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Awet Tesfaiesus: „Ich möchte Defizite sichtbar machen“

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Von: Sebastian Schaffner

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Awet Tesfaiesus
Seit 2021 im Bundestag: Awet Tesfaiesus, die über die Landesliste der Grünen für den Wahlkreis Werra-Meißner/Hersfeld-Rotenburg nach Berlin kam. © Privat

Der neue Bundestag ist fast ein Jahr alt. 279 neue Abgeordnete sind hineingewählt worden, darunter Awet Tesfaiesus. Sie ist die erste schwarze Frau im Parlament. Hier erklärt sie ihre Ziele.

Hersfeld-Rotenburg/Werra-Meißner – Tesfaiesus hat es über die Landesliste der Grünen gerade noch so den Sprung nach Berlin geschafft. Die 47-jährige Kasselerin vertritt dort den Wahlkreis Werra-Meißner/Hersfeld-Rotenburg.

Frau Tesfaiesus, viele überregionale Medien interessieren sich für Sie – vor allem, weil Sie die erste schwarze Frau im Bundestag sind. Was überwiegt: die Freude über diese Vorbildrolle oder der Wunsch, darüber hinaus als Politikerin wahrgenommen zu werden? Die Freude überwiegt. Meine Aufgabe sehe ich schon darin, Türen zu öffnen und Defizite sichtbar zu machen. Wenn ich mich in die Position begeben würde, nur als Politikerin und nicht als schwarze Frau gesehen werden zu wollen, würde ich das ausklammern und das möchte ich nicht. Denn es gibt ja einen Grund, warum wir bislang keine schwarze Frau im Bundestag hatten.

Was ist der Grund? Wir haben in nahezu allen Strukturen Defizite, was Diversität angeht. Damit meine ich nicht nur schwarze Frauen, sondern die Gesellschaft in ihrer Vielfalt. Wenn wir uns die Politik anschauen, die Behörden, die Karrieren in der Wirtschaft – dann ist das Bild eher einheitlich: männlich und weiß. Das zieht sich bis in die Parlamente.

Wofür stehen Sie inhaltlich? Die Themen Vielfalt und Chancengleichheit haben mich schon immer sehr bewegt. Mich treibt die Frage an, wie wir es schaffen, in einer Gesellschaft zu leben, in der alle Bürgerinnen und Bürger die gleichen Chancen und Teilhabemöglichkeiten haben, unabhängig davon, ob ich im Rollstuhl sitze, welche geschlechtliche Orientierung ich habe und woher meine Eltern stammen. Ich gehe übrigens davon aus, dass diese Themen auch im ländlichen Raum eine große Rolle spielen, weil es dort weniger Unterstützungsstrukturen als in einer Großstadt gibt, etwa für einen jungen Menschen, der sich als homosexuell outet. Wir müssen weg von dem Bild, dass das urbane Themen seien. Aus meiner eigenen Familie weiß ich, wie es ist, wenn ein Mensch erblindet und dann nicht mehr, wie es im ländlichen Raum üblich ist, mit dem Auto unterwegs ist, sondern sich Gedanken machen muss, wie man von A nach B kommt, wenn nur der Schulbus fährt. Wir müssen Vielfalt und Teilhabe generell mitdenken.

Wofür wollen Sie sich noch einsetzen? Für mehr kulturelle Angebote im ländlichen Raum. Wir haben zwar große Marker wie die Bad Hersfelder Festspiele, das Herzberg-Festival und das Open Flair. Aber ich würde mir wünschen, wenn sich Kultur auch mehr in den kleinen Ortschaften etabliert.

Am 17. März haben Sie Ihre erste von bislang drei Reden im Bundestag gehalten. Sechseinhalb Minuten lang sprachen Sie über den Medien- und Kommunikationsbericht der Bundesregierung. Wie war das? Ich war erstaunlich nervös. Das hatte ich so nicht erwartet, weil ich schon zig Reden gehalten habe, im Kasseler Stadtparlament und auf Demonstrationen mit mehreren tausend Menschen. Aber im Bundestag ist das doch noch mal eine andere Situation. Erschwerend kam hinzu, dass ich das Thema kurzfristig von einem erkrankten Kollegen übernommen habe. Das machte es nicht besser. (lacht)

Wenn alle da sind, sitzen im Parlament 736 Abgeordnete. Wer gefällt Ihnen am besten? Meine Fraktion natürlich. Namentlich möchte ich da jetzt ungern jemanden nennen. Es gibt aber auch in anderen Fraktionen sympathische Menschen und vernünftige Positionen, deren Aussagen ich unterzeichnen würde.

