über unsere eigene Verantwortung“, betonte der Rathauschef.

Karl Honickel vom Förderkreis Jüdisches Lehrerhaus zeigte sich erfreut darüber, dass die Stolpersteine als vielerorts verbreitete Form der Erinnerungskultur nun endlich auch in Schenklengsfeld umgesetzt werden.

Christopher Willing vom Verein zur Rettung der Synagoge Felsberg und selbst angeheirateter Verwandter der Familie Löwenberg, hob die Verantwortung der anwesenden Jugendlichen hervor, auch in Zukunft für Demokratie und Freiheit einzutreten.

Musikalisch begleitet wurde die Stolperstein-Verlegung von derzeitigen und ehemaligen Schülern unter der Leitung von Moritz Winterling. An die Feierstunde schloss sich ein ebenfalls von den Jugendlichen gestalteter Dorfrundgang zu den Schauplätzen jüdischen Lebens in Schenklengsfeld an. (Jan-Christoph Eisenberg)

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