"Er hat die Welt von heute vorausgesehen"

Die Revolution geht weiter: Ex-Lehrer aus Bad Hersfeld ist Karl Marx

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Brüder nicht nur im Geiste: Der ehemalige Bad Hersfelder Lehrer Michael Thielen (links) und der Philosoph und Ökonom Karl Marx. 

Früher war Michael Thielen ein schräger Lehrer am Bad Hersfelder Gymnasium. Heute sieht er aus wie Karl Marx und macht als Darsteller des Revolutionärs Karriere. Auch an der Seite von Günther Jauch.

Es ist zehn Jahre her, dass Michael Thielen zu Karl Marx wurde. Der Deutsch- und Englischlehrer der Bad Hersfelder Modellschule Obersberg war in den Sommerferien ein bisschen faul, wie er gesteht: "Ich habe mir alles wachsen lassen." Haare und Bart wurden so lang, bis ein Freund sagte: "Du siehst aus wie Karl Marx."

Mittlerweile ist Thielen im Ruhestand, lebt in Trier unweit seiner Heimat in der Eifel und ist ganz offiziell Karl Marx. Zum 200. Geburtstag des Philosophen macht er im Namen der Stadt Werbung für den Begründer des Kommunismus. Der 66-Jährige war auf der Internationalen Tourismus-Börse (ITB) in Berlin, stand bei der Premiere des Kinofilms "Der junge Karl Marx" mit Hauptdarsteller August Diehl auf dem Roten Teppich und lässt sich mit Touristen vor Marx' Geburtshaus fotografieren.

Dieses Video ist Inhalt des Videomarktplatzes Glomex und wurde nicht von der HNA produziert.

Manchmal fragen ihn Besucher auf der Straße: "Wissen Sie eigentlich, wem Sie ähnlich sehen?" Da hat Thielen schon seine Autogrammkarten gezogen, die er dann verteilt. Der Höhepunkt folgt an diesem Samstag, auf den Tag genau 200 Jahre nach der Geburt des Ökonomen: Begleitet von linken und rechten Demonstranten wird im Karl-Marx-Haus die Ausstellung "Von Trier in die Welt" eröffnet. Thielen wird dann nicht nur die SPD-Chefin Andrea Nahles begrüßen, die einmal als weiblicher Karl Marx der Jusos galt, sondern auch Schauspieler Mario Adorf und Günther Jauch, dessen Ururururgroßvater einst die Geburtsurkunde des kleinen Karl unterzeichnete, weil er Zweiter Bürgermeister der Stadt war.

In Jauchs RTL-Quiz "Wer wird Millionär?" wäre Thielen ein sehr guter Telefon-Joker für alle Fragen rund um Marx. Als er in Bad Hersfeld als Lehrer in den Ruhestand verabschiedet wurde, wo er als bunter Hund galt, machte er sich zwei Listen. Auf der einen standen Gründe, warum er in Nordhessen bleiben solle, auf der anderen Punkte, die für Trier sprachen: "Die Liste für Trier war sehr viel länger." Drei Monate später lebte der geschiedene Vater zweier Söhne wieder an der Mosel, wo er mit einem Freund Führungen auf den Spuren von Marx veranstaltete.

Das Duo wollte den Revolutionär als Menschen zeigen und vom Sockel holen. Es ist eine Pointe der Geschichte, dass der bekennende Marxist Thielen nun indirekt mitgeholfen hat, ihn wieder auf ein Monument zu heben. Vor wenigen Wochen wurde eine 4,40 Meter hohe Marx-Skulptur unweit der Porta Nigra aufgestellt. Das Bronze-Werk ist ein Geschenk der Volksrepublik China. Da der echte Marx seit 1883 tot ist, stand Thielen dem Künstler Wu Weishan Modell.

Kritik an Statue von Marl Marx

Nicht alle finden die Skulptur gut. Die CDU-Politikerin und Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner etwa glaubt nicht, "dass wir sie gebraucht hätten". Kritiker monieren, dass durch den Kommunismus 100 Millionen Menschen ums Leben kamen. Ist der Personenkult um Marx angesichts dessen, was Stalin, Mao und Ulbricht aus seinen Ideen gemacht haben, wirklich gerechtfertigt?

Auch Thielen sieht die Schwächen von Marx. Aber der Totalitarismus sei "garantiert nicht in seinem Sinn gewesen". Und privat "war er oft unausstehlich". Aber Marx habe recht behalten. Würde er die globalisierte Welt des Kapitalismus von heute sehen, würde er sagen: "So ähnlich habe ich das prophezeit." Welche Partei Marx heute wählen würde, weiß allerdings auch der Marxist Thielen nicht.

Er selbst war nie Parteimitglied. Vielleicht auch deshalb, weil er für Politik gar keine Zeit hat. Er macht Musik und Bühnenprogramme, fotografiert und schreibt Kulturkritiken für den "Trierischen Volksfreund". Vor allem aber hat er viel Spaß daran, ein Marx-Darsteller zu sein (das Wort Double mag er so sehr wie Kommunisten den Kapitalismus). Trotzdem sagt er: "Wenn ich keinen Bock mehr darauf habe, schneide ich mir die Haare und den Bart wieder ab. Ich brauche nur eine Schere, um mein Leben zu ändern."

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