Gibt es auch Abgeordnete, um die Sie in der Bundestagskantine bewusst einen Bogen machen? Es gibt Politiker und Politikerinnen, die einen ganz anderen Ansatz haben als ich. Sie leben nach dem Motto Haudrauf und treten im Plenum auch so auf. Ich finde nicht, dass das der Umgang ist, den wir pflegen sollten, auch wenn manche Ältere im Bundestag sagen, das gehöre dazu. Ich finde, man sollte sich zuhören, seine Argumente präsentieren und respektvoll miteinander umgehen.

Namen wollen Sie aber nicht nennen? Grundsätzlich habe ich Probleme mit der AfD.

Sie haben in Hessisch-Lichtenau seit mehreren Monaten ein Wahlkreisbüro angemietet. Eröffnet ist es aber noch nicht? In Betrieb ist es schon eine Weile. Die Eröffnungsfeier findet am 4. September statt.

Im Kreis Hersfeld-Rotenburg planen Sie ebenfalls ein Büro, haben aber noch nicht mal Räumlichkeiten gefunden. Woran liegt’s? Die Herausforderung besteht darin, dass ich am liebsten barrierefreie Räumlichkeiten haben möchte. So etwas zu finden, ist echt schwer. Inzwischen würden mir auch barrierearme reichen, sodass man zumindest mit einem Rolli reinfahren kann.

Wo soll das Büro entstehen? In Rotenburg oder Bebra. In Bad Hersfeld sind die Grünen schon vertreten.

Militäreinsätze, Milliarden für die Bundeswehr, Ja zu klimaschädlichen Flüssiggastanks – Ihre Partei hat zuletzt erstaunliche Kehrtwenden hingelegt. Wie lange macht die Parteibasis das noch mit? Mein Eindruck ist, dass die Basis gar nicht gegen unsere Politik ist. Natürlich sind wir für eine Friedenspolitik. Diese setzt aber Prozesse vorher voraus, etwa das Intervenieren bei Krisen. Das ist nicht geschehen. Die vorangegangene Regierung hat Putin (Russlands Präsident, d. Red.) lange gewähren lassen. Wir sind sehenden Auges in diesen Konflikt gelaufen, der ja schon seit Jahren besteht. In einer Notsituation wie jetzt, in der Menschen auf uns angewiesen sind, kann man Friedenspolitik nicht darauf beschränken, zu sagen, dass wir keine Waffen liefern.

Eine Folge des Krieges sind stark steigende Energiekosten. Die Sorge vor kalten Wohnungen im Winter ist so begründet wie lange nicht mehr. Was sagen Sie Menschen, die sich hierzulande Sorgen um ihre Zukunft machen? Wir müssen ehrlich sein und haben das von Anfang an auch so kommuniziert, dass dieser Krieg auch für uns harte Folgen haben wird. Wenn wir sagen, dass wir kein Gas mehr aus Russland beziehen, wenn wir Sanktionen einleiten, dann bedeutet das für uns gewisse Härten. Wir müssen jetzt den Menschen, die diese Härten am stärksten treffen, mit einem Entlastungspaket helfen und die Lasten gerecht verteilen.

Wie sieht aus Ihrer Sicht eine gerechte Lastenverteilung aus? Viele Lebensumstände spiegeln sich im Nettoeinkommen. Deshalb müssen die geringen Einkommen stärker entlastet werden und die höheren einen Beitrag leisten, in Abstufung natürlich. Wenn ich aber Vorschläge wie vom Bundesfinanzminister (Christian Lindner, FDP, d. Red.) sehe, bei denen ich mit meinem hohen Einkommen Vorteile habe, dann verstehe ich die Welt nicht mehr.

Olaf Scholz war im Allgäu wandern, Nancy Faeser in Frankreich, Christian Lindner hat Flitterwochen auf Sylt gemacht. Wo verbringen Sie Ihren Sommerurlaub? Ich habe mir einen Traum erfüllt, ich war zwei Wochen an der Ostküste der USA, in Harlem. Dort habe ich mich mit Bürgerrechtsorganisationen ausgetauscht, um zu schauen, was wir von ihnen lernen können.

Nämlich? Zum Beispiel die Selbstverständlichkeit, das Rollinutzende dort problemlos in jedes Restaurant kommen und sich nur noch darüber Gedanken machen müssen, ob ihnen das Essen schmeckt – und nicht, ob sie es überhaupt reinschaffen.

Von Sebastian Schaffner

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